Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 - Doktor Deutzer fährt zusammen. Eine tiefe Bläffe überzieht sein Gesicht, aber er überwindet sich und antwortet mit bebender Stimme: „Wenn es sich um mich handelte, Herr v. Römer, ich stände in diesem Augenblick nicht mehr vor Ihnen, aber hier ist ein Wesen, das sein Leben mit dem meinen verknüpfen will — für Ihre Tochter stehe ich hier und halte Ihrem Zorn, ja Ihrer Verachtung stand." „Sie wagen es!" ruft er mit drohend ausgestreckter Hand. Luise fällt ihm in den Arm. „Vater, er hat dir dein Leben wiedergegeben!" „Um es zehnfach zu vernichten!" „Um es zu vernichten?" wiederholt Doktor Deutzer. „Bin ich denn so ganz ein anderer geworden, Herr v. Römer? Sonst hießen mich Ihr Blick und Ihre Hand willkommen — nun stoßen Sie mich von sich? Sie, der so hochherzig, so menschlich frei ist wie kein Zweiter, Sie richten mich ohne Recht?" „Ohne Recht? Das sagen Sie?" „Geben Sie mir Gehör — nicht um mich zu verteidigen — ich habe nichts begangen, dessen man mich anklagen könnte. Nur um Ihnen zu sagen, warum ich den Kopf hochtrage wie jeder Ehrenmann, warum ich meine Augen zu Ihrer Tochter zu erheben wagte." „Sei barmherzig, Vater!" fleht Luise. „Höre ihn an!" Herr v. Römer sieht auf seine Tochter, die weinend, mit erhobenen Händen vor ihm steht, und dieser Anblick schneidet ihm in die Seele. „Was haben Sie mir zu sagen?" fragt er kurz. „Nichts, was Ihnen nicht Ihr eigenes Herz sagt: daß der Schuldlose nicht leiden darf für den Schuldigen." „Es steht geschrieben: Die Missetat der Väter wird heimgesucht über die Kinder, ins dritte und vierte Glied." „Es steht aber auch geschrieben: Der Sohn soll nicht tragen die Missetat des' Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Missetat des Sohnes." „So reden Sie!" (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Judentum u u d C h r i st e n t u m i n i h r e n U n t e r - f ch e i d u u g s l e h x e n. Von Dr. S. Pick, Rabbiner in Straßburg (Westpreußen). Verlag von I. Kaufstnann, Frankfurt a. M. Vorliegendes Werk stellt sich die Ausgabe, die Unterschiede zwischen dem Judentum und dem Christentum darzulegen. Mit tiefer und umfassender Sachkenntnis hat der Verfasser den in Betracht kommenden weitschichtigen Stoff bearbeitet. Daß er sich auf dem Gebiete der jüdischen Religionswissenschaft vollständig bewandert zeigt, darf bei einem Rabbiner nicht als besonderer Vorzug hervorgehoben werden, denn das ist etwas Selbstverständliches. Doch nicht minder vertraut erweist er sich mit der christlichen Religionswissenschaft, die er vom Ursprung des Christentums bis zur Gegenwart nach, den Quellen er- . forscht hat. — Man sieht es dem Werke kaum an, welch immenser. Fleiß daraus verwandt wurde. Der Verfasser unterläßt den gelehrten Quellennachweis und befleißigt sich größtmöglichster Kürze. Vielleicht geht er hierbei gar zu weit. An manchen Stellen hätten wir etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. Es wären dadurch dem Laien das Verständnis und die Möglichkeit, den Deduktionen zu folgen, erleichtert worden. Für den mit dem Stoff halbwegs Vertrauten wird die Darstellung durch diese Kürze aber nicht beeinträchtigt. Mancher wird dem Verfasser für sie gar Dank wissen. Das Buch zerfällt in zwei Hauptteile. Der erste behändelt die Gottesidee mit den Unterpunkten a) Einheit Gottes, b) Transzendenz Gottes; der zweite die Ethik mit den Unterpunkten a) Sittengesetz, b) Selbstverantwortung und sittliche Freiheit. — Bei der „Gottesidee" wird der grundlegende Unterschied Zwischen beiden Religionen dargetan. Das Judentum unterscheidet sich nicht nur in Beziehung auf die Einheit, sondern auch ans die Transzendenz Gottes vom Christentum. In seinem unbeugsamen Monotheismus hat es alle die Gefahren zu meiden gewußt, die jenes in seiner Entwicklung nicht unberührt ließen. Auf dem Gebiete der Ethik kommen Judentum und Christentum einander nahe, ohne sich zudecken. Letzteres hat von Hause aus eine pessimistische Färbung. Es predigte die Weltflucht und die Abtötung des Fleisches, während ersteres