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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-30 · Heft 22 (30.5.1913) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 Die jiddische Zeitung hat auf der ganzen Welt ein Leserpublikum von fünf bis sechs Millionen. Die in Amerika erscheinenden Blätter weisen die verschiedensten Richtungen aus, vom reaktionären „Morgenjournal" bis zur anarchistischen „Arbeiterstimme". Im republikanischen jiddischen „Regierungs"-Blatt veröffentlichte der Präsident Taft seine Artikel (die natürlich der Agitation für die Wahlen galten). In Rußland ist die jiddische Presse noch sehr jung, da sie bis vor zehn Jahren verboten war. Das erste jiddische Tagblatt, dessen Erscheinen Plehwe erlaubte, der „Frajnd", hatte nichtsdestoweniger schon Zeit, „akademisch" zu werden. Das jüdische Volksblatt, der „Hajnt", zählt mehr als hunderttausend Abonnenten! Das jüdische Theater stand in Rußland infolge der polizeilichen Schwierigkeiten auf niedriger Stufe. Und noch immer hindern die Verhältnisse seine Entwicklung. In Amerika dagegen hat es eine sehr hohe Stufe erreicht. New Aork allein besitzt vier jiddische Theater, außer Philadelphia, Boston, Chicago, Montreal. Paris hat auch seine jiddische Bühne. Ebenso London (wo sogar in der letzten Zeit ein jüdisches Theater von Arbeitern gebaut wurde). Doch stehen die Bühnen der letztgenannten Städte nicht auf besonderer Höhe. Im Gegensätze zu New Jork, dessen jiddisches Theater das ernsteste in Amerika ist. Ibsen, Hauptmann, Tolstoi sind dort häufige Gäste. Und die Schauspielkunst brachte schon Darsteller wie Adler und Keßler und die Damen Lipzin und Kalisch hervor. Jüngst nahm man sich noch von Berlin den berühmten Schauspieler Schildkraut, der nun dort mit Erfolg im jiddischen Theater spielt. Die jiddische Sprache und Literatur sind wie der Jude heimatlos — aber universal. Ihre Zukunft ist mit der Zukunft der ganzen Menschheit verknüpft. Wenn man die Grenzen verwischen und der Mensch nicht der Bürger seiner paar Ellen Land, sondern Bürger der großen, freien Welt sein wird, dann werden auch sie ihr Bürgertum erlangen. Bis dahin ist ihre Heimat das jüdische Herz. Wohin der Jude kommt, dorthin kommt mit ihm seine Heimat, seine Sprache — und wir können warten, ohne Furcht vor dem Untergehen. Von unserer Ausdauer können wir ja manches erzählen. Sönitz (nach W Jahren). Von Lion Wolfs, Tempelburg. lf Jahre sind in diesen auch damals tieftraurigen Sefira- Wochen, seit dem Drama von Könitz verflossen, das ich an Ort und Stelle vom Anfänge an miterlebt habe. Daher dürste heute, nach mehr als einem Dezennium, eine Reminiszenz wohl geboten sein, denn „Io tischJcach", Israel vergiß nicht!" Ich habe die irregeleitete Volksleidenschaft beobachtet, einen Sturm, der nicht Tage und Wochen, sondern fast ein Jahr dauerte, und heute noch, nach elf Jahren, sind in Könitz die Nachwehen bemerkbar. Die jüdische Gemeinde Könitz hat seit dem Jahre 1903 30 bis 35 steuerkräftige Mitglieder verloren. Das ist ein fühlbarer Verlust für die Stadt selbst, ein unersetzlicher Verlust für die altehrwürdige Gemeinde, die wohl ihre religiösen Institutionen in alter Weise aufrecht hält, aber nie mehr die frühere Blüte erlangen wird. Man muß die historische Tatsache festhalten, daß die harmlosen Bewohner Westpreußens, die zum größten Teil aus polnisch sprechenden Katholiken bestehen, an dem Entstehen des Ritualmordmärchens gänzlich unbeteiligt sind. Der junge Gymnasiast wurde am 12. März vermißt, am 13; fand man im Mönchsee den Rumpf, am 15. einige, natürlich blutleere Glieder, und erst zwischen dem 15. und 20. März, als die Nachricht über den rätselhaft erscheinenden Mord