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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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270 'sprechen würde. Allein, sie hat sich der Befreiung des Weibes auch unmittelbar kräftig angenommen: in Zeitungsartikeln und an verschiedenen Stellen ihrer Werke; vor allem aber hat sie diesem Gegenstand eins der großartigsten Kapitel ihres allerbedeutendsten Buches gewidmet: der „Maschinenzeit" — ein Buch, das anfangs anonym erschienen, so großes Aufsehen machte, daß hervorragende Kritiker es einer Reihe berühmter -- Männer zuschrieben; daß eine weibliche Feder derlei leisten könne, daran dachte offenbar niemand. Der Lebenslaus unserer Mitleidsphilosophin gehört zu den bemerkenswertesten, romantischsten und inhaltreichsten der Literaturgeschichte, aber hier habe ich nicht Raum dafür. Man lese darüber Näheres in ihren außerordentlich fesselnden „Memoiren" (Stuttgart 1909), deren genußreiche Lektüre ich nicht warm genug empfehlen kann, in ihrem reizenden, köstlichen, goldig humoristischen selbstbiographischen Büchlein „Es Löwos" und in meiner Schrift „Berta v. Suttner, die Schwärmerin für Güte" (Dresden 1903). An dieser Stelle ist es in erster Reihe am Platze, der Verdienste der Jubilarin um die Duldsamkeit im allgemeinen und bezüglich des Judentums im besonderen zu gedenken. Das Judentum hat alle Ursache, dieser Erzverfechterin der Toleranz lebhafte Sympathien entgegenzubringen und ihr mildes Wirken anzuerkennen. Der Bewegung zur Bekämpfung des Antisemitismus täte ein Dutzend Berta Ü. Suttners sehr gut. In kerniger aber feiner Weise tritt sie diesem Unfug häufig entgegen. Ihr Gatte, der Gründer und Vorsitzender des „Oesterreichischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" war, fand in diesem Punkte eine mutige Bundesgenossin an ihr. In dem tief erschütternden - Buche („Briefe an einen Toten"), welches 1905 sie seinem Andenken widmete, befindet sich ein ganzes Kapitel („Ingrimm" betitelt) über diesen Gegenstand. Schon vor bald zwanzig Jahren veröffentlichte sie in einem der größten Wiener Blätter eine gegen die Judenhetze gerichtete lange Arbeit, die wegen ihrer Bedeutung Aufsehen machte. Auchin ihrem großartigen Meisterwerk „Die Maschinenzeit", befaßt sie sich mit diesem Anachronismus in sehr bemerkenswerter Weise. Das beste und schönste jedoch, was sie in diesem Belang geschrieben, sind zwei Kapitel ihres reifsten und edelsten Werkes „Schach der Oual!": „Ihnen allen ins Gesicht" und „Autodafe". Hier einige Auszüge aus ihren gegen die Auswüchse des Antisemitismus gerichteten Arbeiten: „Ein Haus oder eine Scheune anzünden? Das ist Mordbrennerei. Aber zum Hasse schüren — das ist nationale Po- -Mk. Eine Semmel entwenden? Diebstahl, Gefängnisstrafe. Durch die Boykottaufforderung „Kauft nicht bei Juden!" eine ganze Handelsklasse zugrunde richten? Parteitaktik! Man versuche einmal, eine Nummer eines antisemitischen Blattes nachzudrucken und jedesmal an Stelle des Wortes „Jude" das Wort „Aristokrat" oder „Geistlicher" zu setzen — die Beschlagnahme ließe nicht auf sich warten und die Versaffer dieser Artikel sielen als „gefährliche Subjekte", der Verachtung aller „Wohlgesinnten" anheim. „Diese angeblich moderne Bewegung gegen datz jüdische Element ist durchaus keine moderne, dem Zeitgeist entsprechende Strömung, sondern im Gegenteil ein aus dem Schutt gegrabenes Stück Altertum, das besser verschüttet geblieben wäre. Meiner Ueberzeugung nach versucht man da weit eher den Strom aufzuhalten, chm ein Hindernis in den Weg zu stellen, indem man. aus den Blöcken halbverwitterter Ruinen ein Bollwerk aufzuführen bestrebt ist, an dem sich die Flut des Fortschritts brechen soll." . - „Ein Gemenge von mystischer Gelehrtheit, stramm schneidiger Rücksichtslosigkeit und gewollter Brutalität zeichnet diese Schule (Chamberlain, Gobineau und Konsorten) aus. Aller nationale Haß und nationale Dünkel, diese zwei widerlichsten Erscheinungen unseres politischen Lebens, nähren sich von jener Methode und führen ihr neue Nahrung zu." „Ich war ja eins mit dir (dem toten Gatten) in jener Sache, und weil du nicht mehr da bist, bin ich verpflichtet, dein moralisches Erbe zu verwalten. Ich wollte, daß der edle Groll, den du jetzt empfunden haben würdest, wie ein Gewitter über die Länder striche und in hunderttausend Seelen blitzte, in hunderttausend Reden donnerte — vielleicht würden die Schuldigen sich dann schämen. Aber das feige, feige Schweigen, das indolente Beiseitestehen unter der falschen Selbstbeschwichtigung: „Das geht mich nichts an!" Falsch. — denn alles geht jeden an." „Kischinew: ein des finstersten Mittelalters würdiges Gernekel. Dir, dem streitbaren Gegner des Antisemitismus, würde diese Orgie antisemitischer Barbarei doppelt wehtun. Dein Zorn wäre wieder . aufgeflammt nicht' nur gegen die dortigen Fanatiker, sondern auch gegen alle Gleichgültigen, Verständnislosen, die, wenn solche Wildheiten ausbrechen, zwar voll Entrüstung sind und für die Hinterbliebenen der Totgeschlagenen Almosen spenden, für dein Verhütungswerk aber nur Achselzucken hatten." „O, die Entrüstung war auch bei unseren eleganten Judenhassern allgemein. „So etwas ist barbarisch", sagten sie; „soweit sollls nicht kommen. Ich möchte keine Juden ums Leben bringen, nur leiden mag ich sie nicht". Winzige Scheite herbeitragen zum Scheiterhaufen, Zündstoff in kleinen Atomen sammeln: das tut ihr; aber vom Anzünden und Aufflammen wollt ihr nichts wissen — das besorgen nur „rohe Fanatiker", ihr seid „unschuldig" daran und wirklich ganz empört. Ihr habt kein Recht zu dieser Empörung, denn ihr seid mitschuldig. Bluthunde sind schlimmer, aber schlimmer sind jene, die sie reizen und hetzen." „Ob der Judenfeind mit dem Kolben dreinschlägt oder ob er nur schimpft — er ist ein Verfolger. Im Schimpf ist schon der Schlag enthalten. Bei uns hören die Organe der Negierung ruhig zu, wenn im Landtag die blutigsten Injurien aus die Köpfe der nach Natur- und Staatsgesetzen gleichberechtigten Mitbürger niederhageln." „Eine ' bodenlos unsinnige, dabei moralisch grausam schmerzende Abart der Menschenquälerei! Daß es Leute gibt. Rerta v. Suttner -i

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