Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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auf den heutigen Lag die jüdischen Mütter ihre Kinder ein. Und noch jetzt wird das Buch in allen Teilen der Welt jährlich in Zehntausenden von Exemplaren gedruckt und verbreitet. Doch nicht nur religiöse Bücher erschienen in dieser Sprache. Das Ghetto hat seine Unterhaltungen, hat seine stillen Dämmerstunden, in denen die Großväter den Enkeln Geschichten erzählen und die jüdischen Mädchen, die schwarzen Köpfe zu den Fenstern hinaussteckend, ihre Lieder singen. Was die Volksgeschichten betrisst, so stellen sie einen Schatz von Volksgeist, Poesie und Humor dar. Erst seit neuester Zeit werden sie gesammelt. Der große jüdische Meister Perez schöpfte aus ihnen, als er, der erste in jiddischer und hebräischer Sprache, seine unsterblichen volkstümlichen Geschichten schrieb. Berdyczewsky und Buber haben einiges von den Legenden dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Auch das jiddische Volkslied — das sich durch seine Einfachheit', Naivität und, wie die schwarzen, tiefen Augen der jüdischen Mädchen, durch eine traurig-schöne Poesie auszeichnet — war bis in die letzte Zeit vernachlässigt. Neuestens aber werden diese Volkslieder von der Petersburger „Gesellschaft für jüdische Volksmusik" sorgfältig gesammelt und bearbeitet. In Rußland finden jetzt häufig. Konzerte von jüdischer Volksmusik statt. Eine Tournee durch Deutschland im verflossenen Jahre hatte einen unerhört großen Erfolg. Und neulich hat die ganze Pariser Presse ein Konzert jüdischer Volksmusik, das von der russischen Sängerin Aloi in einem der größten Säle von Paris veranstaltet wurde, begeistert besprochen. Außer der Legende und dem Volkslied wird auch das Volksspiel, bekannt unter dem Namen „Purimspiel", dem jüdischen Dichter und Dramatiker noch viel Material geben. Jedenfalls ist aus dem jüdischen Volksspiel schon das moderne jiddische Theater, wie es,z. B. die Juden in Amerika haben, herausgewachsen. Die ersten, die in der natürlichen Sprache des Volkes auch auf die gelehrten Kreise zu wirken versuchten, . waren die Chassidim — jene religiöspoetische Partei, deren Einfluß aus die Juden noch heute andauert. Und daß sie nicht nur aus den jüdischen Gedanken, sondern auch auf das jüdische Leben so nachhaltig einwirkten, haben sie eben nur dem Umstande zu danken, daß sie sich der Sprache bedienten, die das jüdische Volk spricht. Das moderne Schrifttum in jiddischer Sprache beginnt erst um den Anfang des 19. Jahrhunderts. Die ersten Schriftsteller waren, unter dem Einfluß der Judenemanzipation Deutschlands, Tendenzschriftsteller. Sie sahen ihre Aufgabe darin, bei den Juden das Verlangen nach Kultur zu erwecken, sie dahin zu bringen, daß sie möglichst schnell das Ghetto verlassen, die jüdischen Sitten aufgeben und sich dem Kulturleben der Länder, in denen sie wohnten, anschließen. Um die Juden zur deutschen Sprache, die ja bei ihnen seit jeher von den Gebildeten benützt wurde, überzuführen, wurde das Jiddische nicht rein, sondern stark mit Deutsch durchsetzt geschrieben. In ihrer Reinheit so wie sie im Mund des Volks, in der Legende und im Volkslied lebt, erscheint die jiddische Sprache erst wieder in den Werken des großen Volksdichters, des Nestors der jiddischen Literatur, Abramowitsch (mit ' seinem Pseudonym: Mendele Mojcher Ssurim), den man in seiner' Einfachheit und Volkstümlichkeit mit Gottfried Keller vergleichen kann. Seine Erzählungen, der vollen jüdischen Wirklichkeit entnommen, klingen doch wie Legenden. Die Helden seiner Bücher sind zu. Symbolen geworden, leben jetzt schon als Begriffe im Volk. Nach Abramowitsch wird der Faden der Volkstümlichkeit von dem berühmten Humoristen Scholem- Alejchem weitergesponnen. Seine Werke sind eine Galerie jüdischer Typen, wie sie nur das unnormale Leben in Rußland hervorbringen konnte. Die Kunst seines Humors und