Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Des weiteren gestatte ich mir die bescheidene Anfrage, ob die Behauptung: „die Juden haben eine förmliche und systematische Gegenmission/ durch besondere Emissäre gegen die Christen von Jerusalem aus — als o s ch o n seit l a n g e m — organisiert, um sie im ganzen römischen Reich unmöglich zu 'machen";. wörtlich zu nehmen,sei; . ob sie nicht vielmehr aus der Phantasie der Gegner geflossen sei? . Weder bei Josephus noch in der. talmudischen Literatur ist eine Andeutung über eine solche „systeyratisch" betriebene jerusalemische Gegenmission zu Entdecken; dagegen wissen wir, daß auch Paulus, als er nach Rom kam, freilich ganz grundlos, besorgt habe, von Jerusalem aus quasi steckbrieflich verfolgt worden zu sein. Die Apostelgeschichte berichtet hierüber: ' „Es geschah aber nach drei Tagen, daß Paulus zusammenberies die Vornehmsten der Juden (in Rom); Da dieselbigen zusammenkamen, sprach er zu ihnen: „Ihr Männer, lieben Brüder, ich habe nichts getan wider unser Volk noch wider väterliche Sitten und bin doch gefangen aus Jerusalem übergeben in der Römer' Hände". — Paulus hatte sich jedoch, umsonst beunruhigt. Die einberusenen vornehmsten römischen Juden sprachen zu ihm: „Wir haben weder Schrift empfangen aus Judäa deinethalben, noch ist ein Bruder gekommen, der von dir etwas Arges verkündigt oder gesagt habe. Doch wollen wir von dir hören,-was du hältst; denn von dieser Sekte ist uns kund, daß ihr an allen Enden widersprochen wird" (Apg. 28, 17—22). Wenn nun Paulus, der Begründer des Weltchristentums, der allergefährlichste Gegner des nationalen und gesetzestreuen Judentums, nachdem er im vieljährigen, heißen Kampfe die Juden der ganzen Kulturwelt' mit dem mächtig wirkenden Rufe: „Christus ist des Gesetzes Ende!" gewaltsam ausgerüttelt und in zwei unversöhnliche Lager geteilt hatte, nach Rom kommen konnte, ohne von den jerusalemischen „Emissären" mündlich oder schriftlich der römischen Judengemeinde avisiert worden zu sein; wenn diese jerusalemischen Emissäre, die so hervorragende Judengemeinde in Rom über den Mann und sein Wirken zu unterrichten unterlassen haben: wie muß es um diese „förmlich und systematisch" arbeitende Gegenmission bestellt gewesen sein! Aber die Juden haben in ihren Synagogen die Christen verflucht, und dies, schon in einer Zeit, die in das erste Jahrhundert zurückreichü — Da hätten wir nun an den Punkt gerührt, von welchem aus allerjüdische Christenhaß und alle „jüdische Christenverfolgung" ausgebaut und zum Dogma konstruiert wurde: stünde doch dann historisch fest, daß die Juden schon im Ausgang des ersten Jahrhunderts, wo das Christentum noch rein jüdisch war, dieses in den Synagogen verflucht haben. Denn in dem Birkathhaminim des Schemone-Esre-Gebets werden die Minim verwünscht, und die Minim seien Judenchristen! — Wäre dies nun eine geschichtlich verbürgte Tatsache, hätte diese Verwünschungsformel gegen die Minim tatsächlich den Judenchristen gegolten; dann könnte man allerdings von einem geschichtlichen Beweis, aver auch dann nur von einem einzigen Beweis großer Erbitterung sprechen, die im jerusalemischen Judentum gegen die nazaräische Gemeinde Jesu geherrscht habe. Aber haben die Verfasser dieser Verwünschungssormel in Wirklichkeit unter den Minim die Judenchristen gemeint? Sie haben doch diese Minim so splitternackt gezeichnet, daß man jegliche Rippe ihnen zählen kann, eine Verwechslung schlechterdings kaum.möglich scheint: Minim, so lehrten sie klipp und klar, sind jene Juden, welche