Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 6. Juni 1913 77. Jahrgang. Nr. 23 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Lochhandel oter die Post (in Berlin und 'Vororten durch unsere Vertriebsflellen) bezogen vierteljährlich 3 JTI. — Postscheckkonto 324. vegry«»et von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Nuäolk Glosse» SerUn» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46(49, zu richlen. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Tinholt' Offenbarung und Erleuchtung. Von Rabbiner Tr. Salomonski. — Die Woche. — Prof. K. Köhler in Cincinnati. Von Ludwig Geiger. — Eine berühmte Judenfreundin. Von Leop old Kätscher. — Austritt aus dein Judentum und Ausscheiden aus den Synagogengemeinden. Von vr. jur. Dittmar Wiluner, Vreslau. Eine Höft. Anfrage an Herrn Prof. Dr. Adolf Harnack. Aon M. Frie dtünder. — Feuilleton: Der Sohn des Elias. Von Julius Weil. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote sBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Schwersenz, Breslau, Rehna, Straßburg i. E., Wien, Preffburg, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Lffenbsrung und Erleuchtung. Von Rabbiner Dr. S a l o m o n s k i. näßen der Offenbarung, die dem Wochenfeste zugrunde liegt und Gottes Lehre Israel und der Menschheit dargeboten hat, kennen wir noch eine zweite Manifestation seines Waltens: das Bewußtwerden des göttlichen Willens in uns oder die Erleuchtung. Zwischen diesen beiden Fundamenten religiösen Empfangens besteht ein Unterschied, aber er ist nicht wesentlich. Offenbarung lind Erleuchtung sind Brücken zwischen Himmel und Erde. Es ist unrecht und wenig erfolgreich, dem Vorgang der sinaitischen Gesetzgebung nachzuspüren. Was wir von der Schilderung enthüllen oder korrigieren, bleibt schließlich nur unsere persönliche Auffassung, nach der anderes Denken nicht gedrillt werden kann. Soviel Köpfe, soviel Anschauungen über den Offenbarungsbegriff zu allen Zeiten! Das beste ist, wenn jeder die Ansicht, die er sich hier errungen hat, behält. Stieg die Religion vom Himmel zur Erde, oder rang sie Gott suchend sich aus der Menschen Herzen? Ihr Urquell bleibt Gott! War zuerst Sehnsucht nach ihm und dann Erkenntnis, oder folgte die Hingabe seinem Ruf? Was liegt daran! Wie immer auch die Religion wurde, Gott hat sie geweckt, ihr bei den Irdischen eine. Stätte bereitet. Eine Heimat im Herzen aller, die seit jener Einkehr geboren -wurden? Das ist nicht geschehen! Wie die Tugend sich nicht forterbt, noch der Geist übertragbar ist, so wenig hilft die e i n e Offenbarung der religiösen Armut, dieser größten Not. Nur im Ringen nach dem Ewigen wird der Mensch gottbegeistert. Denn wir haben für die Religion wohl ein Organ, aber keine Disposition. Wir sind zur Gotteserkenntnis fähig, aber nicht talentiert. So würde trotz der einstigen Offenbarung der Glaube verflachen, versanden, wenn nicht immer wieder ein neuer Ruf der Gottheit i m Menschen, sein Verlangen nach ihr laut würde. Wie die Alten empfehlen, ein jeder Israelit möge sich in die Befreiung aus Aegypten vertiefen, um sie zu würdigen, so muß der Mensch nach Erleuchtung streben, wenn die Offenbarung ihm etwas bedeuten soll. Töricht ist es, zu glauben, daß die irdisch gewordene Religion lebenskräftig bleibt ohne das Wehen des ewigen Hauches in uns. Was das Blut dem Körper ist, die Luft der Lunge, das ist Gottes Geist für unser höheres Leben. Wer ihn nicht sucht, einladet und gewinnt, der bleibt mit aller Gelehrsamkeit nur Gepäckträger der Weisheit, bei aller Frömmigkeit nur Glaubensmaschine und wird nie des Gottes voll, ihm nicht näher, nimmer von ihm erleuchtet. Wie wird uns diese Gunst zuteil, wie finden wir den lebendigen Gott und stehen nicht still beim überlieferten? Wie viele andere ihn in sich entdeckt haben, die Menschen waren gleich uns: wie die Propheten! Sie waren ja nicht bevorzugte, auserwählte, sondern mehr gewordene! ' Es gibt nur eine sich selbst kürende Elite der Menschheit und keinen erblichen Adel. Jeder ist zugelassen! Sie fachten den Funken der Erleuchtung, den die meisten verglimmen lassen, zum lodernden Brande'an. Wie unser Gehirn den Gedanken verständlich ohne Satzban spricht, so wurde ihnen die Eingebung zur Ausgestaltung, die Idee zum System, die Erleuchtung, zur Offenbarung. Ueberzeugend wahr und charakteristisch genug haben sie uns die Art ihres Erfassens der Gottheit im kurzen, starken Wortgefüge überliefert, im prophetischen Telegrammstil': „Mörder und Erbe!", „Essen, Uebriglassen!", „Schnell die Beute, Plünderung eilt!", „Tröstet, tröstet mein Volk!" I. Wie der Blitz die Nacht erhellt, so beflügelt das Wort Gottes ihren Geist. Was der Augenblick der Erleuchtung gab, wurde ihr Eigentum. Sie waren inehr als Sprecher des Gotteswillens und Werkzeuge seiner Macht, sie hoben und formten in der fliehenden Sekunde des Schemens die besten Gedanken und ließen sie nicht wie wir untertauchen und versinken. Das beweist Ainos, wenn er erzählt, daß Gott ihn von der Herde wegrief. Er kündet uns damit nicht nur, wie der Ewige in ihm laut iind mächtig wurde, sondern daß er sich auch bewußt von der Herde der Denkträgen und Tauben geschieden hat, die nicht wahrnimmt, was allen gegönnt sein kann: die Stimme Gottes. ' Ja, Gott spricht tatsächlich zu uns durch die Erleuchtung. Und wenn du ihn hörst, und wenn du ihm lauschst, .„dann wird im Finstern scheinen dein Licht und dein Dunkel wird zur Mittagshelle". Erwachen denn nicht wirklich in uns gewaltige Regungen der Seele, die zurückzuhalten starke Hemmung erfordert! Immer wieder melden sie sich und klopfen bei uns an. Wie jene geheimnisvollen Wellen, die über Länder und Meere eilen und sich fangen lassen, so kehren sie ein, Bilder, Gefühle, Wünsche, Taten formend. Aber neben diesen anerkannten Stimmen der Seele gibt es noch gewaltigste Schwingungen, Töne edelster Leidenschaft, Grüße echter Wahrheit. Nennet sie Sendboten der tiefsten Sehnsucht, doch .scheltet sie nicht Phantasie! Wenn eine reine Liebe uns das Herz bewegt, wenn weit der Weg zum Guten sich eröffnet, dann ist in uns das Walten Gottes, weht uns sein Odem an. A) I. Kön. 21, 19. II. Kön. 4, 43. Jes. 8. 1. 40, 1.