seines Witzes ist spezifisch jüdisch, widerspruchsvoll und lebensklug, wie der berühmte jüdische Witz selber. An Abramowitsch und ■ Scholem Alejchem schließt sich der Liebling von. Frauen und Mädchen, der so treu erzählt wie ein Vater und so innig und intim wie eine Mutter Dinesohn. Und dann unser einfacher guter Spektor. War das jiddische Buch der Hauptsache nach nur ein Unterhaltungsbuch, ein „Lesebuch" für. das jüdische Mädchen an den stillen Sabbatnachmittagen, so wird es mit . dem großen Nationaldichter Perez ein Buch des Gedankens und der Lehre. Perez dient dem jüdischen nationalen Gedanken nicht mit sozialen, mit wirtschaftlichen Abhandlungen, sondern weckt ihn mit rein künstlerischen, die aus den Tiefen jüdischer Seele und jüdischen Gedankens geschöpft sind. Seine volkstümlichen Geschichten sind ein monumentales Werk jüdischen Schaffens. Seine tiefe Beobachtung des Lebens erweckte' eine Reihe junger jüdischer Dichter. So haben ihm Nomberg, der nüchterne Denker und Dichter, und Reisen, der Dichter der Not und des Leides, und endlich der Schreiber dieser Zeilen ihre geistige Existenz zu verdanken. Im Gegensätze zu Rußland, .dessen jüdisches Leben infolge der speziellen Bedingungen, in die es (samt der Literatur, die es widerspiegelt) versetzt wurde, noch als mittelalterlich, exotisch oder halbasiatisch, betrachtet zu werden pflegt, hat das freie Amerika die Entwicklung eines modernen jüdischen großstädtischen Lebens begünstigt. Mit Stolz dürfen die Juden sagen,, daß ein großer Teil der amerikanischen Industrie nicht nur durch jüdisches Kapital (dieses hielt man nie für exotisch), sondern auch von jüdischen arbeitenden Händen. geschaffen wird. Das bezeugen, die großen Schneider- und Galanterieindustrien New Ports, Philadelphias, Chicagos und Bostons. Im übrigen gestaltet sich jetzt auch das jüdische Leben in Rußland vollständig um. Durch die ökonomischen Bedingungen, die die Regierung mit ihren vielen Beschränkungen einerseits und das Großkapital anderseits geschaffen haben, gezwungen, verlassen die Juden immer mehr die kleinen Städte und wandern in die großen europäischen Zentren oder schaffen in den großen Städten Rußlands ein jüdisches Proletariat. Immer größer wird die Zahl der Arbeiter unter den Juden — sowohl dort drüben in Amerika als auch bei uns in Rußland. Es entstanden die großen sozialistischen Organisationen. Hier waren es der „Bund" und andere geheime Parteien, die an der letzten russischen Revolution so großen Anteil hatten und durch ihre Arbeit und Aufopferung den gegen die Juden so oft erhobenen Vorwurf der Feigheit und der Teilnahmslosigkeit gegenüber den Geschicken des Vaterlandes entkräften halsen. In Amerika waren es die großen, im „Arbeiterring" vereinigten Organisationen mit ihren Hunderttausenden Mitgliedern und dem in jüdischer Sprache erscheinenden Parteiblatte „Vorwärts", das' mit seiner Viertelmillion von Lesern die drittverbreitetste Zeitung der. Vereinigten Staaten ist. (Dazu kommen noch die vielen jüdischen Zeitungen anderer, bürgerlicher Parteien.) Für die jüdischen Arbeiter war und ist die jiddische Sprache und Literatur die einzige Quelle, aus der sie ihr Wissen schöpfen. Mit den Arbeitermasfen, die ein allgemeinmenschliches Leben zu leben begannen, traten die großen Ideen, nicht nur die jüdischen, sondern auch die universalen, in die jiddische Literatur ein. Der Jude kann jetzt sagen: Nichts Menschliches ist mir fremd. Die großen Verlage in New Pork, London, Warschau, Wilna drucken Uebersetzungen aus allen Literaturen Europas, von den strengst philosophischen Werken bis zu den Romanen. Und nicht nur Uebersetzungen. Das moderne jüdische Leben schuf eine ganze Reihe originaler jüdischer Denker und Dichter. Wir nennen von den ersteren Dr. Ch. Shitlowski, der unter anderen eine Geschichte der Philosophie schrieb, und von den anderen den auch in Europa berühmten Dichter des „Shop", Morris Rosenfeld.