die Thora und ihre göttliche Inspiration leugnen, die Auferstehungslehre verwerfen, sich von der Gemeinschaft abschließen und zwei Gottheiten einführen. Wer würde sich aber zu behaupten getrauen, daß Elischa ben Abuja, Acher genannt, ein Jüdenchrist gewesen?, und er war der M i n ä e r Kar eCoy^v; werdaß die judenchristliche Gemeinde Jesu,, deren Oberhaupt Jacobus, ^,der Bruder des Herrn" war, Minäer gewesen? „Du siehst," sagt Jacobus zu Paulus, „wieviel tausend Juden sind, die. gläubig geworden sind, und sind a l l e E i f e r e r f ü r d a s G e s e tz."?) Und diese selben gesetzeseifrigen Christen sollen als gesetzesleugnende Minäer in den Synagogen verflucht worden, sein! Das Kardinaldogma der nazaräifchen Gemeinde Jesu war die.Lehre von der leiblichen Auferstehung. Und als Leugner der Auferstehung, „die des zukünftigen Lebens verlustig gegangen", wurden die Minäer in den Synagogen verflucht! Die gesetzesanhänglichen „Judenchristen", die Nazaräer und Ebioniten, wurden später von der Großkirche als eine jüdische Sekte verketzert, „weil sie jüdisch lebten, und eine geringe Vorstellung von dem Christ hatten", den sie nicht als den Gott — Logos anerkennen wollten. Sie sollen aber in. den jüdischen Synagogen verflucht worden sein, als Ketzer, die einen zweiten Gott einführten! So und ähnlich ist es um die Identität der Minim mit den Christen bestellt, so um den einzigen geschichtlichen Beweis für den unauslöschlichen Haß, mit welchem das Judentum Jesus und die entstehende Kirche verfolgt haben soll! . , . -? M. Friedlä n d e r. Der Lohn des Lttss. Von Julius Weil. (Schluß.) ©chwer atmet der Mann, der jetzt wie ein Angeklagter vor seinem Richter steht. Was kein Mensch je von ihm vernommen, jetzt soll er's laut verkünden, an den Schmerz sott er.rühren, der einst sein Leben vergiftete, Schatten soll er heraufbeschwören und Anklage erheben, wo er sich ewiges Schweigen gelobt. Einen schweren Kampf kämpft der Mann, der nie vor einem Menschen sich gebeugt, vor keinem die Augen niedergeschlagen hat. Aber er demütigt sich um ihretwillen. „Ich habe meine Mutter nicht gekännt", begann er, ,-ste starb bald nach meiner Geburt. Ich war das einzige Kind, und mein Vater liebte mich abgöttisch. ' Er war stolz auf mich und stachelte meinen Ehrgeiz. Die Schule war meine eigentliche Heimat, die-Bücher waren meine Freunde, an allem anderen ging ich achtlos vorüber. Ich war schon ein Jüngling, als ich eines Tages erfuhr, aus welcher Quelle der Reichtum meines Vaters floß. Ich schloß mich tagelang in mein Zimmer ein und raste in Verzweiflung. Mein Vater kam an die Tür und bat und flehte zun Einlaß. Ich öffnete nicht, der Gedanke, ihn zu sehen, war mir furchtbar. Endlich war mein Entschluß gefaßt. An dem Direktor unseres Gymnasiums hatte ich einen freundlichen Gönner. Ihm schüttete ich mein Herz aus. Er sagte mir, was mich vollends zu BodeN schmetterte, daß ihm die Geschäfte meines Vaters kein Geheimnis seien, so wenig wie aller Welt. Als er sah, daß das Heiligste in mir getroffen war, bestärkte er mich in meinem Plan, in die nahe Universitätsstadt zu gehen, dort mein Examen zu machen und fortan meinen Weg allein zu suchen. Er gab mir Empfehlungen an einen befreundeten Schulmann, und ohne meinen Vater wiedergesehen zu haben, verließ ich die Heimat. Und ich bin meinen Weg allein gegangen. Ich nahm den Kampf auf mit Hunger und Entbehrung, mit Kummer und Heimatlosigkeit. Glauben Sie mir, es war ein bitterer Kampf! Mein Vater kam und bettelte um meine Verzeihung. Vor ch Apg. 21, 20.