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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-30 · Heft 22 (30.5.1913) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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verließen, da der Vorsitzende den Redner nicht zur Ordung rief. Der Vorsitzende wies darauf hin, daß die hitzige Kampfesweise des Herrn Dr. Hoppe schon bekannt sei. Er fand jedoch merkwürdigerweise, daß -nicht Herr Dr. Kopfstein, sondern erst die Diskussionsredner Persönliche geworden seien. Herr Professor F a l k e n h e i m wendete sich mit scharfen Worten gegen die unerhörten Angriffe auf Herrn Dr. Vogelstein und kritisierte die Geschäftsführung des Vorsitzenden, welcher derartige Auftritte zugelassen hat, ohne von seinen Machtmitteln Gebrauch zu machen. Herr Dr. Kopfstein erhielt das Schlußwort, in dem er erklärte, er habe mit seiner Aeußerung Dr. Vogelstein nicht beleidigen wollen und rief Gott hierfür als Zeugen an. Der Abend zeigte zur Evidenz, daß der „parteilose" Gemeindeverein seine Aufgabe nur iu der Bekämpfung des Liberalismus erblickt. Die Versammlung hat weder dem Gemeindeverein noch den Gegnern des Liberalismus einen moralischen Erfolg gebracht. W. Posen, im Mai. Herr Rabbiner Professor Dr. Bloch hielt vor kurzem in einer Sitzung der Historischen Gesellschaft Hierselbst einen Vortrag über „Deutsche Philosophie in der Provinz Posen". Redner schränkte sein Thema insofern ein, als er seine Betrachtungen lediglich dem früheren Ghmnasialdirektor von Krotoschin, Gladisch, widmete. Gladisch hatte einen geschichtsphilosophischen Gedanken Hegels aufgefangen und versucht, ihn nach eineranderen Methode auszusühren. Gladisch' Gedankengang war folgender: Schon die ältesten Völker haben den Gedanken des Daseins entwickelt. Er spricht sich aus in ihren Mythen, Gewohnheiten und religiösen Sprüchen. Die Chinesen, Perser, Inder, Aeghpter und Israeliten sind solche Völker. Professor Dr. Bloch führte seinen Vortrag zu Ende mit den Worten: Ein edler Denker ist in Gladisch aus unserer Provinz hervorgegangen-, sein Andenken der Gegenwart ins Gedächtnis zu rufen, habe er, der Vortragende, für seine Ehrenpflicht gehalten. — Die Repräsentantenversammlung der hiesigen Shnagogengemeinde genehmigte einstimmig die auf 367 694.26 Mark bemessenen Ausgaben des Gemeindeetats, zu deren Deckung 216 665.50 Mark Einnahmen und laufende Etatspositionen zur Verfügung stehen. Durch einen Zuschlag von 42 Prozent des Staatseinkommensteuersatzes fließen 147 000 Mark der Kasse zu; der dann noch verbleibende Restbetrag von 8000 Mark zur Balanzierung des Etats wird aus Ueberschüssen des Rechnungsjahres 1911 gedeckt, das ein so günstiges war, daß außerdem noch 1600 Mark dem Ausgleichsfonds überwiesen..werden können. Dem Kuratorium des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes für die Fürsorgeerziehung verwahrloster Kinder wurde eine Beihilfe von 1000 Mark bewilligt.— Einmütig wird der Wunsch geäußert, das jüdische Krankenhaus mit elektrischer Beleuchtung zu versehen. A. K. Bad Swinemünde, 26. Mai. Erst antisemitisch, dann jüdisch. Diese selten vorkommende Wandlung eines Hotels hat sich hier an dem in der Königsallee befindlichen Hotel S t r a n d s ch l o tz vollzogen. Das „S t r a n d s ch l o ß" gehörte zu einem der ersten Hotels an der Ostsee, welche die antisemitische Flagge hißten und Inden die Wohnungsaufnahme verweigerten. Ein gutes Geschäft, auf das der antisemitische Inhaber doch sicher rechnete, scheint dabei nicht gemacht worden zu sein, denn nunmehr, nach jahrelangem judenreinen Betriebe ist das „S t r a n d s ch l o ß" in die Hände eines jüdischen Hoteliers übergegangen. Dieser hat nun einen rituellen Betrieb eingerichtet, und, obgleich die Saison offiziell noch gar nicht eröffnet ist, schon jüdische und — — nichtjüdische Gäste. Der Hotelantisemitismus scheint seine Leute doch nicht mehr zu ernähren, 0, guae mutatio rerum! g/«> Bochum, 23. Mai. Der Zentral - Ar m e n v e r band für W e st s a l e n und angrenzende Bezirke erstattet Bericht über seine Tätigkeit. Laut Beschluß der vorjährigen Generalversammlung umfaßt der diesjährige Bericht die Zeit vom 1. April bis 31. Dezember 1912, also dreiviertel Jahr. In dieser Zeit wurden an der hiesigen Kasse 468 Personen unterstützt, und zwar 417 Männer, 27 Frauen und 24 Kinder mit insgesamt 2229.85 Mark, und zwar für Fahrkarten 1458.50 Mark, für Zehrgeld 584 Mark, für Verpflegung 187.35 Mark, so daß eine Person durchschnittlich 4.75 Mark erhielt. Ihrem Beruf nach waren: Handwerker 197, Arbeiter. 