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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 — ^seinem Kinde lag er auf den Knien. Was soll ich tun, dich zu versöhnen? schrie er. Nimm alles, was du besitzest, Vater, sagte ich, und gib es Herren zurück, die du unglücklich gemacht hast, dann will ich wieder dein Sohn sein. Und gebrochen ging er, wie er gekommen war, und immer wieder kam er, und immer wieder sagte ich ihm das nämliche. Und dann verging ein Jahr, und er kam nicht, und statt seiner kam die Nachricht von seinem Tode. In seinem Testament hatte er mich zum Erben seines ganzen Vermögens eingesetzt." Doktor Deutzer bedeckte seine Augen und schwieg. Minutenlang herrschte eine drückende Stille. Dann sing er wieder zu sprechen an. „In der Stadt, wo mein Vater gestorben war, ist kurz nach seinem Tode ein Krankenhaus erbaut worden, das seinesgleichen sucht, so vollkommen ist es. Hunderte und aber Hunderte von Kranken und Siechen finden dort Heilung und Pflege. Ein Unbekannter hat die Kosten des Baues und ein Kapital zur Erhaltung der Anstalt hergegeben. Niemand hat bis aus diesen Tag seinen Namen erfahren. Ich war dieser Unbekannte. Und so wahr mir Gott helfe: wenn auf jenem Gelde ein Fluch lastete, die Ströme von Erbarmen und Menschenliebe, die es entfesselt hat, haben ihn hinweggeschwemmt." Langsam hatte sich Luise dem Sprechenden genähert. Als er nun erschöpft innehielt, ergriff sie seine Hand und mit einer Bewegung, als wollte sie ihn dem Vater zusühren, sagte sie, und ihre Augen leuchteten: „Sieh, Vater, wie mein Herz mich nicht betrogen hat!" Herr v. Römer aber rührte sich nicht. Seine Züge hatten sich nicht erhellt, düster blickte er vor sich hin, seine Lippen zuckten, er schien sprechen zu wollen, brachte aber keinen Laut' hervor. Ein qualvolles Schweigen drückte wie ein Alp auf den Seelen der beiden Menschen, die aus seinem Munde ihr Schicksal erwarteten. Endlich sagte er, und mühsam und wie einem schweren Entschluß abgerungen, kamen die Worte heraus: „Ich klage Sie nicht an, im Gegenteil-ich — — aber ich kann nicht gegen mein Gefühl. Die Kluft zwischen uns ist unüberbrückbar — unüberbrückbar!" Damit wandte er sich ab und ging hinaus. Mit einem wehen Aufschrei brach Luise in den Armen ihres Verlobten zusammen. * Luise Römer hat ihren Vater nicht verlassen. Im alten stillen Gleise bewegte sich das Leben in seinem Hause, als hätte nichts seinen Frieden gestört, und als schlügen die Herzen noch so leidenschaftslos und ruhig wie einst. Keine Klage, kein Vorwurf wurde laut, nie wieder wurde der Name jenes Mannes genannt,, der aus ihrem Kreise verbannt war, und der dennoch ihre Seelen beherrschte mit unentrinnbarem Zwange. Wie bisher ging Luise ihren Liebeswerken nach, unermüdlich im Dienste der Armen und Beladenen, und in des Vaters Gegenwart zeigte sie die ausgeglichene Ruhe und Heiterkeit, d-ie ihm einst sein Haus zur Heimat des Glücks gemacht hatte. Aber jetzt glaubte er nicht mehr an ihre Ruhe und Heiterkeit. Oft, wenn sie selbstvergessen vor sich hinträumte, sah er, wie ein bitteres Weh seine Schatten auf ihre Züge breitete und sie wie in Leid erstarrt erscheinen ließ. Dann hätte er zu ihr hinstürzen mögen und sie in seine Arme schließen und ihr sägen: Geh, laß ihn kommen, ich will dir alles zu Liebe tun. Er biß die Lippen zusammen und rief sich zu: Tu es! Tu es! Drache sie glücklich! Mache dein Kind glücklich! Aber er konnte es nicht. Es bäumte sich etwas in ihm auf, was stärker war als das Mitleid, als selbst die Liebe zu seinem Kinde. Er konnte es nicht, und darum blieb das Wort ungesprochen, auf dessen Schwingen das Glück zu ihm heimgekehrt wäre, ungesprochen auch in der Sterbestunde. Kaum zwei Jahre nach jenem unseligen Tage starb der alte Herr v. Römer, unversöhnt mit dem, der für ihn nur noch der Sohn seines Todfeindes war. In Luise aber hatte die Liebe zu diesem Manne nie geschwiegen; ihr war er der beste und edelste der Menschen, der sein Leid auf sich genommen und sich selbst überwunden hatte. Als die Trauerzeit vorüber war, wurde sie die Seine. Literarische Mitteilungen. — Kurzgefaßtes Lehrbuch der jüdischen Religion für Schule und Haus. Von Dr. F. Feilchenseld-Schwerin, Landesrabbiner von Mecklenburg-Schwerin. Neu herausgegeben von Dr. Samuel Freund, Rabbiner in Hannover. 