Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229092--69483-3281787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
256 D i P h therie und d i P h t h e r i t i s ch e r Croup. Wien 1899. In Nothnagels Pathologie und Therapie. Diehygienischen Gründzüge der mo s ai sch en G es etz g eb u n g. Braunfchweig 1895. 2 Auflagen. Die An tipp res e im K i nd es alter. Berlin 1901. Außerdem stammt von Baginfky eine große Anzahl teils fachwissenschastlicher, medizinischer, teils hygienischer Abhandlungen aus allen Gebieten der Kinderheilkunde und Kinderhygiene, welche in verschiedenen Journalen, zumeist aber in seinem eigenen Archiv erschienen sind, welches er 1880 zusammen mit Monti (Wien) und Herz (Wien) begründete und jetzt, nach dem Tode seiner Mitarbeiter, zusammen mit Schloßmann (Düsseldorf) weitergesührt hat. Soeben erscheint anläßlich seines 70. Geburtstages eine Neubearbeitung seines Werkes über Diphtherie. - Baginsky ist Ehrenmitglied fast sämtlicher kinderärztlichen Gesellschaften und Vereinigungen des In- und Auslandes, außerdem seit einer Reihe von Jahren Vorsitzender des Vereins für Schulgesundheitspflege, den er selbst ins Leben gerufen hat. Er war auch eine Zeitlang Mitglied der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde. Zionismus und Lrntrslorrrm. Non Henriette Fürth, Frankfurt a. M. ine Kriegserklärung ist erlassen worden. Der Zionismus hat auf die in der bekannten Berliner Resolution von den Mitgliedern des Zentralvereins in aller Selbstverständlichkeit verlangte Betätigung „deutscher Gesinnung" damit geantwortet, daß er in einer hei Gelegenheit einer am 1. Mai in Berlin stattgehabten außerordentlichen Tagung der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" gefaßten Resolution sagt: „Die am 1. Mai .... versammelten Vertrauensmänner der „Zionistischen Vereinigung" weisen in Uebereinstimmung mit den Erklärungen, ihres Zentralkomitees den Versuch des Zentralvereins, sich zum Richter über die Anschauungen der deutschen Zionisten aufzuwerfen, als u n g e b ü h r l i ch e' A n ur a ß u n g zurück. Den Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe haben Antisemiten von jeher gegen das Judentum in seiner Gesamtheit erhoben. Nunmehr hat der Zentralverein die Waffe dieser Denunziation gegen seine eigenen Stammes- und Glaubensgenossen gerichtet.. Nur Parteihaß konnte dazu verleiten, mit dem vieldeutigen Wort „Nationalismus" gefährlichen Mißbrauch zu treiben und auf Grund willkürlicher Begriffsdefinition Judentum und Deutschtum gegeneinander auszu- Ipielen." , Nach einer programmatischen Auseinandersetzung über die bekannten und von uns allen begrüßten territorialen Bestrebungen des Zionismus folgt dann die Kriegserklärung, dahingehend, den „Zentralverein als unfähig und nicht mehr legitimiert, in Zukunft die Gesamtheit der deutschen Juden zu vertreten", durch Massenanstritt der Zionisten kaltzustellen und einen neuen Verein zu gründen, „der unter strikter Wahrung der Neutralität in allen innerjüdischen Fragen, für die Rechte aller deutschen Juden eintritt." Wir wollen für den Augenblick noch von der Feststellung absehen, daß die „Zionistische Vereinigung" ihren Wirkungsbereich dann doch gewaltig überschätzt, wenn sie . glaubt, durch zionistische Massenaustritte den ganz anders und viel fester begründeten Zentralverein empfindlich schädigen zu können. Wir wollen ferner nur nebenbei bemerken, daß sie auch den Umfang ihrer Gefolgschaft gar sehr überschätzt. Wir haben guten Grund zu der Annahme, daß eine Mehrheit der zionistischen Beitragszahler in dieser Beitragszahlung nur eine Hilfsaktion zugunsten bedrängter Glaubensgenossen, keineswegs aber eine Loslösung vom Deutschtum beabsichtigt. Wir werden noch darauf zurückzukommen haben, müssen aber zunächst einmal auf den. in der mitgeteilten Resolution angeschlagenen Ton etwas näher eingehen. Der dort beliebten Tonart entspricht die im Anschluß der allerorten im Lande.in zionistischem Sinne gezeigte Knmpfesweise. Leute, die für gebildet gelten wollen, haben sich nicht entblödet, von den Leitern des Zentralvereins als von schwarzweiß gefärbten, ordenslüsternen Polacken zu sprechen (wohlgemerkt von denselben Leitern, die in ständigem Kampf mit Organisation und Behörden um das Recht des Judentums und der einzelnen