62, Kaufleute und Händler 112, Gelehrte und Künstler 27, ohne Berus 70; zusammen 468. Heimatsberechtigt waren ans Rußland 180, Galizien 64, Oesterreich 40, Ungarn 38, Rumänien 8, Deutschland 91, anderen Ländern 47; zusammen 468. Von den 468 Unterstützten wurden befördert nach Hannover 217, Köln 107, Bremen 39, verschiedenen Orten 105. In der gleichen Berichtszeit wurden an der Rückwandererkasse in Köln direkt nach Berlin etwa 654 Personen befördert, wofür wir den Betrag von 3382.40 Mark zu vergüten hatten. Betrachten wir nun die Gesamttätigkeit des Jahres 1912 im Vergleich zum Vorjahr, so ergibt sich folgendes Bild: Die Durchschnittsquote pro Kopf der Unterstützten belief sich hier 1912 auf 4.75 Mark, 1911 auf-4 Mark, Köln 1912 auf 5.15 Mark, 1911 aus 5.30 Mark. Es wurden unterstützt hier 1912 606 Personen mit 2883 Mark, 1911 643 Personen mit 2884.20 Mark, also weniger 37 Personen mit 1.20 Mark. An der Rückwandererknsse in Köln wurden befördert 1911 1171 Personen mit 6157 Mark, 1912 912 Personen mit 4728 Mark; weniger 259 Personen mit 1429 Mark. Es sind demnach im ganzen 296 Unterstützungssuchende weniger zu versorgen gewesen, wodurch 1430.20 Mark weniger ausgegeben wurden; die durchschnittliche Einzelgabe belief sich auf 5 Mark. Der Bericht schließt mit folgenden Worten: Eine große Anzahl mittlerer und kleiner Gemeinden ist trotz der großen Mühe, die wir uns darum gegeben, nicht zum Beitritt zu gewinnen gewesen. Auch iu unseren Bemühungen, aus den Beitrügen von Einzelmitgliedern einen Fonds zur Errichtung einer Arbeitsstätte zu sammeln, sind wir bislang von den Verbandsmitgliedern sehr wenig unterstützt worden. §2 Hannover, 23. Mai. Am S i m o n s ch e n Sem i n a r 3 u Peine werden im Juli und August 1913 Ferienkurse für israelitische Lehrer stattfinden, die sich auf Schulgartenbau und Handfertigkeitsunterricht in leichter Holzarbeit erstrecken. Diese Kurse sind für Lehrer eingerichtet, die bereits Schulgarten- oder Handfertigkeitsunterricht erteilt haben oder auf einem dieser Gebiete eine genügende Vorbildung besitzen. An Gebühr entrichten Lehrer kleinerer Gemeinden wöchentlich 15 Mark, Lehrer größerer Gemeinden wöchentlich 25 Mark. Hierfür werden neben der vollkommen kostenfreien Ausbildung freie Wohnung, freie rituelle Verpflegung und Benutzung aller Wohlfahrtseinrichtungen unserer Anstalt gewährt. Anmeldungen sind zu richten an Herrn Direktor Alexander, Simonsches Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit in Peine. * Gesterretch-Nngsrn. K. Wien, 23. Mai. Infolge des großen Brandes, der am 17. d. M. im ehemaligen Ghetto in Preßburg wütete, wurden zahlreiche jüdische Existenzen vernichtet. In diesem Viertel wohnen noch immer viele, zumeist sehr arme jüdische Familien, die nunmehr ihrer ganzen Habe beraubt wurden. Der Brand hätte vielleicht noch rechtzeitig gelöscht oder zumindestens lokalisiert werden können, aber die in diesem Viertel wohnenden orthodoxen Juden wollten den Sabbat nicht entweihen und sich an der Löscharbeit nicht, beteiligen. - Es bedurfte der ganzen Energie des Oberrabbiners Akiba Schreiber, die gesetzestrenen Israeliten zu veranlassen, aus ihrer Sabbatruhe herauszutreten. In einer Unterredung, die ein Mitarbeiter der „N. Fr. Pr." mit dem Bürgermeister von Preßburg hatte, teilte dieser unter anderem mit: „Wir hatten orthodoxe Greise, die nicht aus ihren Quartieren heraus wollten, und mit Gewalt delogiert werden mußten. Sie riefen den Rettern zu: „Laßt mich hier sterben! Es ist Samstag; ich mag nicht hinaus!" Es waren mehrere, die sich in solcher Weise auf ihr unbestimmtes Schicksal und auf ihre religiösen Pflichten beriefen und Zwangsweise gerettet wurden." Die Judengemeinde in Preßburg hat sofort eine Hilfsaktion zugunsten der armen jüdischen Abbrändler eingeleitet, um wenigstens die momentane Not zu lindern. Große Freude herrscht in der Preßburger Gemeinde, daß die beiden jüdischen Gotteshäuser vom Brande verschont blieben. Der orthodoxe Tempel wurde infolge der Löscharbeiten stark beschädigt, aber der entstandene Schaden ist nicht sehr bedeutend und dürfte bald behoben werden. Schlimmer ist es um die zahlreichen armen jüdischen Familien bestellt, die durch diese Brandkatastrophe ihr schützendes Obdach verloren haben und die ganze Nacht vom Samstag auf Sonntag im Freien kampieren mußten. Traurig ist auch das Los der vielen armen Talmudjünger, die jahraus, jahrein die Preßburger Talmudschulc, Jeschiwah, besuchen. Denn auch sie fiel den Flammen zunr Opfer, und die armen Talmudjünger, die zumeist aus die Unterstützung der besser situierten Glaubensgenossen angewiesen sind, stehen nunmehr hilflos da. Es lverden aber bereits in der Presse Sammlungen für die armen Opfer des Brandes veranstaltet, uird auch die israelitischen Kultnsgemeinden diesseits und jenseits der Leitha rüsten sich zur Einleitung von Hilfsaktionen in großem Maßstabe, so daß berechtigte Hoffnung vorhanden ist, daß wenigstens die momentane Notlage gemildert werde.

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