Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
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255 junger Mann, vermißt, der im dritten Stockwerk eines Hauses der Judengasse (Schloßgrundgüsse) krank zu Bett lag. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß, darunter sollen sich 38 Schwerverletzte befinden, von denen manche ihren Wunden erliegen dürften. Ein junges jüdisches Mädchen wurde irrsinnig. Der materielle Schaden wird aus mehrere Millionen Kronen geschätzt. An den Löschunv Nettungsarbeiten beteiligten sich auch die telephonisch herbeigerufene Wiener Feuerwehr und die Wiener Nettungsgesellschaft. Erst gegen 8 Uhr abends konnte der ungeheure Brand lokalisiert werden, und erst in den frühen Morgenstunden konnten die Feuerwehren ihre Aktion »beenden. Das Elend unter der jüdischen. Bevölkerung ist unbeschreiblich. Hunderte von Familien sind obdachlos geworden und völlig an den Bettelstab geraten. Es wurde sogleich eine Hilfsaktion eingeleitet, und bisher ist ein Betrag von etwa 200 000 Kronen zur Linderung der grenzenlosen Not aufgebracht worden. * * Aus. Preß b urg wird uns geschrieben: Die Schloßgrundgasse, die dem verheerenden Elemente am 17. d: M. zum Opfer fiel, hieß ursprünglich die Judengasse. Der Name dieser Gasse wurde, um die Empfindlichkeit der Preßburger Juden zu schonen, umgeändert. Die Häuser sind zumeist alt und weisen keinerlei Komfort auf. Es ist das Preßburger Ghetto mit seinem historischen Hintergründe. Das Preßburger Ghetto gehört zu den ältesten Europas. Es ähnelt sehr stark dem Wiener, Frankfurter und Prager Ghetto. Schon unter König Beta III. machten sich die Juden tu Preßburg ansässig und trieben mit den österreichischen Städten und den Städten Oberungarns einen regen Tauschhandel. Unter den Habsburgern war die Preßburger Judenstadt schon eine separierte große Stadt mit etwa 4000 Einwohnern. Diese Stadt war um das königliche Schloß gelagert, das im Jahre 1811 niederbrannte. Die Judenstadt war von dem eigentlichen Schloß durch Festungsmauern und Kasernen getrennt. Es sind etwa 20 enge Güßchcn mit zwei bis drei Stock hohen Häusern, die größtenteils unter Maria Theresia erbaut und meistens mit Schindeln gedeckt sind. Auch die Treppen sind aus Holz, so daß die Flammen reiche Nahrung fanden. Als im Jahre 1742 König Karl V., der iui§ Spanien kam, sich in Preßburg krönen ließ, wurde der erste Pogrom gegen die Juden in Preßburg veranstaltet. Spanische Mönche, die die Juden wegen ihres Goldes beneideten, hatten am.Krönungstage abends einen Pogrom veranstaltet, und etwa 1100 Menschen, größtenteils Juden, büßten ihr Leben ein, und dreihundert Häuser fielen damals den Flammen zum Opfer. Im Jahre 1746 wütete ebenfalls ein großer Brand, der durch die Unachtsamkeit eines Knaben entstand, der ein brennendes Licht neben einem Bette umwarß Damals sielen zweihundert Häuser und der Turm, des Domes, der sich knapp bei dem Judenviertel befindet, den Flammen zum Opfer. — Bis zum Jahre 1848 durften im Judenviertel keine Christen wohnen. Erst nach der Revolution machten sich einige Christen in der Judenstadt ansässig, doch auch bis zum heutigen Tage waren nur sehr wenige christliche Einwohner im Judenviertel zu finden. Das Judenviertel wurde vor etwa zehn Jahren kanalisiert und mit Asphalt versehen. Es hat eine eigene Verwaltung; dort befinden sich auch die. diversen jüdischen Gotteshäuser und auch die berühmte