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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 sich dort die Wagnerei antisemitischer Farbe, fast ungescheut und ungestört ausleben. In derselben landschaftlichen, Gesellschafts-- und Kultursphäre erscheint nun seit über einem Vierteljahrhundert als Mittelpunkt einer.muttersprachlichen. Kultur in Schule und Leben die weitverbreitete „Zeitschrift für den deutsch e n U n t er r i ch t", 1886 begründet und bis zum Tode, im Frühling 1912, herausgegeben von dem tüchtigen Deutschpädagogen Otto Lyon, dem vieljährigen Dresdener Stadtschulrat,verlegt bei B. G. Teubner in Leipzig und Dresden, geschrieben gutenteils von Oberlehrern sächsischer höherer Lehranstalten, uno zwar in den Literaturberichten, zusammensassenden Übersichten, auch den Gelegenheitsartikeln sogar fast durchweg. Die allgemeine Richtung dieses schulmäßig germanistischen Organs war von jeher stark aufs bewußt Vaterländische zugeschnitten, und da mischten sich dann in die bisweilen ziemlich deutschtümelnden Melodien 'auch mehr oder weniger unverblümte antisemitische Takte. Professor Dr. O. Lyon, im Grunde eine versöhnliche, 'selbst gutmütige Seele, bemühte sich wohl derartige Dinge, zumal als Tendenz, nicht hochkommen zu lassen. Wiederholt, so einmal als — es ist nun zwei.Jahrzehnte her — des bekannten Berliner teutomanischen Judenfressers Friedrich Lange Propagandaschrist „Reines Deutschtum" einigen Staub aufwirbelte und auch in der „Zeitschrift für den deutschen Unterricht" beifällige Anzeige fand, versicherte Lyon, unter Berufung auf seine paar jüdischen Mitarbeiter, einen unbequemen Mahner ernst seiner Unparteilichkeit in konsessio-. nellen Dingen. Jedoch schaltete Lyon bald daraus, als im Jahre 1894, zum 70. Geburtstage des Führers des ganzen Stabes ' dieser Zeitschrift, Rudolf Hildebrands, dessen Schüler eine Festschrift Herausgaben, den eigentlichen Vater dieser Feier und Urheber des Festschristgedankens, einen weit bekannten Germanisten jüdischen Bluts, aus der Redaktion des Angebinde- Plans aus und sah fürder ruhig zu, wie die wenigen jüdischen Beiträger seines Unternehmens sich allmählich zurückzogen. Ob der neue Kurs, den schon in Otto Lyons letzten Lebensjahren seine wechselnden jugendlichen Mitredakteure einleiteten, auch jene leichte judenunfreundliche Nuance verschärfte, ist fraglich; behoben hat er sie ganz sicher nicht. Aber augenblicklich bietet das neueste Heft der „Zeitschrift", das vom Mai 1913, das zu zwei Dritteln dem jetzigen Wagnergedenktag gewidmet ist, Gelegenheit, leider sogar ein Anschwellen dieses Untertons sestzustellen. Ein vielberufener Schulmann, Schulleiter und Germanist, Professor Dr. Theodor Matthias, Rektor des Realgymnasiums zu Plauen i. V., nach Geburt und dauerndem Wirkungskreis Sachse, veröffentlicht darin, neben des Liverpooler (früher Heidelberger) Universitätsprosessors ' Dr. Robert Petsch kritisch und doch keineswegs einseitig gehaltenem Aufsatz „Richard Wagner, Friedrich Hebbel und das deutsche Drama des 19. Jahrhunderts", eine breite, in der Hauptsache sehr subjektive Würdigung „Richard Wagner als deutscher Mann und Dichter" (S. 336—357). Es kann hier nicht unsere Ausgabe sein, in die vielfach recht wirren Zusammenhänge dieser Auseinandersetzungen hineinzuleuchten und die reichlichen Widersprüche auszudecken, welche sowohl zwischen Matthias' eigenen Urteilen über Wagners Lebens-, .Welt- und Kunstanschauung, so z. B. über deren Abhängigkeit von der doch völlig unchristlichen Schopenhauerschen Philosophie, als namentlich zwischen den bezüglichen Angaben bei Matthias und dem gemessenen Petsch aussa.llen (so überschlägt Matthias auch Wagners anfängliche Jüngerschaft beim Juden Meyerbeer, die Petsch historisch richtig einflicht). Nur drei Stellen wollen wir festnageln, wo sich der schroffe Parteistandpunkt des.Verfassers Th. Matthias als Antisemit schon formell nachdrücklich 'ausspricht. Seite 345: „Die Veröffentlichung der dritten etwa gleichzeitigen Schrift. „Das Judentum ' in der Musik" war eine recht -thumbe' Siegfriedtat, Von dem, der seine Kunst