Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · p. Seite 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229093--69500-3281805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

: 266 Wohl dem, der ahnend seinem Rufe folgt, noch keinem blieb er aus! Diese Erleuchtung ist die ewige Offenbarung. Ihr können wir folgen, auf sie hoffen, weil wir sie kennen. - Es wäre ja auch ein Unrecht, wollte Gott uns ganz im Dunkel lassen, einem Geschlechte alles geschenkt Haben, uns aber nichts gewähren. .Das Fest der Offenbarung mag uns lehren, daß dem nicht so ist. Der Gottesgeist lebt in der Welt und spendet alltäglich seine Sonnenstrahlen. Kein künstliches Licht ersetzt.den Tag, keine geschichtliche Offenbarung die Erleuchtung. Der Funke, der in uns fällt, er stammt vom großen Licht, auch er ist Gottesslamme. Wie mit dem kurzen „Du sollst", „Du darfst nicht" der zehn Gebote, so spricht Gott auch zu uns sein Ja, sein Nein. So ist er Hirt und Hüter, Freund und Vater. Nur keinen komplizierten Gott suchen! Wenn aber die Erleuchtung nicht naht, sein Mund nicht spricht? Dann sind wir blind und harthörig geworden, doch niemals hoffnungslos. Immer wieder können wir sehen und vernehmen, immer wieder besser werden, denn der Grundstein der Erkenntnis ruht in uns. Nun heißt es, der Gottheit ein Zelt bauen, darinnen sie -wohnen kann, den Tempel unserer Seele. — So wie die Welt, welche ich nicht kenne, für mich tot ist, so auch die Religion, wenn sie nicht, ein „Quell lebendigen Wassers", mein Leben labt. In der Tat werden wir aber alle mit einer Himmelsspeise genährt, mit gleicher Huld begnadigt, und das erst beweist Gottes Dasein. Zu keiner Zeit schweigt er und kehrt sich der Welt ab. Wohl hat es Zeiten gegeben, da das Wort des Herrn selten war, wie heut; aber das liegt an den Menschen! Wer zweifelt, daß es dennoch Große gibt in unseren Tagen, denen Gott sich offenbart. Kleine, die er erleuchtet! „Es glüht in der Finsternis ein Licht, gnädig, barmherzig, voller Liebe." Das ist der Gott in uns, das ist auch Lehre. Erleuchtung ist ein offenbares Himmelsgeschenk, sie ist die Erquickung der Seele, macht Toren weise. Das Fest der Offenbarung erleuchte uns mit Persönlicher Religion! Der Stimme in uns zu folgen, lehre immer mehr das Judentum! Fürchte dich nicht, wenn die Besserwisser dich verlachen, dir deinen Gott ausreden, in der Seele töten wollen. Kein papierner Gott, ein lebendiger muß es sein! Du selbst wirst dich nicht täuschen, wenn er dich ruft. Er, der zu Mose sprach, der sich dem Samuel vernehmlich machte, der stets aufs neue die Propheten weckte, er spricht zu uns. Ihm folgen wir, und wie die Ahnen geloben wir Treue lebendiger, überzeugender Offenbarung: Kol ascher diber adonai naasse wnischma. „Alles, was der Ewige zu uns redet, wollen wir tun und immer weiter hören!" Die Woche. Berlin, den 8.. Juni. 1913. ndlich ist, nach drohendem Drängen des englischen Ministers, der Vorfriede zwischen dem Balkanbund und der'Türkei geschlossen. Der Vorfriede; wann wird uns der endgültige Friedensschluß beschieden sein? Und wenn dieser in die Lande gezogen ist, was dann? Der Türkei drohen in -ihren asiatischen Besitzungen schwere Gefahren, und da in diesen Gegenden die europäischen Mächte wichtige Interessen haben, kann jeder Schritt für den Frieden Europas schwere Verwicklungen herausbeschwören. Nicht minder bedenklich sieht es in den Balkanländern selbst aus. Zwar Montenegro, der kleine Störenfried, der eine Zeitlang ganz Europa in Aufregung hielt, scheint zufrieden zu sein. Rumänien, das kein Schwert zog, ist gesättigt durch die Erfolge seiner Diplomatie. Aber die ehemaligen Verbündeten. vereint, so lange es einen gemeinschaftlichen Gegner