Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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von 82-Z bis 10 Uhr abends statt. Es wird auch' die Einrichtung eines hebräischen Kursus sür etwas Vorgeschrittene beabsichtigt, falls sich hinreichend Teilnehmer melden werden. Wir bitten daher diejenigen, die an einem solchen Kursus teilnehmen wollen, uns ihre'Adresse gefl. umgehend angeben zu wollen. Das Deutsche Landeskomitee der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur", Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 93. 22 Königsberg i. Pr., 29. Mai. In dem am 23. d. M. Heimgegangenen Universitätsprofessor Dr. Louis Saal schütz hat das hiesige Judentum einen seiner besten Söhne verloren. Erziehung und persönliche Eigenschaften wirkten bei ihm zusammen, um einen edlen wahrhaft jüdischen Charakter zu erzeugen, wie ihn unsere Zeit kaum mehr Hervorbringen kann. Schon sein Großvater Levin I. Saalschütz war Mitglied des hiesigen Nabbinatskollegiums und sein Vater Joseph L. Saalschütz war hier 1835—1863 Prediger und Religionslehrer, zugleich auch der erste jüdische Professor an der Universität, der sich namentlich durch seine „Archäologie der Hebräer" (2 Bände, Königsberg 1855/56) einen Rainen in der Wissenschaft gemacht hat. Louis Saalschütz wurde am 1. Dezember 1835 hier geboren, studierte seit 1854 an der hiesigen Universität Mathematik und Physik, wurde sogleich nach seiner Promotion 1861 Lehrer an der hiesigen Gewerbeschule, 1871 Privatdozent und 1875 außerordentlicher Professor der Mathematik an der Universität, in welcher Stellung er bis vor wenigen Jahren wirkte. Der Nachruf des Prorektors und des Senats der Universität lautet: „In erfolgreicher Lehrtätigkeit hat er ganze Generationen von Studierenden hervorgebracht; seine Schüler lieben und verehren ihn. In zahlreichen Abhandlungen auf dein Gebiet der algebraischen Analysis hat er seiner Wissenschaft wertvolle Dienste geleistet." Doch nicht nur durch seine gelehrten Leistungen, sondernnoch mehr durch seine rein menschlichen Eigenschaften zeichnete sich Saalschütz vor vielen aus. In seiner wahrhaft antiken Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit war er eine lebende Verkörperung des altjüdischen Gelehrtenideals, während er in seiner harmlosen Güte und mit seinem weichen Gemüte einem Kinde glich. Alle diese schönen Züge waren der Ausfluß einer tiesgeläuterten Religiosität. Saalschütz gehörte zu den regelmäßigsten Shnagogenbesuchern. Seine von Andacht verklärte Erscheinung hatte beim Gottesdienst etwas Rührendes und zugleich Ehrfurchtgebietendes, und wer ihn einmal in der Laubhütte Kiddusch machen hörte, wird den Eindruck nie vergessen. Als langjähriges Mitglied beider Gemeindekollegien hat er namentlich dem Religionsunterricht sein Interesse zugewendet. Besonderen Verdienst erwarb er sich um das Waisenhaus, dessen Zöglingen er, der Kinderlose, eine geradezu väterliche Liebe zuwandte, und um den Literaturverein, dem er fast seit seiner Gründung Vorstand und dessen Bestrebungen er mit seltenem Verständnis förderte. Bei der am 25. Mai stattgefundenen Beerdigung sprachen Rabbiner Dr. V o g e l st e i n, der Prorektor der Universität Professor G e r l a ch und der Prodekan der philosophischen Fakultät Professor Meyer, der sichtlich bewegt seinem speziellen Fachgenossen und persönlichen Freunde einen warmen Nachruf widmete. Er schloß mit den Worten, die in den Herzen aller Hörer Widerhall fanden: „Sie haben einen guten Mann begraben, uns war er mehr!" Ehre seinem Andenken. W. Schwerserrz, 30. Mai. Im Kreise ihrer Kinder und Enkel beging vor kurzem das Jakobowitzsche Ehepaar das seltene Fest der goldenen Hochzeit, das sich zu einer ehrenden Kundgcbuug für.das Jubelpaar gestaltete. Jakobowitz hat seit länger als 48 Jahren in der hiesigen Synagogengoniein.de mit Pflichttreue und Eifer das Amt eines Kultusbeamten bekleidet. Gemeinderabbiner Dr. L e w i n - Wreschen widmete am Sabbatgottesdienst in der Synagoge dem Jubelpaar herzliche Worte und zollte der Tätigkeit des Herrn Jakobowitz große Anerkennung. Nach dem Gottesdienste versammelte sich die ganze Gemeinde im Hause des Jubelpaares; quch der Magistrat war durch eine Abordnung vertreten, in dessen und im Aufträge des hiesigen Landrats Bürgermeister Sperling das Jubelpaar beglückwünschte und ihm das kaiserliche Gnadengeschenk von fünfzig Mark überreichte. Rabbiner Dr. Lewin hielt ebenfalls im Namen des Vorstandes und der Nepräsentantenversammlung eine Ansprache und teilte hierauf mit, daß den: Jubelpaar von der Gemeinde eine Ehrengabe gestiftet sei, die ihm der Vorstand am Sonntag überreichen werde. Y. Breslau, 30. Mai. Der 70. Jahresbericht der Gemeinde- Religionsanstalt, erstattet von Herrn Professor Dr. I. G u t t m