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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 einmal geistreich bemerkte, den Tribut eines jeden Genies zahlen müssen, für einen Juden gehalten zu werden. Im vorigen Jahre veröffentlichte Hyland C. Kirk eine Broschüre unter dem Titel: „The Secret of Columbus“, Washington 1912. Historie Live Leaves, hir. -1. Seine Beweisführung ist so ziemlich dieselbe wie die des Senor de Horta y Pärdö. Nach meiner Ansicht beweisen beide nur, daß Columbus über seine Herkunft absichtlich falsche und irreführende Angaben gemacht hat, und daß er/offenbar Grund hatte, die Wahrheit zu verschweigen. Damit ist doch aber nur bewiesen, daß seine Vergangenheit anrüchig war, nicht aber, daß er jüdischer Abkunft ge- * wesen sein muß./ Nehmen wir an, Columbus sei, was bei einem kühnen Seefahrer nicht unwahrscheinlich ist, Seeräuber gewesen, daß er aus einer Seeräuber- und Schmugglerfamilie stammte, so hätte er mehr Grund, diese Tatsache zu verschweigen, als wenn er, wie seine bei Hofe angesehenen Zeitgenossen Säntangel und Torres, jüdischer Herkunft gewesen wäre. Was Kirk zum Beweise seiner Behauptung anführt, »ist geradezu amüsant. So soll Columbus dadurch, daß er seine Anhänglichkeit an die Kirche fortwährend betont, seinen jüdischen Ursprung verraten. Er lebte immer in Furcht vor dem einem Marannen entgegengebrachten Mißtrauen. Selbst der Name Colon weist "auf das hebräische Jonah hin. Wir haben ja ein ähnliches Argument in dem Falle Richard Wagners gehört. Sein Stiefvater hieß Geher. Geier und Adler gehören zur selben Zoologischen Familie. Adler zu heißen ist nur einem Juden gestattet; ergo war Wagner ein Jude, was Heinrich Pudor schon aus seiner echt semitischen Vorliebe für den Effekt sicher gestellt hat. Es wäre doch einmal Zeit, daß diesem Unfug ein Ende gemacht werde. Ruppin in „Juden der Gegenwart", 2. Auflage, Seite 217, sagt uns: „An der Wiege der bedeutendsten technischen Erfindungen der Neuzeit standen die Juden Edison, Hertz und Lilienthal." Von dem Aviatiker Lilienthal ist längst bekannt, daß außer dem Namen nichts an ihm jüdische war. Mit welchem Rechte Herr-Ruppin Edison zu einem Juden macht, ist mir ganz unerfindlich; vielleicht auf Eirund derselben Methode, die ihn berechtigt, Heines Wort von Zunz' Festhalten am Judentum als einer großen Grille Zunz selbst in den Mund zu legen. Es wäre einmal interessant, eine Liste der Pseudo-Juden zusammenzustellen. Ich notiere des humoristischen Interesses Halberchen Buren- Generäl Lucas Meyer, den von dem Philippinenkriege bekannten amerikanischen General FUnston, der natürlich einmal Feinstein hieß, den kubanischen Freiheitskämpfer Goläß, der an Spanien das Unheil rächen wollte, welches die Vorfahren Alfonso XIII. -über Golaß' Vorfahren brachten, die wahrscheinlich den Namen Golaß statt Golus von dieser Zeit angenommen hatten. Osman Pascha war, als er im Krimkriege zuerst bekannt wurde, , ein Pxeßburger Jude namens Wolf. Als er im russisch-türkischen Kriege wieder vielgenannt wurde, wurde seine Heimat schon nach Mähren verlegt. Hätte er den gegenwärtigen Krieg erlebt, so wäre seine Geburtsstätte schon nach Burgkunstadt j avanciert. Der russische General Stoessel, der allerdings das Mißgeschick hatte, einen Namen zu führen, den vor ihm ein Rabbiner in Neuraußnitz, Mähren, geführt hatte, war schon ein Jude, ehe die Wahrheit über seine. Verteidigung Port Arthurs bekannt wurde und es den Antisemiten rätlich erscheinen ließ, ihn ebenso wie General Weyler, den letzten spanischen Statthalter Kubas, zum Juden zu machen. . Ein besonderes Talent hat die jüdische Nasse offenbar zum Amte von Kirchenfürsten. Bei der Säkularisierung Portugals hörten wir, daß der Patriarch von Lissabon, Netto, eigentlich Vetter heiße und aus Quatzenheim im Elsaß gebürtig sei. Weniger Grund zur Klaste hat der berühmte Konvertit Kardinal John Henri Newman. Warum heißt er auch Newman, was sehr'leicht eine Uebersetzung von Neuwann sein kann? Ganz unschuldig ist Pius IX. als Jude verdächtigt worden. Zur Zeit des Vatikankonzils ging durch zahlreiche deutsche Blätter das Gerücht, seine Heiligkeit sei der Sohn eines römischen Juden namens Mastai, der eine Gräfin Feretti geheiratet habe. Einen ganz unwiderleglichen Grund für die jüdische Herkunft Pius IX. hat aber Professor Jaeger in „Entdeckung der Seele" I, 246 gebracht. Ein sehr verläßlicher Zeuge hat bei einer Audienz Pius IX. Judentum gerochen. Ein Herr John F. Scanlan in Chicago, dem jemand offenbar übertriebene Berichte über meine Kenntnis der jüdischen Geschichte hinterbracht hat, wollte vor vier/Jahren von mir Quellennachweise über die jüdische