Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sei gestattet, den Feilchenfeld unter anderem anführt.- „Mache dein Ohr wie einen Trichter, um die Worte der Belehrung aufzunehmen; doch eigne dir ein verständiges Urteil an, um zu prüfen die Worte derer, die erlauben, und derer, die verbieten." (Chagiga 3 b.) Wenn je einem Buche, so möchte man es diesem wünschen, daß es „in keinem Hause fehle". Frankfurt a. M. Prof. Dr. Kuttner. * Religiöse Strömungen inIudäa während und nach der Zeit des babylonischen Exils. Von Dr. S. Ge l b h a u s, Rabbiner und Prediger in Wien, Lektor am Wiener Bethamichrasch. ' Leipzig und Wien 1913. M. Breitenstein, Verlagsbuchhandlung, Leipzig und Wien. IX/3, Währinger Straße 6. S. Gelbhaus untersucht in seiner neuesten Schrift die religiösen Strömungen in Judäa während und nach der Zeit des babylonischen Exils. Auf Grund der reichen einschlägigen Literatur und mit Berücksichtigung neuer von ihm veröffentlichter Quellen bietet uns der kenntnisreiche Verfasser ein anschauliches Kulturbild jener im Leben des nachbiblischen Judentums so bedeutsamen Kulturepoche. Die ganze Lebens- und Weltanschauung Israels namentlich auf religiösem Gebiet während und nach' der Zeit des babylonischen Exils, wie sie sich im Schrifttum äußert, lernen wir hier kennen. Gelbhaus führt den Beweis, daß die Annahme des Geschichtsschreibers Josephus, als wenn nach der Eroberung Judäas durch Nebukadnezar das ganze Land ohne Bewohner gewesen sei, nicht zutreffe. Er meint, daß es ganz unmöglich sei, ein Volk, das nach Millionen zähle, aus seinem Boden herauszureißen und über einen so weiten, von Wüsteneien durchbrochenen Bodenkomplex wie der, welcher zwischen Palästina und Mesopotamien sich ausdehne, in ein anderes Land zu exilieren. In Wahrheit sei der Sachverhalt der gewesen, daß Jerusalem und seine Umgebung, die gegen den babylonischen König Krieg geführt hatten, teilweise als Oedland erklärt und ein Teil des judäischen Volkes, bestehend aus den Herren- und Kriegerstämmen, nach Babylon transportiert worden,.während der andere Teil, das Landvolk und die die Leibeignen und die Zinsbauern umfassend, im Lande zurückgeblieben sei. Die zurückgebliebene Landbevölkerung sei ohne geistige Führer und Leiter geblieben. An den Grenzen des judäischen Landes seien in das von den mächtigen Kriegerstämmen verlassene Territorium verschiedene Nationen wie z. B. Edom und viele andere eingedrungen, und diese haben natürlich die israelitische Landbevölkerung durch ihre religiösen Anschauungen vielfach beeinflußt. Durch das Beisammenwohnen lernten beide Stämme und verwandten Nationen einander näher kennen und gewöhnten sich auch aneinander. Daß der religiöse und ethische Einfluß der idumaeischen Lebenseinrichtung und Lebensgewohnheit auf die Juden jener Zeit kein günstiger war, steht geschichtlich fest, und der Verfasser führt den durch Urkunden und geschichtliche Ueberlieferungen belegten Nachweis, daß die hervorragenden Männer Israels alles aufboten, um diese unheilvolle Strömung von ihrem Volk abzuwehren. Nicht minder interessant sind die Ausführungen von Gelbhaus von der Beeinflussung der Jdumaeer durch die Judäer. Besonders lesenswert ist das Kapitel, das von dem Zusammenbruch der babylonischen Herrschaft durch Khros, den Perserkönig, den Besieger des chaldäischen Weltreiches handelt. Der neue Großkönig gestattete den Judäern die Rückkehr in ihr Vaterland, und sie brachten ihre Priester, ihre Leviten, ihre Propheten und die Thora wieder zurück. An ihrer Spitze standen Männer von hervorragender staatsmännischer Fähigkeit und von ausgebreiteter Gesetzeskenntnis. Wie nun durch die geläuterte Lebens- und Weltanschauung der Zurückgekehrten, ihre aufklärende geistige Arbeit und ihre Tatkraft neues Leben aus den Ruinen von Judäa aufblühte, ist nicht nur für den Geschichtsschreiber, sondern auch für den Kulturhistoriker wertvoll zu wissen. Man muß dem Verfasser für seinen schätzenswerten Beitrag zur Geschichte und Literatur des Zweiten jüdischen Staatswesens dankbar sein. Adolph Kohut. * — Frances Külpe: Kinder der Liebe. 2. Auflage. München und Leipzig bei Georg Müller. 