Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229091--69471-3281774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
251 nach dem Tode seines Vaters angenommen hat. Hier ist der Geburtsschein und hier die Genehmigung zur Namensänderung." Mit diesen Worten reichte er Herrn v. Römer die Papiere hin. Mechanisch griff der alte Herr danach; er machte den Versuch, zu lesen, aber vor seinen Augen flimmerte es. Ein furchtbarer Schmerz preßte ihm die Brust zusammen, er glcnrbte ersticken zu müssen. Mühsam rang er nach Atem, und es dauerte fast eine Minute, bis er wieder Lust bekam/ Die Papiere dem regungslos dastehenden Legationsrat zuschleudernd, ries er mit heiserer Stimme: „Hier hast du deine Wische zurück, sie haben für mich keinen Wert." Der Legationsrat verfärbte sich. Er machte einen Schritt auf den anderen zu, der ihn mit feindlichen Blicken empfing. So standen sie sich einen Moment gegenüber. Dann trat der Jüngere zurück und sagte, sich zu einem ruhigen Ton zwingend, kurz und scharf: „Ich will deiner begreiflichen Erregung Rechnung tragen. Die Urkunden sind authentisch, auf Ehrenwort! Sie sind mir von den betreffenden Aemtern erteilt worden." Der Alte rührte sich nicht. „Wenn du über die Sache ruhiger denkst," fuhr der Legationsrat fort, „wirst du mir dankbar sein. Meine Absicht kann nicht mißdeutet werden. Ich wollte dich und unsere Familie vor einem offenbaren Skandal bewahren. Dazu hielt ich mich als Träger deines Namens so berechtigt wie verpflichtet. Wäre diese Enthüllung später erfolgt, so würden die Folgen noch kompromittierender gewesen sein." Herr v. Römer schwieg noch immer. Er stand noch aus demselben Fleck und sah dem Legationsrat starr ins Gesicht. Dem wurde es allmählich unheimlich. Er hatte seine Mission erfüllt und suchte nach einem passenden Abgang. „Es liegt mir fern," sagte er mit versöhnlicher Stimme, „dir oder Luise irgendeinen Vorwurf zu machen, indessen-" - Jetzt unterbrach ihn der alte Herr. „Weiteres Material hast du ja wohl nicht aufgebracht?" fragte er schneidend. „Nein." „Also - r Er warf einen nicht mißzuverstehenden Blick nach der Tür. In den Augen des Legätionsrats loderte es auf. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, aber Herr v. Römer kam ihm zuvor, indem er mit ironischer Höflichkeit sagte: „Ach so, das hätte ich beinahe vergessen. Ich danke dir vielmals für deine große Aufmerksamkeit." Ohne zu antworten, verließ der Legationsrat das Zimmer. Herr v. Römer tastete nach dem Lehnstuhl und ließ sich mit seiner ganzen Schwere niederfallen. Die Augen halb geschlossen und mit beiden Händen die Lehne umklammernd, lag er wie in einer Ohnmacht da. Erst nach Minuten richtete er sich mühsam auf und suchte die aus dem Fußboden liegenden Dokumente zu erreichen, was ihm nur mit großer Anstrengung gelang. Dann las er erst das eine: Heute wurde dem Kaufmann Wolf Elias, hier, von seiner Ehefrau Rosa geborenen Deutzer, beide mosaischer Religion, ein : Sohn, geboren, Vornamens Robert. Und dann das zweite: - Dem Studenten der Medizin Robert Elias wird hiermit die Genehmigung erteilt, den Familiennamen Deutzer zu führen. „Alles in bester Ordnung!" murmelte er. Und wieder sank er zurück und lag regungslos da. Aber plötzlich brach er in ein überlautes schreckliches Lachen aus, das seinen.Körper wie ein Krampf schüttelte. ' 1*1 Luise hatte mit Absicht vermieden, das Zimmer zu betreten, so lange der Legationsrat, dessen Erscheinen ihr ebenso