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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 gründer große Ovationen bereitet wurden. Mirals Laien sei nur das'Bekenntnis gestattet, daß die Idee einer solchen Weltsprache etwas ungemein Ideales, fast Ehrwürdiges in sich trägt; mögen die Praktischen Bedenken auch noch so groß, die Erreichung des Zieles auch noch so fern sein — es liegt etwas Großartiges, Erhabenes in der Idee, durch eine Sprache die ganze Welt zu umspannen und alle Völker durch eine gemeinsame Ausdrucksweise zu vereinigen.. : L. G. Mchsrd Wagner und das Judentum. ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" sieht sich ja gewiß mit Recht nicht veranlaßt, zum 22. Mai, der 100. Wiederkehr von Richard Wagners Geburtstag, einen Festartikel zit bringen oder gar in die Jubel- Hymnen einzustimmen, wie sie zu diesem Datum, voran die antisemitischen Zeitungen, überhaupt alle diejenigen erheben dürften, wo das unverfälschte Deutschtum in Erbpacht genommen scheint. Höchstens verlohnte es sich einmal auf Wagners. wie sonst so auch gegenüber dem Judentum mannigfach wechselnde Stimmung hinzuweisen, sodann auf den verschiedenartigen Dank, den -der Meister Männern jüdischen Ursprungs schuldig ist: bei seinem Aufstieg und auf dem Gipfel, im Leben und nach dem Tode. Das Verhältnis des noch unberühmten jungen Musikers zu dem damals allgefeierten und tonangebenden Meyerbeer war in Paris mindestens so zwiespältig, paß man keineswegs dem Aelteren, der doch am Seineuser immer noch als der juif musical de Berlin galt, und in der französischen Hauptstadt niemals die Macht besaß, aus deren Einfluß der schiffbrüchige Allerweltsschuldner rechnete, den vollen Tadel des Enttäuschten aufhalsen darf. Aus jeden Fall bleibt die „Rache" Wagners in seinen späteren musikalischen Erörterungen unschön und wirkt auf feinfühlige, aus wahrhaft künstlerisch hochfließende Naturen zweifellos abstoßend. ■ Um aus der Jnszenesetzung der Bayreuther Festspiele mit ihren Erfolgen nur zwei allen Kennern bekannte Hauptstützen anzuführen, so seien genannt der Kapellmeister Hermann Levi, der Gießener Rabbinerssohn, und der glänzend bewährte erste Chorleiter, Heinrich Porges aus Prag. Was sonstige „mosaische" Gönner der Wagnerschen Musik in den meisten deutschen Großstädten -indirekt, was zahlreiche Journalisten und Publizisten der „semitisch verseuchten" Presse unmittelbar teils für den Wagnerkultus, teils für das Verständnis des neuartigen Tondramas gewirkt haben, soll hier bloß im allgemeinen angedeutet sein. Uebrigens ist ja auch der Verfasser der neuesten aussührlichen, als durchweg authentisch gelobten Biographie Wagners selbst israelitischer Abkunft und mit gutjüdischer Familie verschwägert, so teutonischen Anstrich auch sein literarisches und sonstiges Auftreten, seine'Stellungnahme zu öffentlichen Fragen zeigen. Wagner selbst und seine Erben spürten und spüren die unleugbaren Verdienste vieler Juden um Emporkommen und Würdigung des Wagnertums offenbar selbst. Wenigstens verzichtete Richard Wagner vom Augenblick an, da er das Ziel seiner langjährigen Wünsche, Haus und Bühnenstätte auf dem Bayreuther Festspielhügel, erreicht, da er den Zenit des Ruhmes erklommen, auf die schroffe Polemik, besonders auf die unwürdigen persönlichen Anzapfungen sogenannten jüdischen Künstlertums, durch die er früher mancherseits feine persönliche, teilweise auch seine ästhetische Wertschätzung ungünstig beeinflußt hatte. Und Frau Cosima, ihr Sohn Siegfried, der Träger des stolzen Namens und väterlichen Berufs, der älteste Eidam Henry Thode als Wanderprophet schwiegerväterlicher Genialität, schwiegen sich über die vermutlichen antisemitischen Anwandlungen ihres Innern wohl dauernd aus. Allerdings, der erst spät in den Familienkreis einheiratende H. St. Ehamberlain, ber Wagner- Monograph und kulturhistorische Entdecker der Besudelung des Ariertums im 19. Jahrhundert durch den, wie er darlegt, heruntergekommenen und minderwertigen Semitismus, sowie der unermüdlichste und wortgetreuste Herold der Bayreuther Originalität und Aera, Hans. v. Wolzogen, der Herausgeber der „Bayreuther Blätter", stießen um so kräftiger in das Horn eines gewaltsam herausgehobenen reinen Germanentums, das ja in der Regel, scheint es, mit einer hübschen Dosis Judenschimpf verbrämt sein muß — so auch hier! So erscholl denn auch seit einem Menschenalter in den Kreisen der engeren Wagnergemeinde, vornehmlich in deren Kristallisationszentren , den Richard-Wagner- Vereinen, immer und immer wieder die Sirenenschalmei des Antisemitismus, bald lauter, bald leiser. Ja, die ^wirklich gereiften Wagnerianer pflegten ihn, gleichsam nebenamtlich, so selbstverständlich, daß man sich zeitweise einen echten Verkünder der Bedeutung der „Zukunftsmusik" kaum mehr denken konnte, ohne daß nicht zugleich ein paar nichtsnutzige „Jüden" oder gar das gemeingefährliche ganze Judentum mit Haut und Haaren verspeist worden wäre. Es genüge hier beispielsweise an den nun gealterten Leipziger Wagnerapostel Moritz Wirth, den persönlichen Vertrauten so mancher jungen jüdischen Intellektuellen, zu erinnern, der auch die Autorität des hervorragenden dortigen Astrophysikers Friedrich Zöllner dafür auszuschlachten gewußt hatte. Ueberhaupt trat dabei die seltsame alte Beobachtung zutage, daß sich gerade Leipzig und Dresden, die Hauptstädte des ja überaus judenärmen Königreichs Sachsen, als Hauptherde eines krassen Judenhasses entpuppten. Die Leipziger Zentrale des rabiaten deutschsozialen Antisemitismus, von dem oft gekennzeichneten Fanatiker Theodor Fritsch geleitet, wußte sich in Ausbeutung der Aussprüche und' Ansichten Wagners und verwandter Geister gar nicht genug zu tun. Und da der starke Betrieb moderner Musikpflege in beiden genannten sächsischen Halbmillionenstädten ziffernmäßig kaum Rücksicht aus gutsituierte Jüden zu nehmen braucht, so könnte

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