Preßburger Rabbinerschule (Jeschiwah), die nunmehr auch ein Raub der Flammen wurde. * Zum F a l l I u st s chins k i wird aus Kiew vom 22. b. M. geschrieben: Einen, ch a r a k t e r i Li s ch e n Wide r h a l l hat hier die Sammlung der westeuropäischen Gutachten zum Fall Jüsts ch i n s k i gefunden. Die Anklagebehörden, die in große Verlegenheit geraten sind, haben nach gewohnter Methode keinen anderen Ausweg gefunden, als mit Repressalien zu erwidern. Anstatt eine verlorene und blamable Sache aufzugeben, klammern sie sich an Formalitäten und wollen damit ihre Position verbessern. Sie haben gegen den Redakteur der „Kiewskaja Mysl". und seinen Mitarbeiter Atschkasow ob des Umstandes die Anklage erhoben, daß sie vor dem Prozeß Teile der in der Sammlung enthaltenen Untersuchüngsakten veröffentlicht hätten. An der Sache selbst können sie offenbar nichts ändern: die vernichtende Kritik der europäischen Gelehrten hat das. Gebäude der Tufanow und Obolonfkh und Sikorski, namentlich des letzteren, über den Hausen geworfen. Anstatt, der zweiten Anklageschrift wird nunmehr wohl eine dritte werden. Leicht aber dürste es jetzt den bestellten Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern nicht fallen. Da wird wohl noch zuvörderst unter Vorsitz des' Justizministers Stscheglowitow der große Kriegsrat abermals tagen und die Frage beraten/wie man nach den Gutachten von F o r e l, B l e u l.e r, M eher. Ha b e r d a y Z i ernte, Lacassagne, Pepper u. ü. die „Ritualmordassäre" . noch . zu ,. retten vermag. Vorläufig hat aber Veilis die Anklageschrift noch immer nicht erhalten, wenn auch Gerüchte im Umlauf sind, daß das. Gericht wiederum zu seinen Ungunsten - entschieden'-hätte. Molk Lgginlky ist am 22. Mai 1843 zu -Ratibor in Oberschlesien geboren. Seine Gymnasialzeit absolvierte er dort, um dann im Jahre 1861 die Universitäten in Berlin und Wien zu beziehen. Hier bildete er sich -unter Traub und Skoda in der inneren Medizin . aus. Am 7. Mai 1866 promovierte er zum Doktor der Medizin. Dann ging Baginsky als Assistent en das Cholerahospital in Berlin und ließ sich im Jahre 1868 zuerst in Seehausen, dann in Nordhausen als Praktischer Arzt nieder.- Den Krieg 1870/71 machte Baginsky. als Chef des Etappenlazarets zu Nordhausen mit. 1871 kehrte er nach Berlin zurück und befaßte sich neben allgemeiner Praxis speziell mit Kinderkrankheiten, so daß er sich 1881 als Privatdozent an der Berliner Universität habilirieren konnte. 1890 gründete er zusammen mit R. Virchow, aus gesammelten privaten Mitteln, das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Krankenhaus zu Berlin mit 245 Betten, dessen Direktion er übernahm, und das im Jahre 1900 von der Stadt Berlin übernommen wurde. .Das Krankenhaus sollte besonders zur Pflege infektiös kranker Kinder dienen. 1892 . wurde Baginsky . zum außerordentlichen Professor ernannt, 1907 zum' Geheimen Medizinalrat. Die hauptsächlichsten seiner veröffentlichten Werke find folgende: H a n d b u ch der S ch u l h y g i e n e. 3 Auflagen. Stuttgart 1883. Le hrbuch der Kin d e r kr a n kh e i t en. '8 Auflagen. Berlin 1892. Prakti.sche Beiträge zur Kinderheilkunde. Tübingen 1884. Kost- und - H.ä'lt e k i n d e r i n B e r l i n. Stuttgart 1885. S e r u m - th erapie d er.DiLh th erie. Berlin 1895..Säügl ing spflege und Säugli n g skrankh ert en. Berlin' 1906. Geh. Med -Rat Prof. Dr. Baginsky zu seinem 70. Geburtstcige.