Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · p. Seite 249

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229091--69469-3281772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

249 dumpfem Vorurteil in Kunst und Leben, von vielen Hemmungen innerlich zu befreien vermochte. Wir können nicht ohne ein Wort der Huldigung an dem d e u t s ch e n T i t a n e n R i ch a r d Wagner gelegentlich seines 100jährigen Geburtstages vorübergehen. Und so wollen wir mit unserem Beitrag, der zwar den „Festtagen" gilt, für die — nicht den Unsterblichen zu feiern — jetzt pomphaft gerüstet wird, durch eine freilich nur äußerliche Anlehnung in Form einer Trilogie. . . den Manen dieses Nationalheros. . . ein Zeichen ehrfurchtsvoller Erinnerung weihen." Fl. Lörnk. Von Ludwig Geiger. (Schluß.) iese Briefe Börnes an Jeanette sind die schönsten Liebes¬ und Freundschaftsbekenntnisse, die man sich denken kann, voll von Bemerkungen über Juden, freilich nicht immer günstigen. Sie geben die wunderbarsten Ausschlüsse über Börnes Kämpfe, Freuden, Schmerzen. Für jüdische Leser bieten sie schon deswegen ein ungemeines Interesse, weil sie in einet' Weise, die man kaum für möglich halten möchte, voll sind von jüdischdeutschen Au s d r ü ck e n. Wie . in Mendelssohns vertrauten Briefen (1761 ff.), so bemerkt man auch bei diesen familiären Briefen Börnes- — Briefen, die an eine Freundin geschrieben waren, die. durchaus im jüdischen Milieu lebte —‘ daß, ' wenn Börne sich gehen ließ, er viele Dutzende von jüdisch-deutschen Ausdrücken brauchte, nicht bloß ganz übliche, sondern auch gar manche, deren Verständnis dem heutigen Leser Schwierigkeiten bereitet. Sie sind von der ersten Herausgeberin, der Adressatin, in dem von ihr veranstalteten Drucke sämtlich ausgelassen, sie werden in der neuen Ausgabe sorgfältig' restituiert. Ich würde indessen meinen Lesern ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn ich annähifte, daß nur solche Dinge sie bei der neuen Ausgabe der Schriften eines bedeutenden Autors reizen könnten. Denn vieles andere muß ihr Interesse erregen. Diese Schriften verdienen aus der Vergessenheit gezogen zu werden, in der sie leider jetzt begraben liegen. Daß sie heute nicht mehr so gelesen werden wie in den dreißiger Jahren, wo sie wirklich in aller Händen waren, erklärt sich aus drei Gründen: Aus der fanatischen Wut, mit der Deutschtümler aller Schattierungen, die Antisemiten und die Konservativen gegen sie aufgetreten sind, aus ihrem Inhalt, der sich freilich zumeist aus die Politischen Verhältnisse der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts bezieht, aus dem Umstande, daß Börne mit alleiniger Ausnahme der Schrift „Menzel der Franzosenfresser" keine größeren Werke, sondern nur kleinere Aussätze geschrieben hat, die dann. freilich mehrfach, wie die dramaturgischen Blätter, die Briefe aus Paris u. a. zu Büchern zusammengeschweißt sind. Aber der wirkliche Literaturfreund soll sich durch diese Umstände von der Lektüre nicht abhalten lassen. Den ersten Grund wird kein vernünftig und liberal Denkender gelten lassen, der zweite Grund verschwindet, wenn man berücksichtigt, daß diese vergangene Zeit so lebendig dargestellt wird, daß selbst die kleinsten Vorgänge jener Epoche ein förmlich gegenwärtiges Leben erlangen, und auch der dritte Grund wird hinfällig, wenn man folgendes bedenkt: Die dramaturgischen Blätter, die französischen Skizzen, die Briese aus Paris, die Bilder und Erzählungen und alle anderen kleinen Aufsätze geben ein so aufschlußreiches Bild der dramatischen Produktion, insbesondere der Jahre 1818 bis 1820, enthalten so wundervolle Bemerkungen über Moliöre und