Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
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269 religiöse Weltmacht, die an den großen Religionen der Welt mitgearbeitet und die Bestimmung hat, die Ideen der Menschen auch ferner umzugestalten".; In seiner mehr als. vierzigjährigen Wirksamkeit hat er sich über sehr viele religiöse Fragen mit Entschiedenheit ausgesprochen. In der Bibel unterscheidet er das Ewige von dem Vergänglichen. Nicht das geschriebene. Wort ist ihm das Organ der Offenbarung, sondern der lebendige Geist. „Ich glaube nicht," so sagt er einmal, „an einen göttlichen Ursprung der mosaischen Gesetze und der Tradition, aber ich glaube an die göttliche Mission des jüdischen Volkes als des Märtyrers und Priesters des reinen Monotheismus mit seinerwahren Ethik." Er will keine Dogmen für das Judentum aufstellen, sondern Grundsätze, die von einer ans Rabbinern und Laien bestehenden Synode formuliert werden. Er ist kein Proselytenmacher, aber er schließt Proshleten nicht aus, denen er den Zugang zum Judentum auch dadurch erleichtern will, daß er der Beschneidung keinen sakramentalen Charakter zuweist. Die Speisegesetze hält er nicht für ein ewig gültiges Gesetz. Um das Judentum wirklich zur Weltreligion zu machen, wünscht er eine Entorientalisierung der Gebräuche. Dazu gehörten die Verbesserung der Stellung der Frauen, die Einführung der Muttersprache in die Gebete und endlich, trotz aller Anerkennung, daß der historische Sabbat'- der Ruhetag der Juden ist, die. Gestaltung eines Sonntagsgottesdienstes und dazu, da er nach zwölfjähriger Erfahrung diesen allein nicht für genügend hielt, eine Ausgestaltung des Freitagabendgottesdienstes mit Predigt. Mit großer Energie sprach sich Köhler stets für die wahre Mission des Judentums aus. Diese wahre Mission.sah er aber nicht in der Rückkehr nach Jerusalem oder in der Wiederherstellung eines jüdischen Staates: „Nicht Zion, sondern Amerika ist die Heimat des kosmopolitischen, westlichen Juden." In dem Zionismus sieht er nicht die ErsüllMll, sondern eine Verleugnung der Mission des Judentums. D. Philipson schließt seine schöne Skizze über Köhler, den Reformer, mit . den Worten: „Wie die Propheten-Reform- Pioniere, deren würdiger Nachfolger er ist, hat Köhler in den langen Jahren seiner gesegneten Wirksamkeit als ein Kämpfer des Herrn auf den Wällen des geistigen Zion gekämpft und die begeisterte Heilsbotschaft des allgemeinen messianischen Judentums gepredigt. Ein tiefer Forscher in der Vergangenheit des jüdischen Geistes, ein auf vielen Gebieten tiefgründiger Gelehrter, verstand er es, die Ueberlieferungen der Vergangenheit in ihrem Werte für die Gegenwart zu deuten und aus den Werken der großen Geister der Vorwelt neue Werte für die Zukunft zu schaffen. Er stellt den echten Geist des amerikanischen Juden dar, der aus der Vergangenheit schöpft, in der Gegenwart lebt und für die Zukunft wirkt. Sein Blick ist immer vorwärts gerichtet, nie rückwärts, als ein optimistischer, fortschrittlicher, warmherziger Jude ist und bleibt er ein hervorragender Forscher, ein echter Reformer, ein gründlicher Denker." Ich sende, wenn auch etwas verspätet, dem vortrefflichen Manne zu seinem siebzigsten Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche. Ich besuchte gleichzeitig mit ihm, dem um einige Jahre Aelteren, der sich aber ziemlich spät die humanistische Bildung aneignen konnte, das Frankfurter Gymnasium, wo er freilich mit den Söhnen des damals ihm fernstehenden Führers des Freisinns keinen Umgang Pflegen mochte; ich stehe seit langen Jahren mit ihm in gelegentlicher Verbindung. Ich erinnere mich lebhaft der großen Freude, den jede Zuschrift Köhlers meinem Vater bereitete, und weiß noch genau, mit