Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229092--69492-3281796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berlin, 30. Mai 1913 Der Ormetndeüote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums". korrrlpondrn?m und Kachrichtrn. Deutschland. y. Berlin, 25. Mai. In der heutigen Sitzung der R e P r ä sent a n t e n v e r s a m m l u n g wurde in fast vierstündigen Beratungen der große Rest der Borlagen erledigt, die bereits der letzten Versammlung Vorlagen. Bei dem Beschluß über die Ausgestaltung der Knabenschule zu einer neunklassigen Mittelschule war u. a. die Stundenzahl im Hebräischen aus wöchentlich drei festgesetzt worden. Der Vorstand teilt nun mit, daß er auf Antrag des Talmud-Thora-Vorstandes die Ausnahme zugelassen habe, daß in der e r st e n Klasse für diejenigen Schüler, die an. dem englischen fakultativen Unterricht teilnehmen, nur zwei Stunden Hebräisch, dafür aber Englisch statt in drei, in vier Stunden erteilt wird. Die Versammlung nimmt davon Kenntnis. — Von der Abrechnung für die Ständevermietung in den Synagogen und Betlokalen pro 1912/13 nimmt die Versammlung Kenntnis. Insgesamt gelangten in den sieben Synagogen •mub zwanzig Betlokalen 32 148 Plätze zur Vermietung im Nominalwerte von 325 766.50 Mark, nicht verausgabt wurden 400 Plätze im Nominalwerte von 9656 Mark. — Eine längere Debatte ries der Kostenvoranschlag für die Errichtung der neuen Synagoge am Kottbuser Ufer hervor. Der Bau dieses neuen Gotteshauses ist aus 928 Herren- und 966 -Frauenplätze, also insgesamt auf 1894 Plätze bemessen. Seitlich gegliedert ist links die Wochentagssynagoge mit 56 Plätzen, rechts der Trausaal. Außerdem find Wchnungen für den Kastellan und den Synagogendiener vorgesehen; in einem besonderen Seitenflügel soll ein 360 Personen fassender Saal für den Jugendgottesdienst untergebracht werden. Die Synagoge erhält Zentralheizung, und die Möglichkeit der Aufstellung einer Orgel soll berücksichtigt werden. Die Kosten des Baues, einschließlich der inneren Einrichtung, sind aus 650 000 Mark veranschlagt. — Herr Knznitzky ist mit dem Anträge des Ausschusses III, die Vorlage zu genehmigen, keineswegs einverstanden. Die angesetzten Preise seien derartig, daß von einer einfachen Ausstattung gar nicht die Rede sein könne. Von der verlangten Summe ließen sich mit Leichtigkeit mindestens 30 000 Mark in Abzug bringen. Er beantragte die Zurückverweisung an den Ausschuß I. Vom Vorstandstisch erwidert Herr Geh. Baurat Land sb e r g. Er vermißt eine substantiierte Begründung der Ansicht seitens des Herrn Vorredners und bestreitet, daß der fünfmal geprüfte Kostenanschlag zu hoch sei; man hoffe mit dem Betrage auch die eventuelle Anschaffung einer Orgel bestreiten zu können. Herr Dr. G i n s b e r g , der für die Verweisung an den Ausschuß ist, stellt mit Vergnügen fest, daß der neue Synagogenban sich durch Einfachheit auszeichnen werde. Die Vorlage wird hierauf dem Anträge gemäß, dem Ausschuß I wieder überwiesen. — Es folgt dann eine Reihe von Wahlen. — Eine sehr ausgedehnte Debatte ruft auch die Vorlage betreffend die Bewilligung einer Ausgabe für die Nebenanlagen und die innere Einrichtung des zweiten Waisenhauses in Pankow hervor. Die Baukommission hat im Einverständnis mit dem Kuratorium die Kosten aus 71000 Atark festgesetzt. Der Gemeindevorstand hat von dieser Summe bereits 11 585.62 Mark abgesetzt, und der Ausschuß I, für den Herr Kuznitzky referiert, hat weitere Abstriche gemacht und beantragt, nur 50 000 Mark zu bewilligen. Der Referent fragt: Wie konnte man nur einen solchen Anschlag machen und vorlegen. Es wäre viel Luxus dabei in Aussicht genommen gewesen. Alles könnte man mit dem Betrage hochherrschastlich einrichten. Er bemängelt insbesondere die Ansätze für die Einfriedigungsmauer. Man berechne hier, da es sich um etwa 70—80' lausende Meter handele, pro laufendes Meter einen Kostenbetrag von 54 Mark ohne Sockel, während man beim Krankenhaus das Meter mit 15 Mark beschafft Habe. Die Summe von 50 000 Atark reiche vollständig hin. Herr Benas L e v y steht auf dem entgegengesetzten Standpunkt und wünscht, daß man die Abstriche, die der Vorstand vorgenommen, wieder beseitigen möge. Die Prießschen Mauern, die Herr Kuznitzky Vorschläge, seien so dünn, daß sie nach Aussage eines Sachverständigen mit einem Fußtritt umgestoßen werden könnten. Die Front an der Berliner Straße müsse würdig eingezäunt werden. Das wäre die Voraussetzung für den Baudispens gewesen. Die Abstriche des Vorstandes, seien nicht durchführbar, wenn das Waisenhaus nicht verunstaltet werden und die