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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-30 · Heft 22 (30.5.1913) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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257 Der Antisemitismus in den Lanken und die Juden. I. einigen Wochen brachte der „Plutus" eine Notiz, in der ausgeführt wurde, daß zwei Städte in der Propagation antisemitischer Bestrebungen miteinander wetteiferten. Ihre Namen sind- Frankfurt a. M. und Köln. Auf eine Anfrage bei der Generalversammlung des A. Schaafshausenfchen Bankvereins in Köln, warum Jriden bei Anstellungen keine Berücksichtigung erfahren, antwortete ein Mitglied des Direktoriums, es sei nicht wahr, daß Juden grundsätzlich zurückgewiesen würden. Man beachte besonders das Wort grundsätzlich; mit diesem Wort wird nämlich grundsätzlich der unerhörteste Unfug getrieben. Die Antwort war also sehr vielsagend. Auch jüdische Ossiziersaspiranten werden nicht grundsätzlich zurückgewiesen, und dennoch weiß jeder, daß ein Jude nicht Offizier werden kann. Die Qualifikation, die besondere Befähigung für den Kriegerberuf, wird ihm abgesprochen. Sollte derp Juden damit etwa auch die Befähigung zur Bankenkarriere abgesprochen werden? Gäbe es je eine lächerlich kühnere Behauptung! Wir glauben, daß die Eignung zum Bankgewerbe vom Juden mehr als reichlich erbracht und täglich immer wieder von neuem erwiesen wird. Die Notiz des „Plutus" machte die Runde durch die jüdische und judenfreundliche liberale Presse und erregte ziemliches Aufsehen. Die jüdische Oeffentlichkeit zeigte sich erregt, beunruhigt, mehr aber als alles überrascht. Die aber nicht überrascht waren, waren die jüdischen Bankbeamten. Ihnen war die Tendenz nicht unbekannt, die sich seit Jahr und Tag mit immer erhabenerem Haupt bemerkbar macht. Es befremdete sie, daß erst jetzt Mitteilungen in die Oeffentlichkeit dringen, die bei einiger Aufmerksamkeit längst hätten durchsickern müssen. Nun sind wir soweit, daß man sich-mit diesem „Problem" beschäftigt, und wir haben gewiß kein Interesse am Vertuschen; im Gegenteil würden wir es als erste freudig begrüßen, wenn die Bankgebäude auf ihren Antisemitismus hin mit Nöntgenstrahlen etwas kräftig und nicht selten durchleuchtet würden. Wir möchten sogar nach Möglichkeit dazu beitragen, daß dieses Problem richtig erfaßt wird, denn nur dann kann mit einer wirksamen Abhilfe gerechnet werden. Unseres Erachtens liegt dem Antisemitismus im Bankgewerbe keine besondere Theorie zugrunde, und es kann dementsprechend von einer besonderen Krankheit mit eignen Erscheinungen, speziellen Merkmalen und charakteristischen Symptomen gar nicht die Rede sein. Wir sind vielmehr der Ueberzeugung, daß die Judenfeindschaft im Bünkgewerbe lediglich eine Teilerscheinung in der großantisemitischen Bewegung ist, die dahin zielt, die Juden wirtschaftlch, sozial und politisch zu verdrängen. Die Tendenzen zu dieser Herausdrängung sind überall da besonders scharf, wo die Juden .entsprechend ihrer Veranlagung prozentualiter hervorragend stark vertreten sind, in liberalen Berufen nicht viel weniger als in Industrie und Handel. Warum sollte dann die Verdrängung des Juden im Bankgewerbe etwas besonderes sein; liegt doch dieses Gewerbe gerade so auf dem Wege, den der antisemitische Besen zu kehren sich vorgenommen hat, wie alle anderen Berufe, wo Juden leisten und wirken. Bevor wir uns indessen der Besprechung einer Besserungsmöglichkeit zuwenden, möchten wir einen Punkt nicht unbeleuchtet lassen, nämlich das Verhalten des jüdischen Bankdirektors gegenüber dem Problem der Anstellung von Glaubensgenossen. Warum, hört man die Frage laut werden, machen diese gegen den Antisemitismus