4., vermehrte und verbesserte Auflage. I. Kaufsmann, Frankfurt a. M. 1913. Mark 1.30. — Vor mehr als 30 Jahren erschien von Dr. Feilchenfeld-Schwerin eine „Anleitung zum jüdischen Religionsuntericht, für Schule und Haus". Welche Verbreitung sie gefunden hat, weiß ich leider nicht; ich persönlich habe aus dieser Anleitung viel gelernt und bewahre sie noch heute in dankbarer Erinnerung und in meiner Bibliothek. Ich empfehle sie den Kollegen, namentlich den jüngeren, von ganzem. Herzen (Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M.). Heute liegt mir das obengenannte Buch desselben Verfassers vor, und es ist gewiß keine Voreingenommenheit, wenn ich diesem Buche das wärmste Lob spende. Es ist nicht nur die intime Kenntnis des echten Judentums, die uns mit Genugtuung erfüllt, nicht nur die gewandte Sprache, die so klar und verständlich ist für jung und alt: es ist auch die Menschenkenntnis und Menschenliebe, die uns in diesem Buche so gewinnend entgegentritt. Es ist, ich kann es ohne Uebertreibung sagen, ein rechter Schatz in jedem Hause, und je gebildeter, je reifer, je tiefer angelegt der Leser ist, desto mehr wird er in ihm finden. Wie prächtig ist — um einiges herauszuheben — die Auslegung der Zehn Worte! Wie überzeugend werden die Pflichten der Nächstenliebe entwickelt! Wie schön ist die Belehrung über die messianische Zeit, den jüdischen Optimismus! Eine vortreffliche Apologetik des Judentums bieten die Seiten 29 bis 37. „Wenn auch," sagt Verfasser, „jede Polemik nach wie vor vermieden ist, sind doch die modernen Fragen berücksichtigt, soweit dies für ein Schulbuch angemessen erscheint." Bravo! Man sehe in dem Zögling immer auch den künftigen reifen Menschen, dem mancher Zweifel kommen, der manchen Vergleich anstellen wird, und gebe jetzt schon die nötigen Hinweise. In einem Schulbuch läßt sich nicht alles niederschreiben, aber der Lehrer gehe der Gelegenheit nicht ängstlich aus dem Wege. Unsere Zöglinge sollen zu Israeliten, das heißt zu Gotteskämpsern befähigt werden; das werden sie aber nicht, wenn man allen Fragen, Zweifeln und Vergleichen ausweicht. Heute muß sich jeder wehren können; dazu muß ihm der Lehrer die Waffen geben. Zu diesen Waffen gehören auch geeignete Sätze aus Bibel und Talmud, wie sie Feilchenfeld ebenfalls reichlich bietet, „nicht damit sie alle auswendig gelernt werden", aber die wichtigsten müssen gelernt und durch oftmalige Wiederholung zum unverlierbaren Eigentum werden, damit sie, Fundamenten gleich, die religiöse Ueberzeugung tragen. Der Anhang (aus dem Gebetbuch) kann dem Lehrer sehr gut als Lehrplan für den hebräischen Unterricht dienen; er ersieht daraus, was er m i n d e st e n s erreichen m u ß, wenn er seine Schuldigkeit getan haben soll. Und mm noch einige Worte ans dem Schlußkapitel des Buches. „Wir dürfen uns nicht einer sorgfältigen Prüfung unserer religiösen Lehren und Gebräuche entziehen. Wir müssen sie in ihren tieferen Gründen zu erforschen suchen und immer das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden (R. Bechai in seiner Vorrede zu den Herzenspslichten, Jbn Esra in seiner Vorrede zur Erklärung der Thora). Das Judentum hat sich nicht ganz sreihalten können von den abergläubischen Gebräuchen der es umgebenden Völker, obwohl unsere großen Lehrer dagegen geeifert haben. So manchen Brauch, der sich deutlich als einen abergläubischen zu erkennen gibt, müsien wir, als im Widerspruch stehend mit unserer Lehre des Lichtes und der Wahrheit, als ein Fremdes weit von uns abweisen." Doch ich will nicht das ganze Kapitel abschreiben; nur den einen Satz noch herzusetzen

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