Shakespeare, über Diderot und Heinrich v. Kleist, so viel Gehaltvolles über Schiller und einiges Beachtenswerte gegen Goethe — obgleich ja der ingrimmige Haß gegen Goethe, über den hier in keiner Weise ausführliche geredet werden kann, von keinem tiefer beklagt wird als von dem Schreiber dieser Zeilen — daß sie einer Wiederbelebung würdig sind. Die Skizzen über deutsche Zustände, die Pariser Bilder und die Briese aus Paris sind so voll von geistreichen Betrachtungen über Kunst, Literatur, öffentliches Leben, weihen den Leser so mühelos ein in die politischen Zustände Deutschlands und Frankreichs vor und nach der Julirevolution, daß sie sowohl durch die Darbietung des Materials als durch die Art der Darstellung jedem Gebildeten anziehend sein müssen. Denn sie sind in einer künstlerisch vollendeten Prosa geschrieben, erfüllt von schneidender Satire, belebt durch köstlichen Humor. Seine zahlreichen Rezensionen von Büchern, die heute freilich niemand mehr liest, sind deswegen so ungemein interessant, weil sie von diesen dem Untergänge, geweihten Erscheinungen .wenig, dagegen von hundert anderen interessanten Dingen anmutig, unterhaltend, anregend plaudern. Seine Aphoris- .men, Hunderte von kleineren und größeren Aussprüchen Politischen, literarischen, allgemein-gedanklichen Inhalts enthalten so viel Universelles, geistreiche Betrachtungen über Welt und Menschen, daß sie dem sinnigen und denkenden Leser die reichste Belehrung gewähren. Es ist ein schreiendes Unrecht, das dem hochverdienten, geistreichen, mutigen, in seinen Ansichten beständigen Schriftsteller angetan wird, daß diese köstlichen Werke bei so vielen ungelesen und ungewürdigt bleiben. Die Deutschen brauchen sich dieses wackeren Kämpen nicht zu schämen, der nicht, wie man frevelhaft zu sagen gewagt hat, die Franzosen rühmte, um die Deutschen zu schmähen, sondern der nur aus Liebe zu den Deutschen ihnen ihre Schwächen enthüllte und auf die Großtaten anderer Nationen hinwies. Aber auch die Juden haben die Pflicht, sich ihres ehemaligen Glaubensgenossen zu erinnern. Nicht nur weil er Jude war, auch nicht nur weil er, wo es nur anging, für die Juden eintrat, sondern weil er an seinem Beispiel zeigt, wie schon beinahe vor 100 Jahren ein deutscher Jude deutsches Geifteswesen in sich bis zum höchsten Grade ausbildete, ein herrliches, eigenartiges Deutsch schrieb und mannhaft und wahrhaft blieb bis zu seinem letzten Atemzuge. Dichter des Judentums. (Interview mit Prof. Ferd. Gregori). Von Eduard Kaufinann. asch, beinahe hastig sind sie allenthalben in den letzten Dezennien erstanden: Die jüdischen Dichter, die jüdischen Maler und Musiker. Aber unter den vielen so wenige Dichter, so wenige Maler und Musiker des Judentums. Wohl, in ein oder dem anderen Werke lodert noch immer die Rasse; und sie kann ihre Wesenheit nicht verleugnen. Oder es schöpft einer anfangs aus dem Vollen, dem Satten. Dann aber kommt der Erfolg, schmeichelt ihm, und er wird süßlich. Er umgibt seine Menschen nur mehr mit jüdischem Gewands oder ein jüdischer Name klingt ans; aber das Gewand ist ihnen fremd und der Name völlig fern. Der Dichter selbst aber, dessen Kraft eben im Judentum lag, verliert das ihm Eigene und verblaßt. Und ich fasse es kaum. Denn ich kenne das Ghetto und Hab' seine verträumte Poesie empfunden und seine ewige Wehmut gefühlt; mitten im Sonnigen selbst umhauchte mich sein Schmerz. Sah, wie die Juden da lebten, nicht viel anders, als vor vielen Jdhrhunderten; und benachbart brauste das Leben der Gegenwart und mir war's immer, als müßte eine Welle kommen und das altersmüde Ghetto mit sich nehmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.