Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Zeitpunkte, alle Lasten durch den Austritt aufhören. Wo aber keine Lasten, da auch keine Rechte. .Schließlich sei noch hier im Zusammenhänge bemerkt, daß es streitig geworden ist"), ob ausgetretenen Synagogenmitgliedern das Recht zustehe, die auf dem Begräbnisplatze der Synagogengemeinde befindlichen Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen. Das Bezirksverwaltungsgericht zu Marienwerder hat dies, und meines Erachtens mit Recht, bejaht, indem es ausführte, daß es eines jeden natürliches Recht sei, die Gräberseiner auf einem öffentlichen Begräbnisplatze beerdigten Angehörigen zu besuchen. Man wird diese Begründung vernunftgemäß' ganz allgemein zur Anwendung bringen müssen. Am Ende meiner Ausführungen angelangt, die nicht im entferntesten den Anspruch auf Vollständigkeit machen, will ich hoffen, daß damit nur dem Bedürfnisse Genüge geleistet werde, sich mit einer entfernt liegenden Materie theoretisch zu beschäftigen, nicht aber eine Anregung gegeben werde, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Möge im Interesse des Judentums und der Gemeinden von den soeben behandelten Gesetzen kein Gebrauch gemacht werden. Line Hö8. Ankrsge sn Herrn Krok. Sr. Molk hsrnsck. ls- Laie, der seit mehr denn vier Dezennien der Geschichte der Entstehung des Christentums aus dem Judentum aus rein wissenschaftlichem Interesse nachgeht, werden Sie mir wohl gestatten, mich an Sie, hochverehrter Herr Professor, um Aufklärung über manche Ihrer letzten einschlägigen Darstellungen zu wenden. In Ihrer Schrift: „Judentum und Judenchristentum, in Justins Dialog mit Trypho" lesen Sie aus diesem Dialog folgende Sätze heraus: „Zwar will Trypho die schändlichen Vorwürfe gegen die Christen, daß sie Menschenfleisch essen und nach ihren Mahlzeiten sich im Dunkeln grober Unzucht hingeben, nicht glauben, ja, er sagt sogar, daß er die Evangelien gelesen und in ihnen so „wunderbare und große" Gebote gefunden habe, daß seines Erachtens niemand sie halten könne; aber wie er angesichts dieser Gebote unbegreiflich findet, daß sich die Christen trotz ihres Anspruches auf Frömmigkeit und höhere Sittlichkeit nicht durch eine gesetzliche Lebensweise von den Heiden unterscheiden wollen, so kann er es auch nicht leugnen, daß die b ö s en G er ü ch t e üb e r die Uns ittlich ke.it der Christen von seinen Glaubensgenossen ausgegangen und verbreitet worden sind. Ja, die Juden haben eine förmliche und systematische Gegenmission durch besondere Emissäre gegen die Christen von Jerusalem aus -- also sch o n seit langem — organisiert, um sie im ganzen, römischen Reiche unmöglich zu machen, und sie verfluchten sie in ihren Synagogen bei ihren Gebeten." Vor allem gestatte ich mir, zu bemerken, daß ich in Justins Dialog nirgends auch nur andeutungsweise finde, daß der Jude Trypho „nicht leugnen könne, daß die bösen Gerüchte über die Unsittlichkeit der Christen von seinen Glaubensgenossen ausgegangen und verbreitet worden sind." Ich finde im Gegenteil sowohl seitens des Christen als des Juden mit aller Eindeutigkeit und Entschiedenheit festgestellt, daß die Juden weder solche Gerüchte verbreitet noch g e g l a u b t h a b e n. Lassen wir hierüber beide, Justin und Drypho, selbst sprechen. Der Christ sagt wörtlich: „Ihr w erft uns nich ts anderes vor, als daß wir unseren ") Cf. Urteil des Oberverwaltungsgerichts vom 3. Oktober 1877. (Entsch. Band HI S. 332 f.). Lebenswandel nicht nach dem Gesetz einrichten und nicht wie ihr Beschneidung und Sabbat beobachten. Vielleicht werdet ihr auch unsere Lebensweise und unsere Gebräuche tadeln. I ch w i l l