Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Merkte, welch tiefe Konflikte daraus werden, und'erblickte das gewaltige Ringen, das nicht enden will, und dann fragte ich mich still: Ist niemand da, der das schildert? — Denn alles fast, was uns bisher davon geboten ward, war unecht und ' nicht wahr. Und ich fragte mich stürmifcher noch, wenn ich die Ghettojuden sah und in ihre Augen blickte, auf deren Grunde so wehe Geschichten ruhten. Mir war's, als müßte ich sie fragen, warum sie sie nicht erzählen, — Warum sie lieber schweigen und träumen? Da gab mir Goethes Wort heimlich die Antwort: „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier, als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lachte so träumend weiter in die Welt." Freilich, einige wenige haben doch begonnen, aus dieser fremden Welt zu schaffen. Aber die wenigen sind der Welt fast fremd. Da'empfindet man es mit um so wärmerer Dankbarkeit, wenn ein Bedeutender kommt und die Fremden heimisch machen will. Ferdinand Gregori, in Deutschland und Oesterreich gleich daheim, ist seit einer Reihe von Jahren ein erlesener Interpret jüdischer Dichtungen. Er ist jüngst aus Mannheim nach Wien heimgekehrt. Wir sprechen allerlei vom Theater im Deutschen Reich und bei uns. Plötzlich, fast unvermittelt, frage ich den Künstler: „Und wie kommt es, daß gerade Sie zum Interpreten so vieler jüdischen Dichtungen wurden?" „Sie überraschen mich mit Ihrer Frage. Ich gestehe ' Ihnen, ich habe bisher nie darüber nachgedacht. Und doch bin ich mir bewußt, daß ein innerer Drang, ein inneres Verhältnis mich zu diesen Dichtungen leitete. In meiner Heimat lernen wir noch wirklich Religion in den Schulen. Wir lesen das Alte Testament fast ebenso wie das Neue. Und ich vergesse nie den tiefen Eindruck, den das Alte Testament auf mich übte. Er ist gewaltig, ganz großartig. Später, als ich jahrelang beim Kirchenchor sang, die Psalmen nennt man das bei Ihnen, verstärkte sich noch meine Empfindung. Sie hat mich auch bisher nie verlassen. Urtd noch eines, das Ekstatische in Ihren Dichtungen hat mich seit jeher gelockt. Diese Luftgebilde, aus Phantasie und Sehnsucht gewoben, regten mich an. In mir ist ohne Zweifel eine starke Potenz für das Ekstatische und ich glaube wohl, daß mich das besonders mit diesen Dichtungen verbindet. Sie fragen mich, ob ich draußen im Reiche mit dem Vortrage jüdischer Dichter eben solchen Erfolg errang wie letzthin beim Perezabend in Wien. Nun, ich gestehe Ihnen, ich habe nirgends diese Auswahl zu bereuen gehabt. Aber immer wieder, auch letzthin, als ich Frug und Spektor las, hörte ich im Publikum fragen, ob ich Jude sei. Die Leute meinen eben, das gehöre absolut dazu. Das ist aber! ganz und gar unrichtig. Vielleicht können wir viel unbefangener noch das Letzte aus diesen Dichtungen herausholen. Sie bestätigen mir dies nur, wenn Sie sagen: als Perez selbst las, hatte man lange nicht den starken Eindruck. Wir holen vielleicht all das Unbewußte des Dichters heraus, während er kaum das Bewußte zur Wirkung bringt. Und doch interessiert es ja das Publikum ganz besonders, den Dichter selbst zu hören, wenn er noch so schlecht liest. Kein Wunder! Es hat dies einen außerordentlichen Reiz! Es spricht für den hohen Wert dieser jüdischen Dichtungen, daß sie, obwohl Rassedichtung, doch allgemein sind. Das ist eben das Zeichen wahrer Kunst: wenn ein Perez in seinen Erzählungen eigentlich nichts anderes schildert als sich selbst und doch damit das ganze Judentum, und dabei so allgemein menschlich, daß es nicht für den Juden, sondern für den M e n s ch e n ist. Ich meine auch, daß Perez einer von den Bedeutendsten ist. Er ist noch rein geblieben in seinen Dichtungen. Das kann man von vielen nicht mehr sagen. Auch Rosenfeld, Frug, Spektor, Auerbach, Buber gehören zu denen, die ich gern lese. Es muß noch eine Urkraft in diesen geschlossenen Massen der Juden stecken. Und es ist tausendfach schade — schon kulturgeschichtlich — daß uns das so wenig erschlossen ist. Um so erstaunlicher, da wir ja heute in unseren Theaterstücken überall hingeführt werden. Nichts ist zu fern! In Wien ist ja ein jüdisches Theater. Ich kenne es leider nicht. Aber ich will mir's demnächst ansehen. Gegenwärtig ist es auswärts auf Gastspielen. Freilich, das ist alles kleinlich gegen die jüdischen Bühnen und das jüdische Leben in Amerika. Das soll ja ganz großartig sein! Aber vielleicht erreichen sie das auch einmal in Wien oder Berlin. — Kraft und Talent wären doch in reicher Fülle vorhanden." Drr Sohn des Lims?' Von Julius W ei l. VI. er alte Herr trat an den Sprechenden heran und sagte mit großer Schärfe: „Ich muß dir erklären, mein Lieber: diese Art, dich in unsere Angelegenheiten einzumischen, diese ----- ich kann keinen anderen Ausdruck finden — —" Der Legationsrat fiel ihm ins Wort: „Ich bitte dich dringend, nicht auszureden. Es würde dich reuen. Denn was ich dir mitzuteilen habe, ist so ernster Natur, für dich und für uns alle von solcher Bedeutung —." „So rede in drei Teufels Namen!" schrie der alte Herr. Der junge Aristokrat verneigte sich höflich und begann in geschäftsmäßigem Ton: „Du erinnerst dich des Wolf Elias?" Bei der Erwähnung dieses Namens fuhr Herr v. Römer wie von einem Peitschenschlage getroffen auf. „Was soll der Name hier?" rief er. „Jenes schurkischen Wucherers," sprach der Legationsrat unbeirrt weiter, „jenes schurkischen Wucherers, der dich halb ruiniert, dich um unser Familiengut gebracht hat-" „Schweig!. Schweig!" schrie der Alte. „Du mißbrauchst meine Nachsicht." „Vergib mir, wenn ich die alte Wunde ausreiße, es muß sein, denn — nun, Doktor Deutzer ist der Sohn des Wolf Elias." . Herr v. Römer, der mit zornsunkelnden Augen vor dem Sprecher stand, taumelte zurück und griff nach einem Stuhl. Einen Augenblick schien es, als wollte er sich aus den .Frechen stürzen, der ihm solche Schmach ins Gesicht schleuderte. Aber er ließ den Stuhl fahren und wandte sich kurz ab. „Die Eifersucht hat dich toll gemacht," sagte er trocken. „Geh nach Hause und laß dir kalte Umschläge machen!" „Ich bin vollkommen Herr meiner Sinne, lieber Onkel," erwiderte der Legationsrat gemessen, indem er seinen Rock ausknöpste und ein Kuvert aus der Tasche zog, dem er zwei Schriftstücke entnahm. „Hier steht es schwarz aus weiß: Doktor Deutzer ist der Sohn des Wolf Elias und der Rosa geborenen Deutzer, deren Namen er mit behördlicher Erlaubnis u Fortsetzung von Nr. 13