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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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Krof. k Köhler in Linnnnati". Von Ludwig Geiger. aufmann Köhler ist in Fürth i. B. am 10. Mai 1843 geboren. Er stammte aus einem orthodoxen Hause. Die Vorfahren seiner Mutter waren Rabbiner von großer Gelehrsamkeit und weitverbreitetem Ruse. Er besuchte zuerst die sogenannte Waisenschule in Fürth, wo er Simon Bamberger zum Lehrer hatte. Von 1853 bis 1856 war er Zögling der Talmudschule in Haßfurt, 1857 zu Hochstädt in Würzburg, vier Jahre lernte er bei M. Lehmann in Mainz.' 1862 ging er nach Frankfurt, wo er seine talmudischen Studien unter der Leitung von S. R. Hirsch sortsetzte, aber auch das Gymnasium jener Stadt besuchte. Von Hirsch empfing er einen großen Eindruck und bewahrte ihm Dankbarkeit bis ans Ende des verehrten Lehrers und darüber hinaus. Köhler studierte in München und Erlangen, wo er 1867 sein Doktorexamen machte. Seine bibelkritische Arbeit, durch die er den Doktorhut erlangte, „Der Segen- Jakobs", in der eine vollkommene Umwälzung seiner Anschauung hervortrat, brachte ihn in wissenschaftliche und Persönliche Beziehung zu Abraham Geiger. Durch diesen empfohlen, wurde der junge'Mann, der sich aus einem orthodoxen zum freisinnigen, geradezu radikalen Theologen emporgearbeitet hatte, Rabbiner in.Detroit in Amerika 1869, dann in Chicago bis 1879. Im Jahre 1870 verheiratete sich Köhler mit Johanna Einhorn, der Tochter David Einhorns. Mit dem Letztgenannten .und den übrigen Führern der Reformbewegung beteiligte er sich lebhaft an den Bemühungen der amerikanischen Rabbiner, eine radikale Reform des Judentums hervorzurusen, und führte schon 1874 zur Ergänzung des Sabbatgottesdienstes . einen Sonntagsgottesdienst ein. 1879 wurde er der Nachfolger seines Schwiegervaters in New Uork, seit 1893 ist er Präsident des Hebrew Union College in Cincinnati. Köhlers wissenschaftliche Tätigkeit ist eine ausgebreitete. Sein Hauptwerk „Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage" (ein Teil des von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegebenen „Grundriß der Gesamtwissenschast des Judentums") ist in unserer Zeitung, Band 74, Seite 608, ausführlich besprochen. *) Zu Ehren des Gefeierten ist folgende Festschrift erschienen: Ltudies in Jewish Literature. Issued in Honor of Prof. K. Kollier, Pli. D., President Hebrew Union College, Cincinnati, Ohio, on tlie occassion of bis 70. Birtliday, May tlie tenth, 1913. Berlin, Georg Reimer, 1913. Mit einem Bild des Gefeierten. 301 Seiten. Preis 6 Mark. Diese Festschrift enthält an ihrer Spitze zwei Aussätze, die für diese Skizze ausschließlich benutzt sind: eine kurze Biographie von Max I. Köhler und eine Darstellung von D. Philipson: Köhler als Reformer. Bon den übrigen in diesem Bande vereinigten 20 Abhandlungen beziehen sich auf den Gefeierten nur zwei, die eine eine Darstellung seiner systematischen Theologie von David Neumark, die andere eine sehr ausführliche Bibliographie seiner Schriften und Auf-, sätze von A. S. Öko. Alle übrigen Abschnitte der Festschrift sind Beitrüge zur Wissenschaft des Judentums, bibliographischen, exegetischen, talmudischen Inhalts. "Unter ihnen sind süns in deutscher Sprache: von Wilhelm Bacher, Jsmar Elbogen, Ignaz Goldziher, Samuel Kraus, Samuel Poznanski, alle übrigen sind in englischer Spräche. Sie einzeln aufzuzählen, geht nicht an;, sie zu beurteilen, würde meine Kompetenz überschreiten, eine Kritik