d a m i t n i ch t s a g e n, d a ß a u ch ihrvonuns glaubt, daß wir Menschen verzehren und nach einer schwelgerischen Mahlzeit die Lichter auslöschen, um uns auf eine gesetzwidrige Weise zu vermischen: i h r t a d e l t blo ß das an uns, daß wir uns an Lehren halten und Meinungen glauben, die ihr für unwahr haltet." — Darauf erwidert dev Jude: „Was man im allgemeinen spricht, verdient/keinen Glauben, denn, es ist wider die menschliche Natur" (c. 10). Präziser kann weder der Christ die Differenzpunkte zwischen Judentum und Christentum ausdrücken und das erstere von einer Mitschuld an den Gerüchten über die Unsittlichkeit der Christen freifprechen noch der Jude dieselben abweisen. — Oder habe ich etwa jene Stelle übersehen, wo der Jude Trypho nicht leugnen kann, „daß die bösen Gerüchte über die Unsittlichkeit der Christen von seinen Glaubensg en o ss e n ausgegangen und verbreitet worden sind?" Wäre dies der Fall, dann wäre.ich gern zu einem pater peeenvi bereit. Daß die Juden, zumal in der so frühen Zeit, „eine förmliche und systematische Gegenmission durch besondere Emissäre gegen die Christen von Jerusalem aus organisiert haben, um sie im ganzen römischen Reich unmöglich zu machen", will mir, wenn ich die einschlägige zeitgenössische jüdische Literatur zu Rate ziehe,, wenig einleuchten. Sie berufen sich hierbei aus Justin, Origenes und Eusebius. Die beiden letzteren können für die Zeit, von der wir sprechen, wohl nicht als erste Quellen angesehen kverden, und was Justin anlangt, so bleiben seine diesbezüglichen Behauptungen allerdings von Trypho unwidersprochen; aber sie bleiben es auch in manchen anderen nicht minder wichtigen Dingen. Es ist aber sehr fraglich, ob Trypho tatsächlich in diesen Fällen nicht berichtigt hat. „Ist doch", wie Sie, verehrter Herr Professor, selbst zutreffend bemerken, „ist doch in Wahrheit der Dialog ein von kurzen Einwürfen durchsetzter Monolog des Siegers. Nicht der Gegner selbst spricht mehr; Justin läßt ihn sprechen." — Doch sehen wir uns näher an, was Justin hier eigentlich den Juden zur Last legt. Es enthält neben Allgemeinheiten im großen und ganzen wiederum dasselbe, nämlich, daß sie von den Christen behaupten: sie sündigen gegen Gott und sein Gesetz. Die wichtigste hierher gehörige Stelle lautet: „Obgleich ihr erfahren habt", sagt Justin zu Trypho, „daß Jesus von den Toten auserstanden, wolltet ihr euch doch nicht bekehren und sandtet sogar auserwählte Männer auf den ganzen Erdkreis aus, die überall verkünden sollten: es sei eine gottlose, jedem Gesetz widerstrebende Sekte von Jesus, einem Verführer aus Galiläa, gestiftet worden. Da wir diesen gekreuzigt, so stahlen ihn seine Jünger des Nachts aus dem Grabe und gaben den Leuten vor, er sei von den Toten auferstanden und in den Himmel gefahren. Ihr fügtet zugleich hinzu: er habe gelehrt, er sei Christus und Lehrer und Sohn Gottes , und behauptet: dies sei Gott und dem Gesetz entgegen und unheilig" (Dial. e. 108). — Aehnliches sagt Justin, Dialog e. 17. Ich für meine Person nun vermag aus allem dem nichts weiter herauszulesen, als was auch sonst im ganzen Dialog von der einen Seite behauptet und von der andere!: immer wieder bestätigt wird, daß nämlich die Gegnerschaft zwischen Juden und Christen darin bestehe, daß die ersteren Jesus nicht als den Christ anerkennen und den Christen ihren gesetzesfreien Wandel als Gottlosigkeit auslegen. Daß aber der Jude Trypho „nicht leugnen kann, die bösen Gerüchte über die Unsittlichkeit der Christen seien von seinen Glaubensgenossen ausgegangen und verbreitet worden", vermag ich in dem Dialog schlechterdings nicht bestätigt zu finden.