verwunderlich deuchte wie dem alten Herrn, anwesend war. Nachdem er sich entfernt hatte, war sie unschlüssig gewesen, ob sie zum Vater hineingehen solle; sie erwartete, daß er sie rufen und über den auffälligen Besuch berichten würde. Da es nicht geschah, wurde sie ängstlich und kam nun, um nach ihm zu sehen. Im Eintreten hörte sie sein jammervolles Lachen. Sie stürzte auf ihn zu und erschrak des Todes. Sein Gesicht war von einer fahlen Blässe überzogen, der Blick der groß aufgeschlagenen Augen starr und glanzlos. „Was ist dir, Vater?" ries sie sich tief herunterbeugend und ihren Arm um ihn legend. „LuM"; , Es klang matt und weh, wie in den schlimmsten Tagen der Krankheit. Er griff nach ihrer Hand und streichelte sie lange, ohne zu sprechen. Endlich sagte er: „Armes Ding! Armes Ding! Warst immer ein tapferer Mensch, Luise. Sei's auch jetzt! Gott wird dir die Kraft geben, es zu tragen — —" „Lieber Vater!" flüsterte sie, ihn liebkosend. „Ich muß es dir sagen," sprach er mit Mühe weiter. „Du mußt es wissen . . . Er hat uns betrogen, sich in unser Vertrauen eingeschlichen . . . Wir haben ihm unser Herz geöffnet . . . Wir konnten nicht ahnen, daß er uns hintergehen würde, du nicht und ich nicht." Sie lauschte atemlos. Was war das? Was wollte er? Von wem sprach er? Hatten sich seine Sinne verwirrt?' „Wen meinst du, Vater?" fragte sie leise. „Wer hat uns hintergangen?" Er sah sie an, und in seinen Blicken lag ein so grenzenloses Mitleid, ein so unaussprechlicher Gram, daß sie es nicht ertragen konnte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Jetzt soll ich's ihr sagen! dachte er. Ihr das Messer ins Herz stoßen! Herr Gott, was hast du mir auferlegt! Wie soll ich's machen? Hilf mir! Hilf! Eine Weile saß er still da und rührte sich nicht, dann nahm er wieder ihre Hand und sagte: „Denkst du noch, wie die Mutter so gern aus früheren Zeiten erzählte? Als wir noch das Gut hatten, und Rudi und Anton noch lebten? Und du. so ein kleines Ding warst und auf dem Pony rittest?" Mechanisch nickte sie ihm zu. Sie wurde immer ängstlicher, konnte sich seine seltsamen Worte nicht erklären. Wo wollte er hinaus? „Ja, damals," fing er wieder an, „damals war ich ein glücklicher Mann, vierfach geliebt, frei auf eigenem Grund und Boden. Und wäre es heute noch, wenn nicht ein Mensch, ein Teufe! in Menschengestalt, meinen Weg gekreuzt hätte . . . Ich will nichts beschönigen. Von Weltklugheit hatte ich keine Spur, war ein schlechter Rechner und leichtlebig, Gott weiß es. Ließ mich von ihm einfangen wie die Fliege von der tückischen Spinne. Glaubst nicht, was -für ein guter Freund er war, was für ein weiser Ratgeber! Immer hilfsbereit, immer gefällig. Jeden Wunsch erriet er, kam ihm zuvor. Sie könnend ja haben, Herr Baron, leben und leben lassen! Das war so sein Lockruf. Und ich Tor ließ mich locken, lebte drauf los, machte Reisen, gab Jagden und Feste, als schwämme ich im Golde . . . Das ging so eine Weile, dann auf einmal, wie aus der Erde gewachsen, riesengroß, stand sie vor unserem Hause und sah. uns mit ihren grausamen Augen in die Fenster: die Sorge! Und wo war jetzt der Freund, der Ratgeber? Verschwunden, nicht aufzutreiben! Und wir allein in unserer Not und Verzweiflung, keiner konnte Helsen, das Gut war über und. über mit Hypotheken belastet, er hatte sie so allmählich für sich anwachsen lassen. Und nun forderte er sie ein, und da brach's zusammen. Als Bettler mußte ich von Haus und Hof,