welcher Befriedigung ich. einige Beiträge von ihm für die von mir geleitete „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in. Deutschland" empfing. Ich erinnere mich mit Freuden der Stundendie er vor einigen Jahren in meinem Hause zubrachte, und des schönen Festes, das der liberale Verein ihm in Berlin gab. Solange wir solche Männer wie K. Köhler besitzen, können wir stolz und ruhig der Zukunft entgegensetzen. Ohne die Gebrechen des Alters zu spüren, widmet, erseine Kräfte fördernder Arbeit. Möge ein herrlicher Lebensabend sein schönes Leben krönen. Er ist eine Zierde des Judentums, und wir erweisen dem Judentum und uns selbst eine-Ehre, wenn wir den trefflichen Mann feiern. Linr berühmte Iudenkreundin. Von L e o p o l d K a t s ch e r. ZUM 9. Juni 1913. (Nachdruck verboten. esser als mit Arbeit und Liebe kann ein Leben nicht gefüllt sein.' Diesen wunderhübschen Satz finde ich in Berta v. Suttners „Memoiren", und er ist ungemein bezeichn nend für sie selbst. Arbeit und Liebe — damit füllt sie ihr Leben im besten Sinne des Wortes aus. Rastloser Bienenfleiß — Bücher, Zeitungsbeiträge, Reden, Vorträge, Reisen, Kongresse, Vereinstätigkeit — im Dienste der Nächstenliebe: das charakterisiert die hochberühmte Frau, die heute 70 Jahre alt wird. Siebzig Jahre — kaum glaublich, wenn man sich sie ansieht mit ihrer vornehmen, fast soldatischen Haltung, ihrem elastischen Gang und den im alten Glanz strahlenden milden Augen. Man ist nicht älter, als man sich fühlt. Sie schrieb mir erst kürzlich, daß sie geistig noch keinerlei Altersanzeichen verspürt; und wer ihr neuestes Buch („Der Menschheit Hochgedanken" 1912) liest, wird ihr das gern glauben — so vorzüglich ist es. Nun denn, möge sie sich noch recht lange jung fühlen — das ist der beste Jubiläumswunsch, den man ihr im eigenen Interesse wie in' dem der verbesserungsbedürftigen Weltzustände darbieten kann. Die „Friedensberta" ist als Schriftstellerin und als Agitatorin gleich groß. In ersterer Eigenschaft verbindet sie spielende Beherrschung der Sprache, leichte Anmut oder Packende Schönheit — je nach Bedarf — der Schreibweise mit geistreicher Pointierung, strenger Logik, treffender Persiflage oder Satire und glücklichster Wahl von Bildern. Als Apostel hinwiederum, als Kämpferin für Recht und Gerechtigkeit, für Güte und Vernunft, für Fortschritt, Frieden und Freiheit, gegen Peinigung, Krieg und Unterdrückung, gegen Mißbräuche und Auswüchse weiß sie mit hinreißenden Lapidarsätzen und glühenden Appellen voll Pracht und Macht des Ausdrucks aufpeitschend und erschütternd zu wirken. Sie ist so sehr Agitatorin im besten Sinne, daß sie als die Tendenzliteratin par excellenck gelten kann. Die Ansicht mancher Kritiker, sie sei deshalb keine Künstlerin, ist naiv. Wenn ein Buch einem edlen Zweck dient, der, von lodernder, überzeugender Begeisterung getragen, zwingende Wirkung ausübt, so ist es schon an sich mehr wert als ein gewöhnliches, lediglich erzählendes Phantasiewerk, und stünde dieses rein künstlerisch noch so hoch; bei der Suttner aber kommt überdies echte Künstlerschaft hinzu. Welche bloße „Kürtstlerin" schreibt ihr z. B. „Die Maschinenzeit", „Die Waffen nieder!" und „Schach der Qual!" nach, die drei herrlichsten Schöpfungen dieses erlesenen Geistes? Jeden männlichen Dichter, der drei solcher Meisterwerke in' Versen oder, in dramatischer Form schriebe^ würde die Literaturgeschichte unter die Klassiker einreihen. Sie jedoch hat der Welt noch viele andere wertvolle Bücher geschenkt! Eine solche edle -Edelfrau — sie selbst würde sagen: ein solcher Edelmensch — ist eine so außerordentliche Zierde ihres Geschlechts, daß sie schon durch ihr bloßes Vorhandensein Bände für die Berechtigung der radikalen Frauenbewegung