Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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M»WWWWMWW»WW>^^W .. "> M.. 1 ' - * . ■ ‘ ' -r- 263 . \ I I - I» 4 i. | j i Und versprichst du mir dieses?'' Und bangen Herzens blickte er auf Luise.- — „Ichverlasse dich nicht, Vater!" - ■ - ■ *•. Seht den Doktor Deutzer! Reinstes Glück leuchtet ihm aus den Augen, von der ernsten Stirn, um den schweigsamen Mund. Es gießt Hoffnung und tröstliche Zuversicht in die Seelen seiner Kranken. Er weiß wohl, daß man ihm sein Glück ansieht, und er empfindet es beinahe wie ein Unrecht gegen sie; und als wollte er's Wied E gutmachen, verdoppelt er seine Mühe, widmet er ihnen auch den größten Teil der kargen Zeit, die er seiner Braut zugesichert hat; sie sollen nicht darben, während er im Ueberfluß schwelgt. So muß Luise denn oft mit. flüchtigen Augenblicken statt der ersehnten Stunde ungestörten Zusammenseins vorliebnehmen. Aber so kurz sie sind, sie lassen doch ihre leuchtenden Spuren zurück, der Sonne gleich, die noch, wenn sie dem menschlichen Auge entschwand, mit rosigem Schein den Himmel übergießt... Auch heute wartete sie lange vergeblich auf sein Kommen. Sie fieberte vor Unruhe und sah blaß aus wie eine Kranke. Leg' dich hin, Kind!" bat Herr v. Römer. „Du bist der Aufregung nicht gewachsen. Laß mich mit ihm reden, ich verspreche dir, ruhig zu bleiben, ganz ruhig." „Nein, Vater," erwiderte sie. „Ich muß meine Sache allein führen. Niemand kann mich vertreten; ich werde stark sein, ich muß es sein." „Gut. Aber vergiß nicht, daß ich dir nahe bin, um dir beizustehen!" „Wenn Gott das Schreckliche über mich verhängt, wer kann mir dann Helsen? ..." Und nun endlich stehen sie sich gegenüber. Er Hält ihre beiden Hände fest in den seinen und sieht ihr forschend in das zuckende Gesicht. „Was ist dir, Liebste?" fragt er besorgt. „Wo ist der Vater? Ist etwas vorgefallen?" Klopfenden Herzens blickt sie zu ihm auf, und der Zauber seiner Persönlichkeit versagt auch in diesem Augenblick nicht. Sie sieht ihn an, und alle unseligen Gedanken zerslattern wie Nebel vor dem Winde. Ganz zuversichtlich ist sie. Wenn du dich jetzt an seine Brust wirfst, denkt sie, und dich tüchtig ausweinst, dann ist alles gut. Aber sie hat es ja versprochen, mit ihm zu reden, ihm das Furchtbare zu sagen. Aus seinem Munde will sie hören, daß sie ihn fälschlich anklagen. Darum antwortet sie getrost: „Der Vater ist wohl, Robert. Aber etwas anderes — es handelt sich um dich! ..." „Um mich?" fragt er erstaunt. „Du weißt, Vetter Wilhelm ist dir feindlich gesinnt." Er lächelt. „Vetter Wilhelm — nun was ist mit ihm?" „Er hat einen schrecklichen Verdacht gegen dich erhoben." „Sprich ihn nur aus, du siehst, ich bin ruhig." Sie berührt liebkosend seinen Arm, als wollte sie ihn um Verzeihung bitten, daß sie ihm wehtun muß. „Es kann ja nicht wahr sein, Robert, es ist Verleumdung, niedrigste Verleumdung!" „Was kann nicht wahr sein? Fasse dich doch, Luise! So groß ist keine Verleumdung, daß ich nicht über sie hinweg dir frei ins Auge sehen kann." „Ja, du hast recht, warum zittre ich? Mit einem Wort wirst du den Verdacht zerstören. Höre also: In dem Leben meines Vaters spielt ein Mann eine verhängnisvolle Rolle, der das Vertrauen des allzu Vertrauensseligen aufs schändlichste mißbraucht und. seinen wirtschaftlichen Ruin herbeigesührt hat. Er hieß Wolf Elias." Er hört diesen Namen und neigt leise sein Haupt. So steht er da, und keine Bewegung verrät, was in ihm vorgeht. Und Luise spricht