eine gesunde Lebensbejahung hervorkehrt. Es trägt den realen Verhältnissen in vollem Maße Rechnung. — Der wesentliche Unterschied Zwischen der Ethik beider besteht aber darin, daß das Christentum das Schwergewicht auf die Läuterung durch den Glauben, das Judentum auf die Veredlung durch das sittliche Handeln legt. Auch in Beziehung auf die Selbstverantwortlichkeit und die sittliche Freiheit weisen beide, Religionen tiefgreifende Unterscheidungslehren auf. Hier ist vornehmlich auf die Lehre von der Erbsünde hinzuweisen. Zum Schluß legt der Verfasser den Unterschied dar, der sich in beiden Religionen beim Messianismus geltend macht. Das Christentum hat die Menschheit als Summe der Individuen im Auge, während das Judentum an die Menschheit als Ganzes denkt, aus dem der einzelne sich zum Menschheitsindividuum entwickeln soll. Es ist unmöglich, im Rahmen einer kurzen Besprechung die Fülle des Ganzen auch nur andeutungsweise zu erschöpfen. Es soll hier nur aus das treffliche Buch empfehlend hingewiesen und seine Anschaffung sowohl Gelehrten wie Laien warm empfohlen werden. Es sollte schlechterdings in keinem jüdischen Hause fehlen. Ganz besonders möge man die reifere Jugend mit ihm vertraut zu machen suchen, um sie ihre Religion in ihrer trefflichen Eigenart schätzen zu lehren, und um sie gegen den liebertritt zu wappnen. Dr. Rosenberg. Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet . in keinem Falle statt. * Festpredigt und Programm zur Feier des 25 jährigen Regierungs- Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. von Lion Wolfs, Prediger der Synagogengemeinde Tempelburg. Denkwürdigkeiten der Glückel von Hemeln, aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt und herausgegeben von Dr. Alfred Feilchenfeld. Zwei Ausgaben: Gewöhnliche Ausgabe Preis 4 Mark gebunden; Geschenk- Ausgabe: Preis 7.50 Mark. Jüdischer Verlag, Berlin W 15. Zur Geschichte der Literatur des zweiten jüdischen Staatswesens. Religiöse Strömungen in Judäa während und nach der Zeit des babylonischen Exils. Von Dr. S. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger in Wien. Wien 1912. 7 The Jewish Review, edited by Norman Bentwich and Dr. J. Hochmann. Vol. IV. No. 19. May 1913. The Jewish Immigration Bulletin. Vol. III. No. 4. April 1913. Studies in Jewish Literature. Issued in Honor of Prof. K. Köhler Ph. D., President Hebrew Union College, Cincinnati, Ohio, on the occasion of his 70. Birthday, May the tenth. 1913. Berlin, Georg Reimer, 1913. Preis 6 Mark. Heinrich Heine, Buch der Lieder. Leipzig, im Insel-Verlag. Eva Lotting: Vor den Toren. Novelle. Berlin: Erich Reiß Verlag. Joseph im Schnee. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach. Mit einer Einleitung von Dr. Eugen Wölbe. Leipzig. Druck und Verlag von Philipp Reclam jum ' Achad-Haam, Am Scheidewege. Erster Brand. Aus dem Hebräischen von Israel Friedländer. Zweite, verbesserte und vermehrte Auslage. Jüdischer Verlag. Berlin 1913. M. Teitelbaum Van H. Seil. Verlag Tuschija Warschau, 1913. Die Jüdische Gemeinschaft. Reden und Aufsätze über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes. Herausgegeben von Dr. Ahron Eliasberg. Das jüdische Volkslied. Von S. Kisselhoff. Jüdischer Verlag. Vom alten Stamm. Eine Sammlung jüdischer Bücher. I. L. Perez: Volkstümliche Geschichten. Jüdischer Verlag, Berlin W 15. Die Freunde des Kronprinzen. Auch eine Schrift zum 25 jährigen Regierungsjubliäum unseres Kaisers. Von Arthur Lewinneck, Königsberg i. Pr. Hartungsche Buchdruckerei. Kurzgefaßtes Lehrbuch der jüdischen Religion für Schule und Haus Von Dr. F. Feilchenfeld, Schwerin, Landesrabbiner von Mecklenburg- Schwerin. Herausgegeben von Dr. Samuel Freund, Rabbiner in Hannover. Vierte, vermehrte und verbesserte Auflage. Verlag von I. Kaufstnann, Frankfurt a. M. 1913. Preis 1.30 Mark. Biblische Geschichten. Für die israelitischen Kleinen erzählt von M. Plaut, Lehrer an der Präparandenschule in Burgreppach. Zweite revidierte Auflage. Erster Teil (Bis Moses Tod)." Verlag von I. Kaufsmann, Frankfurt a. M. 1913. Preis 1 Mark.