Wohltat für die Kinder eine Einbuße erleiden solle. Er habe sich das städtische Waisenhaus angesehen. Man könne nicht sagen, daß bei unserem in Pankow von einem Luxus die Rede sei. Erwünscht die Einsetzung einer fünfgliederigen Kommission, die noch einmal in eine Prüfung des Voranschlages eintreten solle. Vom Vorstandstisch erwidert Kommerzienrat Netter aus die Vorhaltung, daß dem Voranschlag keine Zeichnung oder Skizze beigelegt worden sei, es handele sich hier ja nur um die innere Einrichtung und das bißchen Umzäunung in Länge von insgesamt etwa 70 Metern. Die Preisangaben des Herrn Kuznitzky stimmten nicht. Gegenüber Herrn Benas Levy möchte er daraus verweisen, daß die Anschauungen maßgebend seien für die Bemessung des Notwendigen. Der Vorstand halte an den Grundgedanken fest, die bei Begründung des Waisenhauses leitend gewesen sind: Die Kinder sollen in einfachen Lebensverhältnissen erzogen werden, wie sie dereinst vorsinden werden, wenn sie ins Leben treten. Ob man mit 50 000 Mark auskommon werde, bleibe dahingestellt. Dann werde man sich eventuell eben auf Nachbewilligungen gefaßt machen müssen. Herr Geh. Baurat Landsberg meint, das Gebäude müsse gewissermaßen die Berliner jüdische Gemeinde doch etwas repräsentieren, wenn man auch sparsam sein solle. Er möchte darauf aufmerksam machen, daß man aus dem gemieteten Hause am 1. Oktober ausziehen müsse und daß, wenn die Mittel heute nicht bewilligt würden, der Vorstand nicht die Verantwortung übernehmen könne. Herr Kommerzienrat Simon verwahrt sich dagegen, daß man immer mit der Zeitbedrängnis drohe. Wenn man immer nur Ja sagen solle, ohne genau prüfen zu können, so seien die Repräsentanten ja überflüssig. Warum bringe man derartige Vorlagen nicht zeitiger ein? Herr Justizrat Breslauer, der 27 Jahre in der Leitung des Hauses tätig ist, hebt hervor, daß die gute Erhaltung und Instandhaltung des Mobiliars und der gauzell inneren Einrichtung des Hauses nur der ganz außerordentlichen eingehendsten Sorgfalt des Herrn Direktors Grunwald zu verdanken seien. Herr Siegfried Sachs bestätigt die Worte des Vorredners. Beim bloßen Anblick täuschen die Augen; sieht man genauer die Dinge an, dann muß man zll der Bitte gelangen, einen Teil der Abstriche, die der Vorstand gemacht hat, wieder einzusetzen. Der Redner gibt sehr eingehende Details und kommt zu dem Schlüsse, daß man 9010 Mark des gestrichenen Betrages wieder einsetzen müsse. Nachdern dann noch' die Herren Dr. Ginsberg, Kuznitzky, der die Kostenzisfern gegenüber Herrn Netter aufrecht erhält, ferner Oscar Tietz und Geheimrat Blumen thal solvie Herr Netter gesprochen hatten, wurde unter Ablehnung aller anderen Anträge dcr Ausschußantrag angenommen, das heißt die Bewilligung von nur 50 000 Mark ausgesprochen. — Zur Veranstaltung von Hauptgottesdienst an den hohen Festtagen wurde der Langenbecksaal gemietet. Zur Bestreitlmg der Kosten der Festgottesdienste, die aus Anlaß der Jahrhundertfeier der Erhebung Preußens veranstaltet worden sind, wurde ein Betrag-von 2199.50 Mark bewilligt, gleichzeitig aber dem Anträge des Ausschusses entsprechend eine Resolution angenommen, daß künftighin für besondere Veranstaltungen tu den Gemeindesynagvgen keinem festangestellten Beamten ein besonderes Honorar bewilligt werden soll.— Zur Deckung «der Kosten für die Gedenkfeier auf dem Friedhof Schönhauser Allee zu Ehren der dort beerdigten Veteranen aus den Freiheitskriegen, die vom Atil-itärverein „Deutsches Vaterland" veranstaltet worden war, lvnrden nachträglich 201.40 Atark, ferner für die Aufstellung eines neuen Badekessels im Reichenheimschen Waisenhaus 417.90 Mark und zur Erweiterung der elektrischen Lichtanlage dvrtselbst 1113.85 M. nachträglich bewilligt. Für die Herrichtnng der Kantorenwohnung im Vorderhaus der Synagoge Lindenstraße werden 393.13 Mark, für die innere Einrichtung der Warte- und Blumenhalle in Weißensee werden die bereits bewilligten 6055 Mark dem dritten Amortisationssvnds entnommen. Zur Beköstigung jüdischer Strafgefangener am Pesachseste werden Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Rawitsch 560 Mark, Herrn Landrabbiner Dr. Grone m a n n, Hannover, 27 Atark und der Synagogengemeinde Kottbus 40 Atark bewilligt., ferner der Kuranstalt^ für arme Israeliten in Bad Soden eine Subvention von 300 Mark, idem jüdischen Knrhospital in Warmbrunn 500 Mark, dem . jüdischen Kinderheim 1000 Mark bewilligt und schließlich der jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee 3000 Mark. Die beiden letztgenannten Bewilligungen riesen eine lebhafte Debatte hervor, weil - die Sub-