a n n, enthält einen außerordentlich interessanten Aufsatz von Herrn Rabbiner Dr. S. Lovi über: Beiträge zur Geschichte der Schule (Vorgeschichte). Den eigentlichen Schulnachrichten entnehmen wir, daß an der Religionsunterrichtsanstalt II neben Herrn Professor Dr. Guttmann die Herren Dr. Sali Levi, Schönfeld, Moops, Dr. Julius Guttmann und Fleischhacker den Unterricht erteilten. Die Anzahl der ' Zöglinge betrug 347, und zwar 208 Knaben und 114 Mädchen. Außerdem nahmen an dem hebräischen Kursus 25 Mädchen teil. Die Schülerzahl ist indessen gegen Ende des Berichtsjahres ganz erheblich zurückgegangen, die Frequenz betrüg am 1. Februar dieses Jahres nur noch 241, und zwar 145 Knaben und. 77 Mädchen. Dadurch ergab, sich die Notwendigkeit einer dauernden Kombination gewisser Klassen. Infolge dieser und anderer Veränderungen und des dadurch bedingten Rückgangs der zu erteilenden Stunden schied am Ende des Sommerhalbjahrs Herr Fleischhacker aus dem Lehrerkollegium der Anstalt nach neunjähriger gewissenhaftester und Pflichttreuester Tätigkeit an der Anstalt. Rehna, 29. Mai. Im Alter von etwa 80 Jahren ist hier der seit einer Reihe von Jahren einzige und letzte jüdische Bewohner der Stadt, der Händler Baruch Cw h n, verstorben. Er wurde auf dem hiesigen jüdischen Kirchhof beigesetzt.. Der Verstorbene war wegen seiner Originalität eine in weiteren Kreisen bekannte Persönlichkeit, Die hier früher zahlreich wohnenden Juden sind seit den sechziger Jahren nach und nach fortgezogen. Im Jahre 1820 wohnten hier 73 Juden. Als unsere Stadt es auf rund 2600 Einwohner gebracht hatte, waren hier 16 Judenfamilien — 36 Männer, 25 Frauen und 32 Kinder —; 1867 waren es nur noch 46 Personendie zur hiesigen israelitischen Gemeinde gehörten und ihre.regelmäßigen Gottesdienste in ihrem an der Krugstraße stehenden Tempel abhielten. Letzterer ist im Winter 1883, 1884 auf Abbruch verkauft. Aus dem hiesigen jüdischen Kirchhof wurden auch die Mitglieder der israelitischen Gemeinden Gadebusch und Grevesmühlen beerdigt. J. W. Stratzbnrg i. E., 30. Mai. Der Israelitische Verein sür Ferienkolonien veröffentlicht eben seinen 11. Jahresbericht, der die Vereinsjahre 1911 und 1912 umfaßt. In diese Periode fällt der Tod seines verdienstvollen Präsidenten Herrn Joseph Levy. An seiner Stelle übernahm Herr Direktor A. Loewe das Präsidium. Im Jahre 1911 erfreuten sich 57, im Jahre 1912 sogar 74 Kinder der Wohltat eines Ferienaufenthaltes in Diersburg, Nauheim oder Solbad Dürrheim. Sehr erfreulich ist es, daß der Verein auch auswärtige Kinder bedacht hat, nämlich 2 aus Kölmar, 1 aus Schlettstadt und 2 aus dem israelitischen Knabenwaisenhaus in Hagenau. Der Kuraufenthalt dauerte durchschnittlich 4 Wochen, die Gewichtszunahme der Kinder betrug 1,7 Kilogramm bzw. 1,4 Kilogramm. Die Finanzlage des Vereins hat durch den Erlösanteil von dem noch in bester Erinnerung stehenden Wohltätigkeitsfest im Sängerhaus im Betrage von 5055 Mark eine willommene Besserung erfahren. Der Kassenbestand beträgt zurzeit 5043.38 Mark gegen 248.75 Mark im Vorjahre. Das Vereinsvermögen ist auf 9543.38 Mark gestiegen. Durch die Mitglieder wurden 2117 bzw. 2149 Mark aufgebracht. Unter den verschiedenen Zuwendungen sei eine alljährliche Gabe von 200 Mark seitens des kaiserlichen Statthalters Graf v. Wedel mit besonderer Genugtuung erwähnt. Der Verein trägt sich mit dein Gedanken, in absehbarer Zeit ein eigenes Ferienheim im Elsaß zu gründen. Oesterretch-Nngarrr. K. Wien, «den 29. Mai. Die Studentenunruhon an der hiesigen Universität wollen noch immer kein Ende nehmen. Vorige Woche begab sich eine Deputation der Zionisten und Jüdisch-Nationalen zum Kultusminister Dr. Ritter v. Hussarek, um ihm die Wünsche der jüdischen Studentenschaft vorzutragen. Der Minister erwiderte, daß er auf dem Boden der Gleichberechtigung aller akademischen Bürger an den Hochschulen stehe, und versprach, die Beschwerden der jüdischnationalen Studentenverbindungen zu prüfen und ihre Wünsche tunlichst zu berücksichtigen. Vor einigen Tagen fand in derselben Angelegenheit eine jüdische Massenversammlung statt, in der das provokatorische Vorgehen der deutsch-nationalen Studenten, die sich aus das ^sogenannte Waidhofener Programm berufen, wonach die Juden als „jeder Ehre bar erklärt werden und daher ritterliche Satisfaktion weder geben noch fordern können", von allen Rednern aufs schärfste verurteilt wurde. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der die jüdische Studentenschaft aufgefordert wird, in dem ihr aufgezwungenen Kamps tapfer auszuharren und zugleich die berechtigte Erwarwartung ausgesprochen, daß die llnterrichtsverwaltung endlich ihre Pflicht erfüllen und gegen die Schuldtragenden mit -aller Strenge Vorgehen werde. Auch die Sonn- und Montags-