Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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es notwendig, Unterstützungskassen für diese jungen Leute einzurichten, damit sie nicht durch die Not gezwungenwerden, vorzeitig von ihrem Beruf abzuschwenken.' Man darf ihnen aber nicht Almosen geben, sondern soll ihnen das Geld leihen, vor alle,m ihnen aber Arbeit Nachweisen. In jeder Gemeinde gibt :es einen Friedhof; aber auf nur sehr wenigen werden jüdische Gärtner beschäftigt. Auch die in einigen Städten bestehenden Stellennachweise finden da ein weites Feld zu segensreicher Betätigung. Will man Pioniere hinaussenden, um Neuland zu gewinnen, so muß man auch dafür sorgen, daß sie nicht aus halbem Wege liegen bleiben. Vor allem darf man den jungen jüdischen Landwirt nicht gesellschaftlich geringer schätzen als den gleichaltrigen Kaufmann oder selbst den Akademiker. Manch einer hat einen Beruf schon aufgegeben,, weil er der Verwandtschaft oder seinem Bekanntenkreis nicht gut genug war. Für gesellschaftliche Zurücksetzung haben gerade junge Menschen ein sehr seines Empfinden. Eine weitere Schwierigkeit, die nicht zu unterschätzen ist, liegt darin, daß die jungen Landwirte, wollen sie sich endlich selbständig machen, nur sehr schwer passende Frauen finden. Es ist leichter, 100 Juden zu Landwirten zu erziehen und sie beim Beruf zu halten, als für einen von ihnen eine Frau zu finden, die ihm auch wirklich nützt. Denn daß sich unsere heutigen jungen Großstadtmädchen nicht zu Bauernfrauen eignen, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Auch hierkann zunächst nur eine planmäßige Erziehung helfen, denn noch viel notwendiger als für die Männer ist der Zug auf - das Land für die Frauen, da von ihrer Gesundung im wesentlichen der Fortbestand der Art abhängt. Auch hier hat die Anstalt Ahlem tatkräftig die Initiative ergriffen. Es ist dieser Punkt aber der schwierigste von allen, und gelingt die Lösung des Frauenproblems nicht, so ist der ganze Erfolg der Sache mehr -als in Frage gestellt. Ein gutes Stück Arbeit wird schon dadurch geleistet, daß man die jungen Mädchen mehr wie bisher der Tätigkeit im Haushalt zuführt anstatt sie im Geschäft oder hinter Schreib- und Nähmaschine verkümmern läßt. Hier könnten die Frauenvereine viel Gutes schaffen' Mit der Lösung der Frage der Selbständigkeit als Landwirt werde ich mich' in einem weiteren Artikel befassen. Dir Woche. Berlin, den. 27. Mai 1913. . m 24. Mai hat im d e it tschen Kaiser h a u s e die Hochzeit einer Prinzessin stattgefunden. Außer der Freude, die jeder Patriot bei diesem hohen Ereignisse empfindet, regen sich bei jedem politisch Denkenden auch andere Erwägungen, Denn durch diesen Liebesbund wird hoffentlich der alte Hader zwischen Welfen und Hohenzollern begraben. Zugleich aber hat dieses Freudenfest noch eine andere politische Bedeutung. Es wurde gefeiert unter der Assistenz hoher Verwandten: des Kaisers von Rußland und des Königs von England. Ist die Gegenwart dieser Potentaten auch nicht ein Fürstenkongreß, und bedeutet die Verwandtschaft der Fürsten großer Länder noch keine Friedensbürgschaft — so sind doch eine derartige Fürstenvereinigung und ein engerer persönlicher Zusammenschluß nicht unwichtig für die Herstellung besserer Beziehungen mit den Herrschern von Mächten, die mit Frankreich in enger Verbindung stehen.. Und so darf man hoffen, daß aus dieser Begegnung segensreiche Folgen für die Weltruhe hervorgehen. . - ■ Sonst freilich sieht es in der Welt trübe genug aus. Der Friede ist noch immer nicht geschlossen, nicht einmal ein Vorsriede. Die Balkanmächte hadern weiter untereinander; es ist zwischen ihnen zu blutigen Zusammenstößen gekommen. Europa leidet schwer unter diesen ewigem Beunruhigungen, deren Ende nicht abzusehen ist. Wie in der Natur, so. kommt es auch im Völkerleben zu keinem dauernden Frühling. Möchten wir uns endlich seiner Segnungen erfreuen! '/ . - ' i*' ■ ■' '. ’;7/ In der „Köln. Volkszeitung" polemisiert Oberlehrer Kückhoff gegen Dr, Davids (Bochum) Vortrag über den A n