Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229094--69518-3281824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
279 heit oder Geringschätzung. Aber in Wirklichkeit ist es nicht zu verwundern, wenn die Wissenschaft des Judentums eine Winkelstellung einninnnt, so lange sie nicht an den Universitäten frei und öffentlich gelehrt wird, jedermann zugänglich. Ein Lehrstuhl für Talmud in der philosophischen Fakultät ändert aber diese Winkelstellung noch nicht. Dadurch kommt nicht zum Ausdruck, daß das Judentum heute eine lebendige Religion ist von 600 000 Reichsdeutschen, hinter denen in der Welt eine Gemeinde von über elf Millionen steht. Es ist ein Lehrstuhl für Historie, für Wissen nur von einer Vergangenheit. Was die 600 000 Juden von den meisten deutschen Reichsbürgern unterscheidet, ist ihre Religion. Oder ist es die Nationalität, ist es die Nasse? Es sind heute Zionisten und Antisemiten bereit, das zu bejahen. Aber man wird die Aufgabe, die das Judentum uns im Deutschen Reiche stellt, nicht dadurch lösen, daß man die Juden als Fremdvolk ansieht und behandelt. Ebensowenig wird es sich in absehbarer Zeit in der deutsch-christlichen Masse auflösen. Dagegen ist anerkannt, daß es innerhalb unserer Gesamtknltur einen über die Ziffer mit seinem Einfluß weit hinausreichenden Faktor bedeutet. Dieses Faktors und dieser Bedeutung hat die deutsche Nation, hat die deutsche Wissenschaft, hat der deutsche Staat sich zu bemächtigen. Und er kann ihm, erkennend und bildend,nur beikommen von seiten seiner Religion als seines reinsten Eigenbesitzes. Das müssen beide Teile wünschen, Inden und Christen. u - Natürlich muß eine Fakultät genügen. Und zwar im Anschluß mt eine christliche. Denn es wird gar nicht so einfach sein, sie sofort vollständig zu besetzen. Altes Testament, Talmud (rabbinisch'e Literatur), Geschichte des Judentums, systematische Theologie (Religionsphilosophie und Religionsgeschichte), praktische Theologie — das wären die fünf Lehrstühle; auf den für praktische Theologie könnte man von Universitäts wegen verzichten, wenn der Anschluß an die kirchliche Praxis irgendwie sonst gesunden würde. Die jüdische Gelehrtenzunft von heute wäre damit vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Sie könnte zeigen, was sie leistet. Hie Rliodus, hie salta. Die jüdische Kirche träte vor das Licht der vollen Oesfentlichkeit wie noch nie. Irre ich nicht, so hat einst Abraham Geiger in diesem Sinn mit dem Minister Eichhorn verhandelt, ehe er die jüdische Lehranstalt in Berlin ins Leben rief. Neuerdings hat Hermann Cohen in einem Jubiläumsartikel zur Judenemanzipation in Preußen gleiches gefordert. Der Staat muß die Wohltat der Emanzipation voll machen, indem er die jüdische Religion mit in den Bereich seiner Kulturaufgaben einbezieht. „Es darf ihm nicht genügen, über die Verwaltung unserer Gemeinden die Aufsicht zu führen, noch auch durch Beihilfen da einzutreten, wo in kleineren Gemeinden der Religionsunterricht in Frage gestellt wird." Die oolle wissenschaftliche Pflege, Vertiefung und Fortentwicklung bei den von ihm anerkannten Religionsgemeinschaften ist Sache des politisch aufgeklärten, gerechten Staates. Cohen fordert daher im Namen seiner Glaubensgenossen: „daß an den Universitäten von wissenschaftlich freien Bekenner» unseres Glaubens die Wissenschaft des Judentums vertreten würde". Man hat das „wissenschaftlich frei" nicht im Sinne einer liberalen Reformpartei zu verstehen, sondern im Sinne der Selbstverständlichkeit, daß an die Universität natürlich nur Theologen gehören, die, ob „liberal" oder „konservativ", mit den Grundsätzen einer freien Wissenschaft ihrem Gegenstand gegenüber Ernst machen. Ob der heutige Staat so etwas tun wird? Und unter den vielen deutschen Kulturstaaten welcher? Seiner Größe und Macht nach wäre der preußische Staat dazu berufen. Aber er wird schwerlich die Kraft zu einem solchen Vorgehen besitzen. Immerhin, ausgesprochen muß werden, was sein soll. Und wenn wir wirklich in eine Epoche neuer llniversitätsgründungen eintreten sollten, obendrein unter starker privater Initiative, ist es um so mehr an der Zeit. Irgendwo zündet der Funke eines richtig gedachten Gedankens. Wir fordern die jüdischtheologische Fakultät im Interesse einer deutschen Kulturnation. Konfessionell jüdische Bedenken wollen wir erst abwarten, ehe wir ihnen widersprechen. Einstweilen sagen wir mit Cohen: „Der Staat hat dafür zu sorgen, daß den Kirchen die Segnungen der Wissenschaft zugeführt werden." — Und — etwas zu kühn, aber, so wie gemeint, doch richtig —: „Die Wissenschaft von der Religion ist der beste Schutz und Trutz der Religion." Hony soit qui mal y pense. Es gibt