zu bekämpfen galt, streiten sich, nicht nur mit Worten über die errungenen Siege und die zu erringende Beute. Schon ist es zwischen diesen Mächten: G r i e ch e n und Serben auf der einen, Bulgaren auf 'der anderen Seite, zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen, und wer kann sagen, wie weit diese Raufereien der wilden Horden, die nun einmal an das Kriegshandwerk sich gewöhnt haben, gehen können. Und man glaube nicht, daß es für Europa gleichgültig ist, wenn diese kleinen Völker sich untereinander abschlachten. Dennjedes hat seine Freunde und Beschützer unter den Mächten, und wie leicht kann aus diesen Schlägereien sich eine schwere, die Ruhe der Welt erschütternde Bewegung ergeben? - So sieht man unruhig und angstvoll der nächsten Zukunft entgegen. Und-wenn vielleicht auch die augenblickliche Gefahr abgewendet werden sollte, in dauerndem Frieden werden diese Nachbarn nicht leben. Jeder meint sich zürückgesetzt, nicht nach Gebühr belohnt, keiner gönnt dem anderen das Errungene, und sind erst einmal die schweren Wunden geheilt oder wenigstens vernarbt, so. ist Zündstoff zu neuen Erhebungen und wildem Dreinschlagen genug vorhanden. J* Und während im- Osten noch lange keine Ruhe herrscht oder höchstens die Ruhe vor dem Sturm, sehen wir in Mittel- und im w e st l i ch e n Europa eine bedrohliche Geschäftigkeit. Trotz aller Friedensbeteuerungen und wirklicher Friedensliebe sieht Deutschland sich veranlaßt, seine Wehrkraft in ungeheurer Weise zu vermehren. ■ Frankreich ist diesem Beispiel gefolgt. Zwar haben die Vorlagen in beiden Ländern noch keine Gesetzeskraft erlangt, aber sie werden eifrig beraten und werden, trotz allen Widerstandes der Antimilitaristen und Sozialisten in Frankreich, in beiden Ländern durchgehen; in Deutschland sogar unter der Zustimmung der Sozialdemokraten, die, wenn sie auch der Heereserhöhung widerstreiten, der Milliarde zustimmen, die von dem Kapital genommen werden soll. Diese ungeheure Anspannung der Kräfte bedeutet ja keine unmittelbare Kriegsgefahr. Sie wird vielmehr begründet durch das alte, vielleicht wahre Wort — denn nicht alles Alte und Vielgesagte ist deswegen wahr — „Willst du den Frieden, so rüste den Krieg." Aber liegt nicht in dieser ungeheuren Menschenansammlung, in diesem Anhäufen von Munition und Kriegsmaterial selbst die größte Gefahr? Vierzig Jahre hat der Friede gedauert; wirkliche Störungen sind glücklich vermieden worden; gar mancher Anlaß, der eine blutige Entscheidung herauszufordern schien, ist durch Klugheit und durch das Bewußtsein der ungeheuren Verantwortung beseitigt worden. Aber die bange Frage löst sich doch von mancher Lippe: Wie lange noch? # In der Budgetkommission des deutschen Reichstages schilderte ein volksparteiliches Mitglied eingehend die gefährlichen Folgen des großen Mangels an Militärärzten. Bei den unteren Stellen (Ober- und Assistenzärzte) fehlen 53,75 v. H. Die Hauptursache dieses Mißstandes sei in der Zurückstellung aus konfessionellen Gründen zu suchen; die Fernhaltung der jüdischen Aerzte sei töricht. Der Redner erörterte dann die soziale und gesellschaftliche Zurücksetzung der Militärärzte gegenüber dem Ofsizierkorps und empfiehlt eine Reihe von Maßnahmen, insbesondere die Einrechnung der Studienzeit in die pensionsberechtigte Dienstzeit. Der Kriegsminister gibt zu, daß ein gewisser Mangel vorhanden sei, hält ihn aber, wenigstens in Friedenszeiten, für nicht so bedeutend, wie angegeben. Die Kaiser-Wilhelms- Akademie sei noch nicht ausgebaut und ihre Erweiterung werde erst in den nächsten Jahren ihre Wirkung äußern. Eine Unterstützung von Medizinern, die auf Universitäten studiert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.