Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229093--69513-3281818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zeitung nimmt in einem längeren Artikel gegen die Umtriebe der Deutsch-Nationalen Stellung und meint unter anderem: „Die jüdischen Studenten werden einfach nach einem Mittel suchen müssen, um das Waidhosener Programm wirkungslos zu machen. Sie können erklären: Eine Gemeinschaft von akademischen Bürgern, die aus Feigheit oder Vorsicht den persönlich mutigen Kollegen die ritterliche, Genugtuung verweigert, ist gar nicht würdig, Satisfaktion zu erhalten, und daher auch nicht qualifiziert, einen anderen beleidigen zu können. Auch das wäre eine Form der Ehvenwehr, und ein Verdacht, daß ihr Beschluß denselben Motiven entspringt, denen das Waidhosener Programm seine Entstehung verdankt, konnte sie nie treffen, da sie Beweise genug geliefert haben, daß sie den ehrlichen ritterlichen Kampf nicht fürchten. Die Frage wäre nur, ob sie zu einer solchen Lösung politisch nicht zu schwach sind . . „Im übrigen", schreibt das genannte Blatt, „darf ein Kollegium von Männern, die die höchste Bildung und Kultur im Staate repräsentieren, keine Tendenzen fördern oder nur stillschweigend dulden, die dem staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Prinzip der Gleichberechtigung aller Bürger des Staates zuwiderlausen. Wir haben in Oesterreich nicht einen solchen Uebersluß an Intelligenz, daß wir uns den Luxus erlauben dürfen, eine große Zahl ehrlich Strebender von der Wissenschaft auszuschließen." — In dem galizischen Städtchen Burstyn ist es heute zu 'antisemitischen Kundgebungen gekonunen, die für einige der Beteiligten' mit schweren Verletzungen endigten. Während des Marktes kam es zwischen den Bauern und einigen jüdischen Budenbesitzern zu scharfen Auseinandersetzungen, die bald in Tätlichkeiten ausarteten. Die Bauern waren zumeist mit schweren Knüppeln bewaffnet, von denen sie ausgiebigen Gebrauch machten. Trotzdem die Gendarmerie schnell eingrifs, waren bei der Schlägerei drei Bauern und drei jüdische Budenbesitzer sehr. schwer verletzt worden. Die Zahl der weniger schwer Verletzten ist nicht bekannt, da sie sich nicht in ärztliche Behandlung begeben haben; doch wird ihre Zahl ziemlich hoch angenommen. Wie verlautet, ist der Grund zu dieser Kundgebung in der Rede eines katholischen Geistlichen zu suchen. n. ' Pretzvrrrg, 28. Mai. Der Riesenbrand in Preßbürg, dem am 17. d. M. .unter anderem fast der ganze Schloßgrund (Ghettoviertel) zum Opfer siel, lockt noch immer täglich viele Hunderte von Fremden in die herrlich gelegene altehrwürdige ungarische Krönungsstadt. Die abgebrannten und eingestürzten Straßenzttge und Höfe bieten vom Schloßplateau aus einen in Jahr h u n - d e r t e n nie wiederkehrenden traurig-interessanten Anblick. Unter den zerstörten Bauwerken befinden sich: die Schiurstube (großer Lehrsaal und Tempel der Rabbinatsschule im Simon Bergerschen Stistungshause, die altberühmte L w u w - (L emb e r g e r) - S y n a - g o g e un Sonnenfeldschen (ehemaligen Lembergerschen Hause), die auch dem Talmudverein (S ch a s z ch e w r a h) als Lokalität diente, und in welcher die aus mehreren Tausend wertvollen alten Werken bestehende Bibliothek dieses Vereins total vernichtet wurde, der sogenannte Schulhof mit den Lehrsälen der Jeszoda Hatorah-Schule. Den schwersten Schaden erlitt aber die jüdische Bevölkerung selbst, die in den Häusern und Höfen der von der Katastrophe betroffenen vier ausgedehnten Straßen wohnhaft war und größtenteils aus armen und ärmsten Kleinkrämern, Handwerkern, Hausierern, Trödlern, Lamdonim (Talmudgelehrten), Bachurim besteht. Der einzige Trost für die Bedauernswerten, welche in den ineisten Fällen ihre gesamte Hauseinrichtung, Möbel, Wäsche, Kkeider, Bargeld, Seforim (Bücher) verloren haben, ist das Vertrauen auf.Gott und auf das Mitgefühl und die werktätige Hilfeleistung ihrer christlichen und insbesondere jüdischen Mitmenschen aus nah und fern. Von den jüdischen Hilfsaktionen, die sofort nach der Brandkatastrophe seitens der orthodoxen israelitischen - Gemeindeleitung, der israelitischen Volksküche und anderer israelitischer Wohltätigkeitsanstalten mit lobenswertem Eifer einsetzten, verdient besonders die wirklich großzügige Sammel- und Verteilungstätigkeit des vereinigten Hilfskomitees der beiden Frauenvereine der orthodoxen israelitischen Kultusgemeinde undder neologischen israelitischen Religionsgemeinde rühmend hervorgehoben zu werden. Dieses unter Mithilfe des Revisors Max Stein sozusagen über Nacht entstandene Hilfskomitee bewährte sich gleich am ersten Tage, als der Andrang der Hilfsbedürftigen am heftigsten war,, so ausgezeichnet und allen Anforderungen gewachsen, daß die städtische behördliche Wohlsah