t i s e - m itismus in h ö her en Leh r anstalten. Aus viele Einzelheiten des Artikels möchten wir nicht eingehen; aber der Schlußpassus ist auch hier der Mitteilung wert. Er lautet: Man mag im allgemeinen Zugeben, daß sich vereinzelte Fälle von beabsichtigter und unbeabsichtigter Kränkung jüdischer Schüler konstatieren lassen. Aber Dr/D. verallgemeinert diese Fälle. Er spricht von einer dem Judentum Unfreundlichen Gesinnung eines großen Teiles der akademisch gebildeten Lehrer. Erstellt diese sogar 'im Gegensatz zu. den Vertretern anderer Berufe, die im Leben ihr Urteil über die Juden oft korrigieren können. Das sei bei den Lehrern oft nicht der Fall. „Das Leben bringt die meisten mit Juden in keinen oder nur in oberflächlichen Verkehr, und dabei bleibt sein nur aus der Theorie geschöpftes, ideologisches Urteil über die Juden, das heißt Vorurteil gegen die Juden bestehen." Diese Verallgemeinerung ist durchaus falsch, und man muß sich mit aller Entschiedenheit dagegen wehren. Der Oberlehrerstand als solcher weiß sich von Antisemitismus in demselben Maße frei wie alle anderen Stände. Dabei soll freilich ein Mißstanv, der auf den höheren Lehranstalten zuungunsten der Juden in Preußen besteht, nicht unerwähnt bleiben. Auch Dr. D. erwähnt ihn/ Die Abiturienten bekonnnen im Reifezeugnis in der Religion kein Prädikat. Religion'ist für. sie kein Prüfungsfach. Das muß geändert werden. Die jüdischen Schüler, die während der ganzen Gymnasiallaufbahn.Prädikate in Religion erhalten, haben auch im Abiturientenzeugnis Anspruch daraus. Aber wie ist das denn mit' den katholischen Schülern in nmnchen detltscheu Bundesstaaten? Die zwei letzten Jahre erhielten sie in Sachsen kein Prädikat in Religion im Abiturientenzeugnis. Ich glaube, das ist kürzlich geändert worden. Wenn es'bei den Juden in Preußen heute noch so ist, so tragen daran die Oberlehrer gewiß nicht die Schuld. * ' Aus P r e ß b u r g wird der „N. I. K." geschrieben: Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt ist am Sonnabend, den 17. Mai, von einem entsetzlichen Brandunglück hcimgesucht wordeu. Gegen 143'Uhr nachmittags brach in. der dem Judenviertel benachbarten Petöfigasse aus unbekannter Ursache ein Brand aus, der sich infolge des orkanartigen Sturmes rapid ausdehnte und alsbald in die fast ausschließlich von Juden bewohnten Straßenzüge: Nikolaigasse, Schloßgrundgasse, Kapuzinerstraße, Schloßsträße Und Klarissengasse Übergriff. Im Verlause einer Stunde stand ein Komplex von etwa neunzig Häusern in Flammen. Die Lokalisierung des Brandes bot die größten Schwierigkeiten, weil das Terrain des Judenviertels sehr hügelig und winkelig ist unddie alten Häuser, teilweise mit Schindeln gedeckt, bis zum Dachboden mit altem Hausrat vollgepfropft sind. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Die armen jüdischen Trödler und Kleinkrämer suchten aus den brennenden Häusern und Geschäftsläden ihre armselige Habe herauszuschleppen; außerhalb des Militärkordons standen jammernd die Angehörigen der im Brandteile Verbliebenen, weil sie nicht zu den Ihren gelangen konnten. Unter den obdachlos gewordenen 1500 Familien befinden sich etwa 1200 jüdische, gleich 6000 Seelen. Die armen Leute wurden in Schulen, im Volksheim, in verschiedenen Stiftungshäusern, in den Kasernen, Spitälern und im Palais des Erzherzogs Friedrich untergebracht und durch Lieferung von Milch und Brot vor dem Hunger geschützt. Der berühmte Lehrsaal der Preßburger Jeschibah, die sogenannte „Schinrstube", ist samt allen Büchern der reichen Bibliothek zugrunde gegangen. Die orthodoxe Synagoge wurde schwer beschädigt; die Thorarollen und Synagogengeräte konnten gerettet werden. In vielen brennenden Häusern des Judenviertels lagen alte und kranke Leute hilflos. Militär und Feuerwehrleute drangen mit Todesverachtung in die brennenden Wohnungen ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Bisher ist nur ein Todesfall bekannt geworden, der eines Feuerwehrmannes, der während der Löscharbeiten,vom Schlage getroffen wurde. Ferner wird ein jüdischer-