doch in die Höhe des allgemein Menschlichen, in die allen gemeinsame Freiheit erheben wollte, war sie zwar durchaus nicht rassenfeindlich gemeint, sondern nur gegen die Herabziehung' seines Ideals, der Kunst, ins Geschäftliche gerichtet; gleichwohl bewaffnete sie die ja schon damals überwiegend jüdische Kunstkritik gegen ihn und machte es so seinen Aufklärungsschriften und Werken nur noch schwerer, sich durchzusetzen. Schon, tröstete sich oer damals oft Kränkelnde, bald wenigstens für einen großen Gedanken, die allem gewöhnlichen Theaterwesen entrückte Aufführung seines Nibelungenringes, gestorben zu sein, und machte sich das Leidenswort des Meisters der Meister: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" zu eigen." (Wir bescheiden uns damit, nur den argen Gegensatz zwischen dem Verfasser des durchaus heidnischen, schopenhauerisch antichristlichen „Rings des Nibelungen" und dem Jesus, dem vorstehende Worte in den Mund gelegt werden, zu konstatieren.) Ferner Seite 347: „Dabei findet der ernst sachliche Mann den deutschen Geist aber ebensowenig in den das Wort -deutsch' geflissentlich im Schilde führenden Anpreisungen von deutscher Freiheit, deutscher Redlichkeit, wie er sie die französisch-jüdisch-deutsche Demokratie nach 1848 zum Deckmantel nüchternster Politischer Berechnung. machen sah" (fast ebensoviele Unrichtigkeiten wie Worte) auch über den angeblich jüdischen Geist jener Demokratie nach 1848). Endlich Seite 349: „In der großen Schrift „Deutsche Kunst und deutsche Politik", in der Wagner alle Nachäffungen der französischen Zivilisation in Deutschland und seiner Kunst, besonders seiner Bühnenkunst, bis hinein in den „Jüdenjargon" der Journale nachweist, geht er von dein Glauben an eine völlige Erneuerung des europäischen Völkerblutes aus, die mit der eigenen Wiedergeburt des deutschen Volkes anhebe." (Soll man hierzu den gelehrten Kenner deutscher Und germanischer Sprachgeschichte, der Th. Matthias ist, aus die. ethno- Und anthropologischen Lehren der jüngsten Vergangenheit Hinweisen, die all solchen bestechenden Redensarten ins Gesicht schlagen?) Man muß aufrichtig bedauern, daß ein längst anerkannter Pädagog und Literarhistoriker, ei.n Klassikerverehrer und -ausleger, nicht nur der Mitherausgeber Herders und Goethes, sondern auch der verantwortliche Veranstalter einer ganz neuen schönen Lessingausgabe (1912) — dies alles ist Theodor Matthias — alle solche häßlichen Ausfälle in sein Gesamtbild der Persönlichkeit Wagners wie absichtlich einschiebt oder wenigstens Richard Wagners unkritische betreffende Ausstellungen nicht korrigiert. Aber es ist auch aufrichtig zu beklagen, daß die heutige Schristleitung. der ältangesehenen „Zeitschrift für den deutschen/Unterricht" diese Stellen nicht als unpassend beanstandete, neben denen doch harmlos sich ausnimmt Wilhelm Kosch', des österreichischen klerikalen Literatur-Professors, neulich (Märzhest, Seite 164) eingestreute sinnlose Motivierung der Stimmung des berühmten Heineschen „Belsazar" mit dem „Geist des dogmatischen Judentmns" in dem Dichter, der „mit Gemüt und Nerven Jude blieb". Wir meinen, solche tendenziösen Einseitigkeiten liegen ebensowenig im Interesse des deutschen Unterrichts nach seinem weitesten Umfange, wie sie geeignet sind, unter vielen modern denkenden Deutschen wagnerfreundliche Gefühle auszulösen. Nur statt vieler Beispiele zitieren wir am Schluffe folgende „Introduktion" zu der großenteils von Männern jüdischer Abkunft geschriebenen „Freiheitlichen Zeitschrift für Politik und Kultur D e r W e g", Maiheft 1913, aus der Feder des ebenfalls jüdisch geborenen und empfindenden Herausgebers: ..„Gegenüber der steigenden Flut der Phrase, geschwellt von lügnerischen Byzantinismen, wollen wir dem Gedenken eines vollendeten Jahrhunderts noch einmal Ausdruck geben, das uns zwar die verheißene Freiheit nicht gebracht, aber neben der großen. Tat des gereiften Volkes fast gleichzeitig der ganzen Menschheit einen wirklichen Heros schenkte, dessen gewaltiges, seelenerschütterndes Werk uns von

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