Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 24 Berlin, 13. Juni 1913 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Dies? Zeitung erscheint wöchentlich?* Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und vor- ' orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson ' Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats profeflor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudvlf rnosse, Berlin. Tlnllpllt' 25jährigen Regierungsjubiläum unseres Kaisers. Von IflllJUll. Ludwig.Geiger. — Die Woche. — Zadoc Kahn. Von Ludwig Geiger. — Tie deutschen Juden und die Landwirtschaft. Von Eugen Kah. — Der „Israelit" und Herr Dr. Wohlgemut!) in Nöten. Von einem Parteilosen. —..Einiges über die russisch-jüdische Jugend der letzten 'zwei Dezennien, Von A. N. — Feuilleton: Jüdische Schauspielkunst in Berlin. VonEugenTannenbaum. — Literarische Mitteilungen.— Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Juden« tums"). Berlin, Frankfurt a. Q , Königsberg i. Pr.;. Aus der Provinz Posen, Breslau, Nürnberg, Köln, Vleicherode, Bruchsal, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. Lum 25jshrigm Mgjermigsjubilöum unlerrs Rsilers. Von Ludwig Geiger. 0bgleich in Preußen 25 jährige Jubiläen nicht offiziell gefeiert werden, so wirdmit Recht bei dem Festtage unseres Kaisers eine Ausnahme gemacht, denn' es kommt nicht allzu häufig vor, daß ein Regent in der Frische seiner Kraft auf 25 Jahre eines gesegneten Wirkens zurückblicken kann. . Ein Vierteljahrhundert reicher Wirksamkeit ist seit dem 16. Juni 1888 verflossen, als Kaiser Friedrich III. seine Augen schloß. Während man sonst sehr Häufig bei dem Tode eines Regenten mit großen Hoffnungen auf den Nachfolger sieht und eine gewisse Ermüdung oder Unzufriedenheit überschwenglicher Freudigkeit Platz macht, herrschte damals eine umgekehrte Stimmung. Dem Kaiser Friedrich hatten alle Herzen zugejubelt, dem neuen Kaiser begegnete man mit einiger Bangigkeit, man fürchtete aus einzelnen Aeußerungen eine sehr starke rückschrittliche Bewegung, man erwartete von dem neuen Regenten übermäßige Kriegslust; man kannte ihn im allgemeinen zu wenig, um seiner Regierung ein bestimmtes Prognostikon zu stellen. Die Befürchtungen haben sich glücklicherweise nicht erfüllt, die 25 Jahre der Regierung waren eine Zeit gesegneten Friedens. Es wäre Byzantinismus, wenn man alles, was in diesem Vierteljahrhündert geschehen ist, in Handel, Industrie, Gesetzgebung, Verwaltung, Heeresorganisation, Flottenvermehrung dem Kaiser allein zuschriebe. Aber auch der, der kein Hurrapatriot ist, wird vieles auf die Initiative des Herrschers schieben dürfen und müssen. . Er ist ein leuchtendes Beispiel unermüdlicher, vielseitiger Tätigkeit. Er hat sich auf vielen Gebieten derartige umfassende Spezialkenntnisse erworben, daß Gelehrte aller Art, Künstler, Industrielle,.Kaufleute über den Umfang und die Gründlichkeit seiner Kenntnisse erstaunt sind. Er hat sich selbst auf manchen Gebieten betätigt. Seine Reden sind von einem ungeheuren Schwung, oft von einer elementaren Kraft und bezeugen ein heißblütiges Temperament, das, wie es in dem Wesen einer solchen Eigenart liegt, gelegentlich.' auch zu.Entgleisungen und Ausschreitungen führt. :; Der Monarch weiß wahres Verdienst zu schätzen und ist lebhaft in der Anerkennung dessen, was er als groß und gut, als' bedeutend und förderlich erkannt hat/ Er weiß zu belohnen und zu strafen, und zeigt oft und gern wahrhaft menschliche Teilnahme. Sein Familienleben ist vorbildlich, in frischester Erinnerung sind jedem die wahrhaft herzergreifenden Worte, mit denen er jüngst bei der Vermählung seiner Tochter diesen Ehebund eingesegnet, der Tochter und dem Schwiegersohn ihre Pflichten klar vorgezeichnet, die Innigkeit des Familienlebens ihnen als heiligste Aufgabe vorgeführt hat. So schlingt sich zwischen dem Monarchen und dem Volke ein Band inniger Herzlichkeit. Selbst die Unzufriedenen — und deren gibt es wie jedem Monarchen gegenüber, gar manche in vielen Kreisen — sehen in ihm nicht nur den Herrscher, sondern den Vater und den Führer. Es ist natürlich, daß nicht jenes patriarchalische Verhältnis ihm gegenüber herrscht, wie dem greisen Kaiser Wilhelm und auch nicht jene Innigkeit, die man dem Liebling des Volkes, Kaiser Friedrich gegenüber zeigte, aber man sieht mit immer neuem Staunen auf die ungeheure Beweglichkeit eines mächtigen Naturells, man erlangt immer größere Achtung vor einer wahrhaft imponierenden Persönlichkeit, und man streift allmählich in weitesten Kreisen das Mißtrauen ab, das in den ersten Jahren der Regierung herrschte. Keine Erzählung dieses langen Zeitraumes innerer und äußerer Politik soll hier gegeben werden, wir müssen uns auf .kurze Andeutungen beschränken. Am wenigsten glücklich war wohl die innere Organisation. Es ist in dieser Zeit nicht gelungen, eine wirkliche Versöhnung mit Dänen und Polen herzustellen, die sich beide nicht an die preußische Herrschaft gewöhnen wollen; ganz ruhige und gedeihliche Zustände sind in Elsaß-Lothringen nicht hergestellt worden; französische Sympathien einerseits, eigensüchtige Bestrebungen anderseits, hindern die vollkommen innere Vereinigung der Reichslande mit dem großen Reich. Eine besondere Sorge des Kaisers galt der Vermehrung des Heeres. Die Friedenssreunde und diejenigen, die in der Förderung der Kulturaufgaben die erste Wicht und die Hauptwirksamkeit einer Regierung sehen, sind nicht ohne Bedenken, Nicht ohne Mißstimmung den Bemühungen aus diesem Gebiete gefolgt. Sie sehen in den beständigen neuen Militär» foröerungen große Gefahren und sie wissen, daß sowohl diese Vermehrungen als die Schwankungen der äußeren Politik mehrfach Kriegsgefahren heraufbeschworen haben, die, wie man ^vielfach sagt, schließlich immer nur durch .die Ruhe und die Autorität des Kaisers beschwichtigt wurden. Gewiß mag diesen immer neuen Rüstungen der' alte Gedanke zugrunde liegen: „wenn du den Frieden willst, rüste den Krieg!", aber gar manchem nicht Eingeweihten erscheint diese ewige. Vermehrung des preußisch-deutschön Heeres, der' naturgemäß auch