rtskommissivn dasselbe als offizielles selbständiges Organ der Hilfsaktion erklärte, und es genießt das allgemeine unbedingte Vertrauen nicht nur der aus die Hilfeleistung angewiesenen Bevölkerungsschichten, sondern auch der Spender, was sich in dem unausgesetzten Zuströmen von Gaben an Wäsche, Kleider und sonstigen Gebrauchsgegenständen sowie Lebensmitteln kundgibt. Die Verteilung der Naturalgaben geschieht ohne Unterschied der Konfession. — Da die weitaus überwiegende Zahl der Abbrändler (mehrere Tausend Seelen) der armen jüdischen Klasse angehört, welche durch die voraussichtliche Demolierung eines Teils des Judenviertels auch der Kaufläden und sonstigen Erwerbsmöglichkeiten beraubt werden wird, tut weitere möglichst intensive Sammlung von Geldspenden und Naturalgaben aller Art sehr not. Dieselben werden in den Preßburger Lokalblättern, sowie in den jüdischen Zeitungen dankend ausgewiesen und quittiert. Türkei. 2X2 Jerusalem, 26. Mai. Aus Veranlassung des „Jüdischen Lehrerverbandes in Palästina" und des Turnvereins' „der Makkabäer" hat sich vor kurzem ein Komitee zur Bekämpfung des immer mehr um sich greifenden Einflusses der Missionsschulen in Jerusalem gebildet. Waren es früher die ärmeren Familien, die ihre Kinder in die Missionsschulen schickten, weil diese dort Bekleidung und Beköstigung bekamen, so haben in letzter Zeit auch wohlhabendere Kreise angesangen, ihre Kinder in die Missionsschulen zu schicken. Ganz besonders groß ist die Zahl der jüdischen M ä d ch e n , die die katholische Missionsschule der N onnen z um Heilige n Joses besuchen, wo ihnen täglich die Vorzüglichkeit des katholischen Glaubens gepredigt wird. Da gerade der Einfluß dieser Schule am schlimmsten war, so war die Erbitterung der öffentlichen jüdischen Meinung um so größer, als bekannt wurde, daß auch Herr A n t e b i, der Direktor der Gewerbeschule der A l l i a n c e I s r a e l i t e Universelle, seine Töchter zu den Schwestern des Heiligen-Joses-Stistes schickte, und daß seine engeren Freunde, die in Geschäftskreisen eine mehr oder weniger geachtete Stellung einnehmen, durch s e in Beispiel e r m u t i g t, auch ihre Töchter der Schule zum Heiligen Joses anvertrauten. Mit Rücksicht daraus hat das Komitee beschlossen, die Eltern, deren Kinder die Missionsschulen besuchten, brieflich auszufordern, ihre Kinder aus den Missionsschulen zu entfernen und zu einer Versammlung zu kommen, aus der über Mittel und Wege zur Bekämpfung der Missionsschulen beraten werden sollte. Dieser Brief war durchaus sachlich gehalten und vom Chachambaschi (dem Oberrabbiner) von Jerusalem unterschrieben. Ein solcher Brief wurde nun auch Herrn Antebi durch den Diener des Komitees zugestellt. In welcher Weise aber Herr Antebi aus d i e s e Z u s ch r i s t r e a g i e r t e, zeigt ein in der hiesigen Tageszeitung „Haor" vom 2/ Jjjar 673 (— 9. Mai 1913) erschienener Protest des gesamten Vorstandes des Komitees zur Bekämpfung der Missionsschulen, der folgenden Wortlaut hat: Geehrte Redaktion, wir bitten Sie, in den Kolumnen Ihrer Zeitung die Einzelheiten eines beschämenden und aufregenden Vorgangs zu veröffentlichen, den sich ein Mann zuschulden kommen ließ, den viele unter uns für einen Volkssührer halten, und den die große Menge als den Sauerteig der palästinensischen Kolonisation ansieht. Am Freitag den 11. Nissan dieses Jahres (— 18. April 1913) brachte unser Bote, der Sesardi Jakob Hakohen E s ch k h a d e dem Herrn Antebi einen Brief, der an alle Elteru, deren Kinder die Missionsschulen besuchten, gerichtet und vom 15hachambaschi unterzeichnet war, da auch Herr Antebi seine Kinder bislang in die Schule des Heiligen- Joses- Stifts schickte. Der genannte Sesardi hat lediglich den Auftrag seiner Auftraggeber erfüllen wollen, hatte aber zum Inhalt des Briefes keinerlei Beziehung. Beim Empfang des Brieses, erzählt unser Bote, geriet Herr Antebi in großen Zorn, zerriß den Brief in Stücke, überfiel ihn, den Ja k o b Hakohen Ei ch k h a d e, versetzte ihm kräftige Faustschläge, warf ihn zu Boden, trat ihn mit Füßen, und konnte sich nicht eher beruhigen, als bis er seinen Schuh auszog u n d i h n d a m i t sch l u g. Jeder Kommentar ist überflüssig. Die Tatsache spricht von selbst und ist geeignet, ein wahres Bild der geistigen und moralischen Persönlichkeit des Herrn Antebi zu' geben. Gegen diese schändliche .Tat sprechen wir unsere vollste Erbi t t er u n g u n d V e rächt un g au §. Im Namen der Abteilung des Lehrerverbandes: Ch. L. Zuta, Salamon Schiller, Chaje Braude. Im Namen des Komitees zur Bekämpfung der Missionsschulen: Jehuda Schmor, Elazar Pinsker, L. A. Orrloff, I. Burla, A. Nosnitzki, Wiezer Sellin, I. Riwlin. Sämtliche Unterschriebenen sind als Lehrer an verschiedenen Schulen tätig. Herr L