1912. Das neue Buch von Frances Külpe, von der wir schon früher mehrere Werke besprochen haben, spielt, ebenso wie ihre früheren Werke, in Rußland. Freilich sind alle Helden, die in dem Buche vor-' kommen, Deutsche. Es ist ein gedankenreicher Roman, dessen Vollkommenheit freilich durch einen Ueberschwang der Phantasie beeinträchtigt wird. Menschen von solcher Erhabenheit wie die Helden Heinz Stürmer, ein ausgezeichneter Verwalter, und seine Gattin Verena, ein Engel an Güte und Liebe, eine ausgezeichnete Künstlerin, dazu von wunderbarer Schönheit, gibt es auf Erden nicht, und eine Redeweise von solchem Schwung und von solchem Gedankenreichtum, wie sie diese Menschen selbst in gewöhnlichen Momenten führen, kommt im gewöhnlichen Leben selten oder gar nicht vor. Auch die Vorgänge sind oft mehr als seltsam. Das Buch ist fesselnd und zeugt von einer großen Begabung der Schriftstellerin. Das Wesentliche ist das Schicksal eines Sohnes des genannten Heinz Stürmer ans erster Ehe mit einer Zirkuskünstlerin, des Heino, eines wilden, gewalttätigen Knaben, der seine Stiefmutter, von der er freilich nicht weiß, daß sie nicht seine rechte Mutter ist, leidenschaftlich, mit einem frühen Ausbruche knabenhaft erotischen Hanges liebt und kaum in Schranken gehalten werden kann. Er ist schuld an dem Tode seines Halbbruders Erik, eines Sonneukindes, das dem älteren Bruder seine Abstammung nur teilweise enthüllt. Der gewalttätige Knabe wird — und darin liegt die große, kaum begreifliche Seltsamkeit — wegen dieses Mordes oder wegen dieser fahrlässigen Tötung nicht bestraft und entwickelt sich schließlich zu einem tüchtigen Manne, nachdem er nun seinerseits die glühende Liebe seiner nach dem Tode Eriks geborenen Halbschwester Erika zu bekämpfen gesucht hat. Daß Verena bei einem Werke der Menschenliebe, bei dem Versuch der Rettung eines Greises, der einer Wahnsinnigen zum Opfer fällt, stirbt, soll nur kurz erwähnt werden. Ebenso mag nur beiläufig darauf hingewiesen werden, daß das Buch keinen rechten Abschluß hat. Denn was aus dem zurückgebliebenen Gatten, was aus der Tochter Erika, was aus Heino wird, erfährt man nicht, und es bleibt noch Stoff genug zu einem freilich höchst bedenklichen Roman. Das Werk bietet sehr seine psychologische Betrachtungen, prächtige landschaftliche Schilderungen, ungemein viele, sehrinteressante Einzelheiten, die mehr oder weniger eng mit der Haupthandlung verflochten sind: Attentate auf den Helden, den Obervcrwal-ter eines großen Gutes, seine von Erfolg gekrönten philanthropischen Bemühungen, die Geschichte seines alten Vaters, der in die Gewalt einer Dirne geraten ist, von der er zwei Söhne hat, Söhne, die von Heinz zu Menschen erzogen werden und mit aller Anhänglichkeit an ihrem Halbbruder hängen. Sehr seltsam ist auch die Persönlichkeit einer etwas abenteuerlichen, aber im Grunde höchst tüchtigen Studentin Janina, die in etwas überraschender Art in diesen Kreis glücklicher und bedeutender Menschen gezogen wird und sich dort außerordentlich bewährt. So interessant nun auch dies alles ist, ungemein anziehend, nicht immer erfreulich, und vor allen Dingen oft recht unwahrscheinlich, so würde das Buch, ungeachtet seiner literarischen Bedeutsamkeit, an dieser Stelle keine Erwähnung finden können, wenn nicht auch hier, wie in den früheren -Schöpfungen derselben . Dichterin, zwei Juden vorkämen, die ungemein liebevoll gezeichnet sind. Der eine ist die episodische Gestalt eines jungen Menschen, Ephraim Rosenblüth, eines bedeutenden Sängers (der übrigens im gewöhnlichen Leben stottert), der, unterstützt durch die Wohltaten des edeldenkenden Paares, sich zum Künstler ausbilden kann und ein Meister in seiner Kunst wird. Der andere die seines Onkels, Moses Silberstein, eines Uhrmachers, eines wahrhaften Weisen. Er ist nicht nur wie sein Neffe eine episodische Figur, sondern eine Hauptperson, die immer und immer wieder erscheint, mit den Kindern des genannten Ehepaares in innigster Verbindung steht, und der schließlich, freilich ohne seine Schuld, die Ursache des Todes der Frau Verena wird. Sein "Haus nämlich wird von einer Wahnsinnigen angezündet, Verena schleppt mit fast übermenschlicher Anstrengung den halbverkohlten Greis heraus und holt sich dabei eine Krankheit, der sie bald erliegt. Die Zeichnung dieses Juden ist außerordentlich treffend, sie allein würde genügen, um mit Achtung, ja geradezu mit Bewunderung von dem Werke zu reden. Ihre Stellung zur Religion, ihre hohe Wertschätzung des Menschentmns, das ihr höher steht als die einzelne Glaubensgemeinschaft, spricht die Verfasserin in sehr schönen Sätzen Seite 108 aus, die allein wert sind, dem Buche in unseren Kreisen Achtung zu sichern. L- G. Syrechsaal. Herr Redakteur! Der Auszug aus dem spanischen Werke über Columbus, welchen Sie in Nr. 14 unter dem Titel „Der jüdische Ursprung der Kolumbus" geben, enthält durchaus nichts Neues.' Columbus hat, wie Zangwill