Abstammung des irischen Nationalheiligen Sankt Patrick erhalten, dessen Stammbaum eigentlich in einem keltischen Schlangengott, einer Art Siegfried, zu suchen ist. Wenn das einem irischen Heiligen passieren kann, darf sich freilich der Erzbischof von Dublin, William I. Walsh, nicht beklagen, wenn einer Ihrer Korrespondenten -1892,, Nr., 47, ihn zu einem ehemaligen Lehrer aus'dem Posenschen, namens Wallach, degradiert, was/ ja fast soschlimm ist, als aus Preßburg zu sein.. Nur, etwas besser ging es Monsignore Walsh' Kollegen, dem Kardinal Howard, der, obwohl er aus der herzoglichen Familie derer von -Norfolk stammte' und in Nottingham geboren war, in den jüdischen Blättern nach dem Vorgänge der „Bohemia" zu einem Prager Judenjüngen namens Leopold Austerlitz degradiert wurde. (Allgemeine Zeitung des Judentums. 1872, 761; 1888, 254—255; 1896, 170). Als ich einmal im „American Hebrew" dieses Gerücht als albern bezeichnete, erregte ich'den Zorn des Oberschammes der New Porter Emanuel-Gemeinde,. Herrn Kakeles — verzeihen Sie das harte Wort, der Mann hieß nun einmal so und war aus Prag, und im Englischen klingt das als Mister Käkels nicht so böse — der fest darauf bestand, ein Spielgefährte des Leopold Austerlitz gewesen zu sein, was ich natürlich nicht bestritten hatte. Wenn man, als Irländer und als englischer Herzog'nicht gegen den Verdacht des Judentums geschützt ist, darf sich ein Erzbischof in slawischen Landen, der. wie der Erzbischof von Serajewo» Stadler hieß, über das gleiche Schicksal nicht beklagen. Natürlich ist die Galerie berühmter Israeliten mit Kirchenfürsten nicht erschöpft. Rosenkranz und Güldenstern in Michael Klapps gleichnamigem Lustspiel haben die Verkennung ihres aristokratischen Blutes selbst verschuldet, indem sie diese Firma wählten, während Theodor Roosovelt dieses Danaergeschenk in die Wiege gelegt wurde, obwohl er' wie General Coen von holländischen Puritanern abstammt. Nicht glücklicher war Gambetta, obwohl sein Name Gamba— Jambe, Jambon, Ham^Schinken alles andere eher als. einen koscheren Ursprung vermuten läßt. Freilich ist ein Name nicht immer beweisend, denn der Führer der orthodoxen Fronde gegen Samson Raphael Hirsch, als er Rabbiner in Nikolsbürg war, hieß Neb Sanwel Schweinburg. Schriftsteller und Gelehrte sind besonders gefährdet'. Selbst Sudermann, der Verfasser von Sturmgeselle Sokrates und Johannes der Täufer, wird in der angesehenen Westminster Review, 1900, 553—560 als Jude bezeichnet. Er teilt diese Ehre mit Anatole France, Jules Verne, John Galworthh, Bernard Shaw, Rudyard Kipling und'anderen. Franz Dingelstedt in seinem Nekrologe auf S. H. von Mosenthal (Gegenwart 1877,'234 cs seq.) bedauert es, nicht als Jude geboren worden zu sein. Er hätte es sonst viel weiter gebracht. Die angeführten Namen beweisen, daß er recht hatte. Ergebenst Cincinnati, Mai 1913. G 0 t t h a r d D e u t s ch. \ * Er kl ä rung. Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland,, veröffentlicht in den jüdischen Blättern.eine Erklärung, die in dem Vorwurf gipfelt, unsere Vereinigung habe'durch eine an das preußische Abgeordnetenhaus gerichtete Eingabe auf die Annahme des Antrages Cassel—v. Campe (betreffend Gewährung von Staatszuschüssen für leistungsschwache Synagogengemeinden) hemmend e i n g e w i r k t und auf diese Weise den Erfolg einer zum Besten der preußischen Judenheit gedachten Aktion zu vernichten gesucht. Diese Behauptungen sind u n w a h r, und wir weisen sie ebenso wie die daran geknüpften beleidigenden Folgerungen mit aller Entschiedenheit zurück. . Unsere.Petition tritt mit entschiedenen Worten für die Annahme des Antrages Cassel—v. Campe ein und bemüht sich demgemäß, die für die vorläufige Ablehnung des Antrages vorgebrachten Argumente zu w id er legen. Wenn wir uns zu diesem Zweck in die Notwendigkeit versetzt sahen, aus die nun einmal nicht wegzuleugnenden tiefen religiösen Gegensätze innerhalb der preußischen Judenheit hinzuweisen, so mag das der „Vereinigung für das liberale Judentum" unangenehm sein, gibt ihr aber nicht das Recht, unsere Organisation durch erweislich unwahre Behauptungen vor der Oefsentlichkeit zu diskreditieren. Frankfurt a. M., 21. Mai 1913. . ■ Der/Vorstand der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums. Rabbiner Dr. B r e u e r, Frankfurt a. M., Emanuel E t t in g h au - s e n, Frankfurt, Hermann G u m p'e r tz, Hamburg, Dr. Abraham Hirsch, Halberstadt, Emil I s a a k, Frankfurt a. M., A. M. L 0 e b, Dieburg, Kommerzienrat George Marx, Königsberg, Jacob Rosenheim, Adolf Stern, Jacob Strauß, Joseph Wohlsärth. Frankfurt a. M.

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