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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 die Vergrößerung anderer Länder folgt, als eine furchtbare Gefahr. Schon 1890 erfolgte die erste Vermehrung, nach der zweiten des Jahres 1900 wurde die Zahl der Gemeinen aus 495 500 gebracht, 1905 auf 504 655, die Vorlage von 1911 erhöhte sie auf 544 211 (zu allen diesen Zahlen kommen dann die vielen Tausenden der Unteroffiziere und höheren Offiziere), und die neueste riesenhafte Wehrvorlage bringt die Zahl aller unter Waffen stehenden Leute auf etwa 817 000 Mann. Das lebhafteste Interesse widmet der Kaiser der Vermehrung der Flotte. Unter seiner Regierung ist die Kriegsmarine erst zu einer wirklich bedeutsamen emporgewachsen, er selbst, unterstützt durch seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, bezeigt ihr ein besonderes Interesse. Auch die Vermehrung dieser Flotte birgt manche Gefahren in sich, hat namentlich die Eifersucht Englands hervorgerufen; auch hier ist es glücklicherweise bisher zu keinem ernsten Konflikt gekommen, ja es scheint geradezu, als wenn in der letzten Zeit, nach der starken Beängstigung vergangener Zeiten, Ruhe und Versöhnlichkeit sich vorbereiten. Auch der Luftschiffahrt widmet der Kaiser eine große Zuneigung. Seiner Initiative ist es zuzurechnen, daß es sich hier nicht nur um einen Sport handelt, sondern daß die gewaltigen Schisse auch für Kriegszwecke vorbereitet werden. Wie der Entwicklung des Militärs, so wendet der Herrscher der Wissenschaft und Kunst seine Aufmerksamkeit zu. Gerade hier sind seine Ansichten und Bestrebungen weiten Kreisen nicht immer sympathische gewesen: die Ablehnung alles Modernen in der bildenden Kunst und die Bevorzugung mancher Mittelmäßigkeit in der Dichtung, das mangelnde Interesse für die wirklich bedeutsamen Erscheinungen der Poesie haben vielfache Verstimmung hervorgerufen. Von besonderer Wichtigkeit sind die Bemühungen des Kaisers um Schulreform, Sozialreform, koloniale Bestrebungen. Was die erstere betrifft, so hat er hier dem Grundsätze, die Heranwachsende deutsche Jugend den jetzigen Anforderungen der Weltstellung des deutschen Vaterlandes und auch unseres Lebens entsprechend heranzubilden, Ausdruck gegeben. Seinem Gedanken entsprechend, sind in einer von ihm berufenen Konferenz die drei höheren Schulen, Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen, gleichgestellt worden; nach seiner Intention sollte das Englische als eine der wichtigsten Weltsprachen auf den Gymnasien in höherem Grade als bisher berücksichtigt werden. Von hervorragendster Bedeutung ist seine Tätigkeit für die Svzialreform, sie ist die Fortsetzung der seit 1881 in Preußen begonnenen Arbeiterversicherung und krönt diese Bestrebungen durch den nationalen Arbeiterschutz, den der Kaiser in jeder Weise zu fördern bestrebt ist. In einem Erlasse vom 17. November 1906 heißt es: es sei des Kaisers fester Wille, „daß die Gesetzgebung auf dem Gebiete der sozialpolitischen Fürsorge nicht ruhe^ und auf den Schutz und das Wohl der Schwachen und Bedürftigen fortgesetzt bedacht sei". Endlich sei daraus hingewiesen, daß die deutsche Kolonialpolitik unter Kaiser Wilhelm II. die alten Bahnen fortgesetzt hat, nicht überseeische Provinzen zu annektieren, sondern daß sie den Charakter einer allen Machtbestrebungen abholden Schutz- und Wirtschaftspolitik bewahrte. Unter der Regierung unseres Kaisers sind in den Schutzgebieten geordnete Verhältnisse eingeführt worden, und wenn auch manchmal hier gewaltsam eingegriffen werden mußte, so sind jedenfalls nicht furchtbare Opfer gebracht worden. Manche dieser Kolonien, wie Kiäutschou, haben sich glänzend entwickelt; die Diamantfunde in Südwestafrika sind Zeugen einer planvollen Tätigkeit. Der gewaltige Aufstieg unserer Schutzgebiete