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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-30 · Heft 22 (30.5.1913) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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258 ü; Uns aber^ verschone man gefälligst nachher mit der Behauptung, als wollten wir einen Boykott christlicher Institute iü Szene setzen. Nicht w ir boykottieren: Wirs i n d b i e B o y k o tti.e r t e n und Händeln in der Notwehr. •/ III. ■ So sollten die Juden handeln. Wie war aber das Verhalten der jüdischen Oesfentlichkeit in dieser Frage? Die jüdische Presse hat pflichtgemäß einen Abdruck der betr. Notiz aus dem „Plutus" und der „Frankfurter Zeitung" gebracht. Auf den Kern der Sache suchte kaum eine einzugehen. Eine Ausnahme hiervon, allerdings keina sonderlich rühmliche, machte das zionistische. Zentralorgan: „Die Welt". Sie brachte eine redaktionelle Notiz in Nummer 18, und in der darauffolgenden Nummer einen auchwissenschaftlichen Artikel aus der Feder eines Herrn Margulies mit der pompösen Ueberschrift: „Die Judenfrage im Lichte deutscher 'Wirtschaftsprobleme". Dieser Aufsatz erheischt insofern eine Analyse, als die.redaktionelle Notiz mit änderen Worten das gleiche sagte, sich also mit Herrn Margulies identifizierte Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei betont, daß es uns fernliegt, die zionistische Idee oder die zionistische Organisation als solche anzugreifen. Schreiber dieses steht vielmehr auf durchaus jüdisch-nationalem Boden. Wir können aber nicht umhin, Entgleisungen und Seitensprünge einzelner fanatischer Propagatoren, die sich durch ihr Gebühren so schwer an der Sache versündigen, scharf entgegenzutreten. Unter allen Umständen müssen wir es uns aber verbitten, daß die Angelegenheit der jüdischen Bankbeamten zu kleinlichen Pärteizwecken gemißbraucht wird. Von der Katastrophentheoriedes Antisemitismus ausgehend, die besagt, daß die Juden Deutschlands dazu verurteilt sind, im Strome des Antisemitismus vollständig unterzugehen, richtet der Autor gegen den „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der die Ansicht vertritt, daß obenfkizzierte Erscheinungen sich sehr wohl bekämpfen lassen, eine geharnischte Philippika. Am Schlüsse'dieser Philippika schießt er folgende Rakete ab: „Während also der Zentralverein dem Anscheine nach der Ansicht ist, daß wir es vorläufig nur mit einer zwar peinlichen, aber immerhin nicht welterschütternden, vor allem aber nicht mit Notwendigkeit bestehenden Zurücksetzung der Juden in einzelnen Zweigen von Industrie und Handel zu tun haben, stellen wir die Tatsache fest (welche Schadenfreude: das haben wir ja immer gesagt!), daß die Juden in Deutschland einem Expropriationsprozesse entgegengehen, der kein geringeres Ziel hat, als die Juden aus den von ihnen bisher okkupierten Verschanzungen herauszuwerfen" (in der „Welt" gesperrt gedruckt). Daß Herr Margulies von Sachkenntnis nicht allzustark angekränkelt ist, beweist folgender Passus: Die Bankb eamt en-Or g ä nifatio n. „Diese Organisationen, deren führende heute mit fast 30 000 Mitgliedern die Hälfte der deutschen Bankbeamten umfaßt, rekrutieren sich meist aus den Kreisen der deutsch-christlichen Beamtenschaft, die die eigentlichen Träger dieser antijüdischen Wirtschaftstendenzen sind (!) und die sich schon heute in den Provinzvereinen stramm antisemitisch gebärden." Darauf ist zu erwidern: 1. befaßt sich der genannte „Deutsche Bankbeamtenverein" am allerwenigsten, wie jeder Leser der Tagespresse, der auch nur einigermaßen, die Polemik zwischen dem Bankbeamtenverein und dem Allgemeinen Verband