wäre auch bei diesem Anlaß nicht geeignet. ebenso wie die. pietätvollen Arbeiten, die er seinem Schwiegervater David Einhorn . weihte, Aus ' diesem - Grunde soll sie hier nicht nochmals besprochen werden/ Die Bibliographie der Kohlerschen Schriften, die, .wie erwähnt, der zu seinen Ehren herallsgegebenen Festschrift beigegeben ist, umfaßt nicht weniger als 512 Nummern: größere, selbständig erschienene Arbeiten, kleinere Artikel in Zeitschriften und Enzyklopädien. Es sind außer zahllosen Predigten, Ansprachen, Rezensionen eine stattliche Reihe von Beiträgen zu der Jewish Enzyklopedy und vielfach kritische Aufsätze, die sich mit biblischer und rabbinischer Literatur beschäftigen. Unter den Arbeiten, die in deutscher Sprache Veröffentlicht wurden, seien seine Nachträge und Berichtigungen zu meinen Aufsätzen „lieber die Juden und die deutsche Literatur", seine Abhandlung „Sage und Sang im Spiegel jüdischen Lebens" und sein Vortrag „Die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Handels" hervorgehoben. Auch unserer Zeitung hat Köhler früher, viele Beiträge zugewendet; hervorgehoben seien die folgenden: „Wie alt ist die Peßach-Hagada?", > Jahrg. 55, S. 321 ff.; eine sehr große Besprechung über A. Wiener: „Die jüdischen Speisegesetze", Jahrg. 59, S. 245 ss., S. 257 ss , S. 267 ff., und die sehr umfängliche Studie „Die dreizehn Artikel des Maimonides und das Glaubenssystem des Judentums", Jahrg. 70, S. 416 ss., 428 ff., 437 ss., 450 ss., 464 ff., 478 ff., 487 ff. Auch anderen Zeitschriften, Kalendern, Jahrbüchern, die in deutscher Sprache in Deutschland, zum Teil auch in Amerika .erschienen sind, spendete Köhler wertvolle Aufsätze; , es möge die folgenden zu. nennen: A. Geigers Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Jeschurum Neuzeit, Monatsschrift für Geschichte und Literatur- Populäre Wissenschaftliche Monatshefte, Blätter für jüdische Volkskunde, Festschrift für Berliner, Jahrbuch für jüdische ' Geschichte und Literatur, populäre wissenschaftliche Monatsblätter. Auch in wissenschaftlichen deutschen Zeitschriften, .allgemeinen Charakters trat er gelegentlich als Mitarbeiter auf, zum Beispiel in der Zeitschrift für Assyriologie und in der Zeitschrift der Deutsch-morgenländischen Gesellschaft. /Unter seinen englischen Abhandlungen seien als besonders charakteristisch die in den Jahren 1887; bis 1898 gehaltenen und gedruckten Sonntagsvorträge genannt. Es find im ganzen 27, die alle möglichen Fragen behandeln: das Judentum im allgemeinen, Menschlichkeit, Handel und Zivilisation, Verbrechen und Strafe, Vorurteile, die Bibel im Lichte der modernen Forschung, die Elemente des Heroismus, Priester, Prophet und Prediger, Esther oder das jüdische Weib, Handel und Gewerbe, die Juden im Spiegel der Literatur und Kunst' Unsterblichkeit, Aberglaube, Juden- und Heidentum, - Grundsätze der Ethik. - - In seinen Neformideen und seiner Reformtätigkeit war Köhler zunächst von Abraham Geiger abhängig. Die Idee der Entwicklung, die in dem Alten die Grundlage zur Neubildung sieht, war bestimmend für ihn. Fortschritt istsein Leitmotiv, so daß er den Namen „Fortschrittliches Judentum" der Bezeichnung „Reformjudentum" vorzieht. Er will nicht völlig mit dem Alten brechen, sondern aus ihm das gewinnen, .was für alle Zeiten und alle Länder paßt. Das Judentum ist ihm weder eine Sammlung von Gesetzen noch eine Rassen- und Nationalreligion, sondern „eine große.historische -Kraft,!'.eine genügen. Prof. Dr. B. Böhler

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