weiter. Sie. wagt nicht, ihn anzusehen, da sie nun das Schändliche aussprechen soll gegen den geliebten, den schuldlosen Mann. „Und nun — verzeih mir, Robert — nun will Wilhelm erfahren haben, daß du — — daß dein Name ein angenommener — — daß du der Sohn des Elias bist". Langsam richtet er sich auf und feine Blicke gehen über sie hinweg ins Weite, und wo eben noch Sonne war und seliges Blühen, sieht er Nacht und Grauen, und er erschauert.; „Robert!" bittet sie leise. „Verzeihe mir, ach verzeihe mir!" Und nun kommt seine Antwort wie aus weiter Ferne, so ohne Klang und Schall ist, was er spricht. „Es ist keine Verleumdung, ich bin sein Sohn." „Willst du mich töten?" schreit sie auf und umklammert ihn. „Nimm es zurück! Du bist nicht sein Sohn, du darfst es nicht sein!" „Ich bin es. Deutzer ist meiner Mutter Name." „So muß ich verzweifeln.- Weh mir!" Ein Stöhnen dringt aus ihrer Brust. Sie bricht in die Knir und bedeckt Ihr Gesicht mit den Händen. Er rührt sich nicht, er hebt sie nicht auf, sieht nur mit verschleierten Augen aus sie herab. Nun ist sein Glück dahin. Zu hoch hat er es aufgebaut, bis in die Wolken, an die Gestirne. Da kam ein Sturm und rüttelte an dem Grunde, und krachend stürzt es nieder. Zu hoch hat er's gebaut, zu hoch. - Lange steht er regungslos. Nichts hört man als ihr herzzerreißendes Schluchzen. Endlich kommt es leise und traurig über seine Lippen: „Luise! Noch einmal darf ich dich so nennen, ehe ich diese Schwelle überschreite, um nicht mehr zurückzukehren. Denn ich muß gehen. Der Traum ist ausgeträumt, er war zu sütz, zu süß, er konnte nicht Wirklichkeit werden . . . Verzeihe mir, Luise! Meine Schuld ist groß. Ich nahm deine Hand, ich warb um dich, nicht als meines Vaters Sohn, nicht als Anhänger eines'Glaubens oder Standes — als Mensch verlangte ich nach dir, als Mensch nach dem Menschen. Ich trat vor dich hin und fragte dich, ob du mich lieben könntest — mich allein, mich den . Menschen. Das war meine Schuld, und ich büße sie. Ich pochte auf mein Menschentum. Ich glaubte frei zu fein von Zwäng und Schicksal, und es-erging mir wie jenem Gottversucher, der zur Sonne emporsliegen wollte und mit zerbrochenen Flügeln in die Meerestiefe stürzte. Der Mensch soll am Staube kleben, der Mensch soll nicht frei sein . . . Ich gehe von dir ohne Bitterkeit, ohne Klage. Ich habe dich geliebt und werde dich lieben bis zum letzten Atemzuge. Diese Liebe wird wie ein milder Stern die dunkle Nacht durchleuchten, in die mein Leben nun versinken wird. Lebe wohl, Luise und verzeih mir!" Atemlos hat sie seinen Worten gelauscht, und in ihrer Seele wird es plötzlich friedlich und still, feierlich still. Die Brunnen der Liebe hört sie rauschen, und himmlische Stimmen rufen: er ist schuldlos, schuldlos! Und auf springt sie und klammert sich an ihn und ruft: „Geliebter ,ich lasse dich nicht! Dein will ich sein, dein will ich bleiben! Woher du auch kommst, dich allein, dich, dich liebe ich!" Ein Schrei, ein Schluchzen ringt sich aus seiner Brust. Sie stürzen sich in die Arme und halten sich umschlungen imb sehen nicht, daß die Tür des Nebenzimmers sich geöffnet hat- und Herr v.' Römer aus der Schwelle steht. Sein Gesicht ist von Wut verzerrt. . „Luise!" ruft er hart. Sie wendet sich zu ihm und spricht: „Ich kann ihn nicht verlassen, Vater!" „Luise!" ruft er noch einmal befehlend, „hier ist dein Platz!" und auf Doktor Deutzer zuschreitend, sagt er mit schneidender Kälte: „Ich wünsche, mein Herr, daß wir uns heute zum letzten Male sehen."