nicht in energischer Form Front? Darüber läßt sich folgendes sagen: Ein Teil der Direktoren, deren warmes Interesse für jüdische Angelegenheiten nicht anzuzweifeln ist, die also auch in diesem Falle für Anstellung jüdischer Bewerber gewiß gern eintreten wütden, hat nicht die nötige Macht, der starken antijüdischen Strömung des Gesamtinstituts entgegenzutreten, hauptsächlich wohl auch infolge der Indolenz des jüdischen Publikums. Andere jüdische Direktoren sind zu passiv, um wirklich Ernstes zu unternehmen. Sie wehren sich nicht gegen eine Zurückdrängung und lassen lieber den „Arier" vorwärtskommen, um nur ja den Schein zu vermeiden, als wollten sie ihrem Rassenangehörigen eine spezielle Beförderung zuteil werden lassen. Es läßt sich sogar nicht leugnen, daß unter solchen Direktoren ein Jude oft übler daran ist. als unter manchem andersgläubigen Vorgesetzten. II. Keine Bankleitung, und mögen in ihrem Herzen die hellsten antisemitischen Flammen lodern, wird es mit.besonderem Jubel und frohem Jauchzen begrüßen, wenn ihre jüdische Klientel ihr den Rücken kehrt. Sie würde ihre „völkische Eigenart" ganz gern ein klein wemg eindämmen, wenn tatsächlich die Gefahr eines geschäftlichen Rückganges im Verzüge wäre. In dieser Erkenntnis in beiden Lagern liegt unseres Erachtens tatsächlich die sichere Möglichkeit, die einzig wahre Forme! einer energischen Abwehr. Ein kräftiges „Hilf dir selbst" kann, so glauben wir, tatsächlich Wunder wirken. Wir sollten zu stolz sein, um uns aufs Lamentieren zu verlegen, zu sehr unserer Würde bewußt, um uns bloß darin zu ergehen, tiefgründige Beweise zu liefern, daß der Liberalismus „grundsätzlich" Juden nicht zurückweisen darf, daß in seinen sämtlichen Programmen schwarz auf weiß gedruckt steht, daß Juden den Christen überall gleichzustellen sind. Wir sollten uns aber auch anderseits nicht auf die Theorie der dumpfen Resignation, der Verärgerung, des Abseitsstehens zurückziehen. Schlagworte wie: Wir haben es ja längst vorausgesehen, prophezeit, immer gesagt usw. beweisen nichts und tragen höchstens zur Verdunkelung der ganzen Sachlage bei. Mit solchen Theorien läßt sich also der Sache nicht beikommen. Stärkung des jüdischen Selbstgefühls, Hebung des solidarischen jüdischen Geistes, Erkenntnis der eigenen Stärke, — das sind die Mittel, mit denen man der judenseindlichen Hetze entgegentreten muß. Also Rückgrat statt Gewimmer! Wir brauchen wahrhaftig nicht christlicher zu sein als die Christen und nach empfangener Ohrfeige auf die linke Wange nicht noch die rechte darzubieten. Die Dulderrolle können wir getrost anderen überlassen. Unser Rezept gipfelt also darin, daß Juden Banken, die uns nicht als gleichberechtigt anerkennen oder sich nur aus einer gewissen Scham zu uns herablassen, soweit als möglich meiden möchten. Wir müßten uns zu gut dünken, um durch unsere Geschäfte zur Erhöhung der Umsätze und zur Steigerung der Dividenden beizutragen. Pflicht der jüdischen und liberalen Presse müßte es dann sein, jeden Fall von Zurückweisung wegen Rasse- und Religionszugehörigkeit in der Oeffentlichkeit mit allen wünschenswerten Details zu besprechen. In diesen Instituten wird es Ehrenpflicht der jüdischen Aktionäre sein, bei den Generalversammlungen dep^Herren Aufsichtsratsmitgliedern und Direktoren den Standpunkt gründlich klar zu machen. Sollte dieses Verfahren nicht rasch zu einer Abhilfe führen, so wird die weitere Pflicht der öffentlichen Organe sein, Listen der nach Judenreinheit tendierenden Institute aufzustellen und zu verbreiten, und Sache des jüdischen Publikums, Geschäfte nicht mit FiMnzinstituten zu machen, bei denen alles Jüdische verpönt ist.

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