Juden ganz etwas anderes als Ordeusaüszeichnungen zu gewärtigen haben), von gemeiner Gesinnung, von Schamlosigkeit, Neid, Unfreiheit und Ghettosurcht. Diese Blütenlese zionistischer Dialektik ließe sich unschwer vermehren. Der darin, offenbarte Kulturstand kann einen weder neidisch noch auf weitere Proben solcher Kultur gelüstig machen. Wir würden auch keine Veranlassung haben, uns näher damit zu beschäftigen, wenn es nicht Pflicht und Aufgabe aller an ihr deutsches Vaterland in Denken, Fühlen, Wollen und Handeln eng angeschlvssenen Juden wäre, auf die schwere Gefahr hinzulveisen, mit der das Vorgehen des Zionismus nicht etwa den Zentralverein, sondern das gesamte jüdische Deutschtunr bedroht. In diesem Zusammenhang ist zunächst eins festzustellen: Die Aufregung und Empörung im zionistischen Lager wären durchaus unverständlich, wenn die so selbstverständliche Revolution des Zentralvereines den Zionismus nicht ins Mark seiner antideutschen Bestrebungen getroffen hätte. Wie ließe es sich sonst erklären, daß das Verlanget: des Bekenntnisses zu deutscher Gesinnung und das Weitere ihrer Betätigung als einer unumgänglichen Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Zentralverein vom Zionismus als „ungebührliche Anmaßung" zurückgewiesen werden? Die notwendige Schlußfolgerung ist demnach, daß man die deutsche Gesinnung als unvereinbar mit den Pflichten und Aufgaben des Zionismus empfindet. Dieser Auffassung entspricht auch, daß von vielen mehr oder minder legitimierten Zionisten immer wieder betont wird, daß der Jude nur ein Gast im fremden Wirtsvolk sei, der höchstens anempfinden, niemals aber ehrlich' Mitempfinden, der nur jüdisches, nie aber deutsches Nationalgefühl haben könne und ähnlichs mehr. Gegen eine solche Auffassung Front zu machen, die Vorstellung nicht aufkommen zu lassen, daß selbst nur eine wesentliche Minderheit jüdischer Deutscher sich aus diesen Standpunkt stellen könne, ist die gewiesene Pflicht all derer, die nach dem prächtigen Worte Rießers sagen: „Wir sind nichteingewandert, wir sind eingeboren, und weil wires sind, haben mir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat; wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos." In diesem, und nur in diesem Sinne hat der Zentralverein allzeit den Kamps um die Volks-, Vaterlands- und Staatsbürgerrechte des jüdischen Deutschtums geführt und wird ihn in Zukunft führen. Gleichviel ob das einem Häuflein wurzelloser Menschen paßt oder nicht. Aber diese Wurzellosen haben eine Gefolgschaft, von der oben fdCjon die Rede war. All jene, die gleich u n s a l l e n getragen von jüdischem Stammes- und Solidaritätsgesühl den Wunsch hegen, dem unglücklichen osteuropäischen Judentum zu einer gesicherten autonomen Heimatstatt zu Helsen. Diesen Wunsch, den wir alle teilen, diese Pflicht, der sich keiner entziehen will. Alle diese zionistischen Beitragszahler, die trotz nationaljüdischer Sympathien im innersten Herzen deutsch sind, weil sie gar nicht anders als deutsch sein können. Sie sind es, wie jetzt: am. Scheidewege stehen. Sie sind es, denen dieser in seiner innersten. Wesenheit so ganz unbegründete Aufruhr im zionistischen Lager die Augen dafür öffnen sollte, daß sie in der schweren Gefahr stehen, einer durch die Bluttaufe und alles innerste Sein, Empfinden und Erleben, eines angeborenen und von jedem immer wieder neu errungenen, mit aller Liebe umschlossenen Vaterlandsgefühls für eine Schimäre verlustig zu gehen. Im Zentralverein, als der legitimen Rechtsvertretung der deutschen Judenhoit, ist Raum sür diejenigen, die mit ausgeprägtem Stammesbewußtsein und dem Verständnis für die nationaljüdifchen Bestrebungen in Palästina ein starkes und unverbrüchliches Vaterlandsgefühl und die Treue zum deutschen Vaterland vereinen. Kein Raum aber sür jene, die im deutschen Juden nicht einen festen Bestandteil des deutschen Volkes, sondern nur einen vorübergehenden Gast erblicken. Das ist die klare und unzweideutige Antwort auf alle Änwürfe aus dem zionistischen Lager. An den Juden ist es nun, zu wägen und zu wählen. Hier sind wir und nur wir unseres Schicksals Meister, und an uns ist, in voller Selbstverantwortlichkeit unsere Entscheidung und unsere Wahl zu treffen. Daß es aber eine Verantwortlichkeit ist, dessen sei sich jeder bewußt.