ist wesentlich mit den Entschließungen des Kaisers zu verdanken, Und vielleicht der schönste Erfolg seiner Kolonialpolitik ist es. daß auch das deutsche Volk an den Kolonien Freude gewonnen hat. Bei einem kurzen Rückblick auf die 25 Jahre der Entwicklung darf man konstatieren, daß Preußen und Deutschland eine führende Rolle in der Welt spielen, zwar viel beneidet und angefeindet, nicht überall geliebt, vielleicht auch manchmal befehdet und zurückgedrängt, aber d-aß es im allgemeinen mit Stolz auf die Vergangenheit sehen und mit Ruhe, wenn sich auch in sie gelegentlich Bangigkeit einmischt, der Zukunft entgegengehen kann. Wer nun freilich dieser äußeren Entwicklung gegenüber in die innere schaut, hat nicht immer Grund zur Freude. Die freiheitlich Gesinnten müssen ein stetes Anwachsen reaktionärer Maßregeln und Gesinnungen konstatieren; die Freiheit, deren sich unsere westlichen Nachbarn erfreuen, scheint in Preußen geschwunden. Gewiß trägt der Monarch nicht allein die Schuld an dieser, den meisten von uns traurig erscheinenden Entwicklung; aber viele wünschten ein temperamentvolles Wort von ihm, einen liberalen Hauch, der die ganze Verwaltung, die innere Regierung beleben würde. Und diesen Wunsch teilen vor allem auch die Juden. Sie' konstatieren gern, daß ein jüdischer Richter zu den Jugendfreunden des Kaisers gehört, sie wissen viel davon zu berichten, daß hervorragende jüdische Kaufleute und Industrielle gern von dem Monarchen angesprochen, begrüßt werden, daß manche seine Intimität genießen, aber sie sehnen sich danach, daß diese Hinneigung nicht nur einzelnen, sondern der Gemeinschaft zuteil würde. Auch an diesem Festtag wollen wir von dem schlecht unterrichteten an den besser zu unterrichtenden Kaiser appellieren, der, ein Schirmherr der Gerechtigkeit, es auch als seine Pflicht ansehen möge, den jüdischen Bürgern Preußens ihr volles Recht zu gewähren. Der Kaiser begeht sein 25 jähriges Jubiläum in vollster Manneskraft. Möge es ihm vergönnt sein, seine einzigartige Stellung noch lange zu genießen,, möge er als wirklicher Friedenskaiser sich der Ruhe und segensreichen Entwicklung Preußens und Deutschlands noch lange erfreuen, und möge es ihm gewährt sein, Recht und Gerechtigkeit, innere und äußere Freiheit allen denen zu verschaffen, die als freie Bürger Preußens und Deutschlands die Größe des Vaterlandes lieben und ersehnen. Die Liebe zum Herrscher, die Verehrung für den, der an der Spitze von Millionen steht, zeigt sich nicht in knechtischer Unterwerfung und in blinder Schmeichelei, sondern in Anerkennung des wahrhaft Großen und in dem Ausdrucke mancher Sehnsucht, die bisher unerfüllt und unbefriedigt geblieben ist und nach Verwirklichung ringt. Möge es dem Kaiser gelingen, dieser Sehnsucht wahrhafter Patrioten in einer reich gesegneten langen Tätigkeit immer mehr entgegenzukommen. Sie Mache. Berlin, den 10. Juni 1913. ie „Süddeutschen Monatshefte" enthalten folgenden sehr merkwürdigen Artikel unter dem Titel: „Jüdischtheologische Fakultät in Frankfurt" von Professor Martin Rade: Protestantismus und Katholizismus haben ihre theologischeil Fakultäten, das Judentum hat keine. Frankfurt wäre berufen, diesem Mangel abzuhelfen. Aber alles Oertliche lasse ich beiseite. Nur über das grundsätzliche Bedürfnis einer solchen Stiftung will ich reden. Das Bedürfnis müßte' ja zunächst von jüdischer Seite empfunden werden. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß es da nicht in dem Maße vorhanden ist, wie ich dachte. Die jüdische Theologie klagt ohne Unterlaß, daß sie von der christlichen Theologie nicht genug beachtet würde; ein ruhiges Miteinanderarbeiten an gemeinsamen Problemen findet nicht statt; berührt man sich, so geschieht es nicht ohne Gereizt-

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