der deutschen Bankbeamten verfolgt hat, wissen müßte, mit sozialen und dergleichen Problemen; viel mehr als diese Probleme interessieren den Verein Vergnügungen, Eisbein essen usw., 2. ist dieser Verein ganz und gar nicht „exklusiv". Sogar in seinen vordersten Reihen finden wir Juden zahlreich verf treten, - WWWWWMWWWWWW 3. hat gerade: eben dieser. Verein in -ferner ">,Zeitschr-ist" vom 1. Mai (also 10 Tage vor. Erscheinen des Artikels "des Herrn Margulies) auf die erwähnte Notiz des „Plutus" hinweisend, einen scharfen Protest, gegen die Zurücksetzung jüdischer Kollegen erhoben. Mehr kann man von diesem einflußarmen Bankbeamtenverein wahrhaftig-- nicht verlangen. Auf die sehr wissenschaftlich aussehenden Tabellen des Herrn Margulies brauchen wir nicht im speziellen einzugehen, da sie nach seinem, eigenen Zugeständnis nicht sonderlich zu-- verlässig sind. Zum Schluß sei esgestattet, aus eine sehr merkwürdige Tatsache hinzuweisen, die vom höchsten Interesse für die jüdische Oesfentlichkeit sein dürfte. In derselben Woche nämlich, als der vielbesprochene Angriff des „Plutus" gegen den A. Schaaffhausenschen Bankverein in Köln erschien, druckte auch die „Welt", Nummer 17, die Bilanz des jüdischen Nationalfonds ab. Unter vielen anderen Posten figurierte' auch der folgende: „Unser Guthaben beim A. Schaaffhausenschen Bankverein, Köln." Nachdem die „Welt" in ihrer Nummer 18 den Antisemitismus an deutschen Banken so schwarz geschildert hat, machte man von interessierter Seite die „Welt" auf den merkwürdigen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis hinsichtlich des Guthabens des INF. beim A. Schaaffhausenschen Bankverein aufmerksam. N Die Antwort lautete: „Unser Aktionskomitee hat schon bereits eine Resolution diesbezüglich angenommen, und das Direktorium des INF. Köln telegraphisch angewiesen, das Guthaben unverzüglich zurückzuziehen." Wie wir indessen von zuverlässiger Seite erfahren, ist bisher etwas Derartiges nicht geschehen. Wir richten nun folgende Anfragen an das Direktorium des „Jüdischen Nationalfonds": 1. War es Ihnen, die Sie in Köln wohnhaft sind, unbekannt, daß der A. Schaaffhausensche Bankverein keine'Juden anstellt? 2. .Haben Sie, auf diese Tatsache von der gesamten jüdischen Oesfentlichkeit aufmerksam gemacht, und vom zionistischen Aktionskomitee dazu aufgefordert, das Guthaben endlich zurückgezogen? . Eine öffentliche Antwort hierauf wäre schon im Interesse des INF. selbst sehr wünschenswert! G .... S... . Die jiddische Sprache und Literstur. Von Schälom Slftf)1). ie jiddische Literatur reicht ebenso wie die jiddische Sprache tief ins Mittelalter zurück. Doch waren die in dieser Sprache geschriebenen Bücher bis zum vorigen Jahrhundert nurfür Frauen, Kinder und das gewöhnliche Volk, und zwar in erster Linie für deren religiöse Bedürfnisse bestimmt (während die Gebildeten Hebräisch lasen). Davon hatten sie jene weiche, herzliche Einfachheit, jenen Ernst, den diese Gattung von Büchern verlangt. Der „Zennerenne"^), eine Sammlung dem Talmud und jüdischreligiösen Werken entnommener biblischer Legenden, ist das populärste Buch unter den Juden. Aus diesem Quell befriedigten unsere Mütter und Väter — denn nur ein kleiner Teil des Volkes war, wie gesagt, so „gelehrt", um die hebräischen Bücher lesen zu können — ihre religiösen und nationalen Bedürfnisse. Mit diesen stillen Legenden überwanden sie die schweren Zeiten des Ghettos. Mit ihnen schläfern bis '*) Aus dem Berliner Börsen-Courier, 9. Mai 1913. 2) Vom hebr. Zeöno ureöno — Geht hinaus und seht! zu ergänzen: Ihr Töchter Jerusalems!

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