durch die Provinzblätter auch nach Berlin gelangte, wurde der Ritualmord in der „Staatsbürger-Zeitung" erfunden, präpariert und weiterbeförd-et. Bis die ersten Nummern der Staatsbürgerin nach Könitz gelangten, dachte kein Mensch an das mittelalterliche Märchen. Der Volksmund traf gleich anfangs das Richtige, daß verjünge Mensch, der als ein großer Donjuan bekannt war, das unglückselige Opfer' eines eifersüchtigen Nebenbuhlers (oder Ehemanns) geworden. Die polnischen Katholiken zeigten nicht das geringste Interesse an dem Vorfall, und die Protestanten sind keine Fanatiker. Die verfolgten Juden in den Kreisen Könitz und Schlochau, die zahlreichen ruinierten Existenzen in der Gemeinde selbst und Umgegend, die unschuldigen Verurteilten — alles dieses war das alleinige Werk eines B r u h n und Genossen! Man muß es gesehen und gehört haben, wie die Berichterstatter des ollen, ehrlichen Volkstribunen dort gewühlt haben. Bald gab es kein Haus, ja keine Wohnung urbi et ordi> worin nicht täglich zweimal das Antisemitenorgan gratis verteilt wurde, und das kleine Kreisblatt, das zufällig immer neue Redakteure erhalten, da der Verleger gestorben, wollte nicht hinter dem Berliner Kollegen Zurückbleiben und hetzte munter mit. Anfangs erstaunte man über die merkwürdige Beschuldigung, denn als Mörder hatte man in Westpreußen noch keinen Juden kennen gelernt; ja, die Gebildeten lachten über das Märchen aus früheren Jahrhunderten. Bald aber wandte sich das Blatt. Was täglich wiederholt und viele Wochen unwidersprochen geblieben, was gedruckt zu lesen war, daran mußte doch etwas Wahres sein! Und die Pressejungen aus Berlin, darunter ein kurz vorher entlassener Zuchthäusler — waren fleißig. Sie begnügten sich nicht mit Hypothesen, mit Alarmnachrichten, die nie passiert waren, sie bildeten ein förmliches Nebengericht. Zeugen, die vor Gericht geladen, wurden hier vorher verhört und präpariert und mußten nachher ihre Aussagen auch hier zu Protokoll geben, denn woher sollte man denn den Stoff für zwei Ausgaben der genannten Zeitung hernehmen?! Ich erinnere nur an die Aussagen eines Waßlof, der durch das Fenster, das in den Keller des Schlächtermeisters Levy führte, deutlich gesehen haben wollte, wie dort unten mehrere bärtige Juden mit Messern hantierten. Als das Gericht nach mehreren Tagen einen Lokaltermin vor und in den Räumen des Kellers abhielt, stellte sich heraus, daß kein Mensch imstande gewesen, von der Straße aus in den Keller zu sehen, und daß der Keller selbst gefüllt war mit — Spinngeweben! .. Inzwischen war allerdings die Vvlksleidenschaft durch die fortgesetzte Hetze aufgewühlt, unddas Opfer wurde zunächst die Familie Levy, die ein wahres Märtyrertum durchlebte. Doch was bedeutete die fortgesetzte Demolierung des Hauses und der Wohnräume — ich sah eines Tages eine volle Wagenladung Steine, die durch das Fenster in die Wohnstube geworfen waren — gegen die Verurteilung des unglücklichen Moritz Levy wegen Meineid, wobei eine Zeugin, die Frau des Zeitungbesitzers Lehmann, das schöne Wort geprägt hatte: „wir müssen heute Moritz Levy meineidig machen!" Und im Gegensätze dazu erinnere ich daran, daß man in unmittelbarer Nähe des Kopfes ein Taschentuch fand, das Monate später durch einen Zufall als der Frau des Rektor Nohde zugehörig erkannt wurde. Gnade Gott der Judenfrau, wenn eine solche zufällig an dem Fundort des Kopfes ein Taschentuch verloren hätte! So wurde Tag für Tag gewühlt und gehetzt. Die Knappen Bruhns hatten gute Tage und guten Verdienst. Solche goldene Zeit hatten selten Reporter gesehen! Die Volksleidenschaft wurde bis zur Siedehitze erregt, als im Juni der

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