in Staat und Kirche kluge Leute, die für die kleineren Gemeinschaften nur ein Achselzucken oder ein Lächeln haben. Aber aus der Sorge für das Geteilte und Kleine setzt sich schließlich die gemeine Wohlfahrt zusammen. Und das Judenhmt soll man weder verachten noch durch leidenschaftliches Für und Wider sein Selbstbewußtsein ins Ungesunde steigern, sondern man soll seine Bedürfnisse erforschen und int Nahmen des vaterländischen Gemeinwesens auf deren rechte Befriedigung bedacht sein. * Von einem russischen Hochschulprofessor erhält die „Russische Korrespondenz" folgende Zuschrift: Zur sogenannten Ausländersrage an den ' * d >e u t s ch e n Hochs ch u l e n. Als russischer Professor, der ich aus meiner heimatlichen -Erfahrung wohl weiß, welche Verwüstungen jedes Ausnahmerecht anrichtet, habe ich wahrend meines mehrmonatigen Aufenthaltes in Deutschland mit großem Erstaunen wahrgenommen, daß auch hier ähnliche Tendenzen eine Stätte und leidenschaftliche Verfechter zu finden beginnen. Ich spreche von den Beschränkungen, die an den deutschen Hochschulen gegen die Aufnahme russischer Studierender gefordert und teilweise durchgeführt oder in Aussicht gestellt sind. Am schmerzlichsten hat es mich jedoch berührt, daß diese Beschränkungen selbst in fortschrittlichen Kreisen keineswegs ans einmütigen Widerspruch stoßen. Wodurch erklärt.sich -aber die seltsame Erscheinung? . Ich glaube, daß die Frage trotz der langen Diskussion nicht geklärt, sondern mit der Anhäufung des Zündstoffes immer mehr verdunkelt worden ist. Während der oft fanatischen Kämpfe sind Schreckgespenster gemalt worden, die den größten Teil der deutschen Studentenschaft irregeführt und unter den Fernstehenden über die Art und den Einfluß der Studierenden aus Rußland die falschesten Vorstellungen erweckt haben. So ist immerwährend von einer „Ueberflntung" der deutschen Universitäten durch die Russen die Rede, und im preußischen Landtag, hat ein Abgeordneter sogar die Behauptung aufgestellt, daß in Königsberg und Leipzig 44 bis 45 Prozent der Studierenden Allsländer sind. Daß diese Zahlen eine unglaubliche Uebertreibung darstellen, braucht kaum gesagt zu werden. Was aber die Rillssen anbetrifft, gegen die sich die Maßnahmen richten sollen, so beläuft sich ihr Prozentsatz in Leipzig uns 7,6 Prozent und selbst in der wogen der nahen Grenze von Russen am meisten frequentierten Universität Königsberg erst auf 13,3 Prozent. Nur noch in wenigen Universitäten übersteigt das Verhältnis der Russen zur Gesamtheit den Satz von fünf Prozent. Hingegen -gibt es eine große Anzahl von Universitäten, in denen die russischen Studierenden einen lninimalen Bruchteil bilden, wie Tübingen mit 17 Russen -unter 1898 Studierenden, wie Gießen mit 31 unter 1338, wie Kiel mit 12 unter 1370. Wären nämlich die Russen über alle deutschen Universitäten gleichmäßig verteilt, so lpürdeu sie durch ihre Anzahl überhaupt nicht mehr so ausfallen. Frappiert hat.mich aber die Bestimmung der Leipziger Universität durch die Forderung, daß jeder russische Staatsangehörige als Vorbedingung zu seiner Aufnahme den Nachweis eines vorangegangenen zweisemestrigen Universitätsstudiums in Rußland zu erbringen hat. Warum bieten diese zwei Semester eine Gewähr für eine bessere Vorbereitung? Auf den ersten Blick fällt den Deutschen gar nicht ein, welche Härte in der Leipziger Bestinnnung enthalten ist. Denn gerade für alle jene russischen Studierenden, die mit meisten auf die deutsche Gastfreundschaft angewiesen sind, für alle diejenigen, die wegen ihrer jüdischen Abstammung auf Grund einer brutalen Prozentnorm in die russischen Hochschulen nicht -ausgenommen werden, bedeutet eine Forderung lvie diejenige des „Heimstudiums" eine völlige Ausschließung von der Immatrikulation. Bei vorurteilsloser Beurteilung der Sachlage kann utan es nicht begreifen, daß es wirklich positive Gründe dafür geben könnte, daß Deutschland diesen Elementen die zeitweilige Gastfreundschaft verweigern und damit den antisemitischen Intentionen der russischen Negierung recht geben sollte. Seltsam ist aber auch folgender Umstand: Wir haben während der Kampagne gegen die russischen Studierenden gehört, daß die deutschen Klinikerschaften sich durch die übermäßige Zahl russischer Studierender bedrängt fühlen. Wie kommt es mm, daß die Leipziger Universität ihnen die Ausnahme in sämtliche Fakultäten versagen will? Man lväre fast geneigt, ganz andere Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache zu ziehen. Noch ein anderer Punkt bedarf der Klärung und vermag nach sachgemäßer Prüfung als. Vorurteil mit Leichtigkeit zurückgelviesen zu werden. Das ist die Behauptung, daß jeder russische Studierende dem