Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 und mit den Gemeinden. Welcher riesengroße Fortschritt von dem einstigen Zustande bis jetztl Der Religionsunterricht lag im argen; eine Anzahl'von Kindern erhielt gar keinen Religionsunterricht, an vielen Orten wurde er mangelhaft,von nicht geprüften Lehrern ohne jede Aussicht erteilt. Viele jüdische Kinder entbehrten der Erziehung . überhaupt, sei es, daß die Erziehungspslichtigen sich ihrer Pflicht gewissenlos entzogen, oder daß sie durch-Elend in Gleichgültigkeit und Stumpfsinn verfallen waren; groß war auch die Zahl der Waisen. Der religiöse Jndifferentismus zog immer weitere Kreise. Gemeindemitglieder schieden aus ihrer wohlorganisierten Gemeinde mit guten religiösen Einrichtungen aus und traten in die benachbarte leistungsunfähige Gemeinde ein, nur um einen kleinen Prozentsatz an Steuern zu ersparen. Kenntnis der Religionswahrheiten, religiöses Interesse, jüdisches Gemeinschaftsgefühl waren nicht zu finden. Angriffe von außen mehrten sich, gegen die die einzelnen machtlos waren. Alles dies drängte zum Zusammenschluß, die hervorragenden Geister empfanden es lebhaft, und es bedurfte nur eines Anstoßes, um die glimmenden Kohlen zur Hellen Flamme zu entfachen. Die treibende Kraft war Justizrat Berger; er rief zur Vorberatung zusammen; er referierte und stellte Anträge; er berief die Delegierten ein; er reiste zu den gleichgültigen Gemeinden, um sie aus ihrer Lethargie zu wecken. Im Jahre 1888 trat endlich der Verband ins Leben. Er stellte sich folgende Aufgaben: 1. Stellungnahme gegen ungerechtfertigte Angriffe von außen; 2. gegenseitiger Schutz gegenüber Gemeindemitgliedern, die aus unzureichenden Gründen aus der Synagogengemeinde ihres Wohnortes ausschieden; 3. Sorge für ordentliche Erteilung des Religionsunterrichts; 4. Förderung der Heranbildung von Religionslehrern und deutschen Kultusbeamten; 5. Gründung eines jüdischen'Waisenhauses; 6. Stellungnahme zum Deutsch- Israelitischen Gemeindebunde. . Aus reges Betreiben des Justizrats Berger wurde der Vorsitz des Verbandes in die treuen, bewährten Hände des Sanitätsrats Dr. Freund- Gleiwitz gelegt. Seine Ausgaben hat der Verband unablässig im Auge behalten und mit eiserner Konsequenz durchgeführt. In Uebereinstimmung mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde wurde das Prinzip befolgt, die mittleren und großen Gemeinden zur Unterstützung der kleinen heranzuziehen, da jene vorzüglich auf Kosten der letzteren erstarken. Dieses Prinzip ausgleichender Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze bisherige soziale Tätigkeit des Verbandes. Außerordentlich anregend und gegenseitig befruchtend ist es, daß Verband und Deutsch-Israelitischer Gemeindebund sich in ihrer Tätigkeit restlos decken. Besondere Pflege widmete der Verband dem jüdischen Religionsunterricht. In Gemeinden mit Religionslehrern wurde von den dazu bestimmten Rabbinern der Religionsunterricht inspiziert, in lehrerlose Gemeinden wurden Wanderlehrer geschickt, die unter Anleitung der Rabbiner zielbewußt unterrichteten. Wirksam unterstützt wurde der Gemeindeverband durch den Oberschlesischen Rabbinerverband, der auf des ersteren Veranlassung gegründet wurde. Die Rabbiner der Verbandsgemeinden nehmen mit. beratender Stimme an den Hauptversammlungen des Gemeind.everbandes teil. Zur Heranbildung deutscher Kultusbeamten wurde die Gründung der seit dem Jahre 1899 in Berlin unter Leitung des jüngst verstorbenen Professors William Wolfs und des Oberkantors Friedmann bestehenden Kantorensortbildungskurse angeregt. - Ein Verbandsrabbiner wurde angestellt, der in den rabbinerlosen Gemeinden Wänderpredigten und Vorträge, über jüdische Literatur hielt, um das religiöse Empfinden wieder zu wecken und zu beleben;' demselben Zwecke diente die Einrichtung einer Wanderbibliothek. Die Errichtung des Wanderrabbinats ist im Werte nicht hoch genug anzuschlagen; werden doch durch dasselbe sämtliche religiösen Fragen in den kleinen Gemeinden geregelt; zu bedauern ist nur, daß der Wanderrabbiner infolge seiner umfangreichen und vielseitigen Tätigkeit jede seiner elf Gemeinden - höchstens einmal vierteljährlich besuchen kann. Ein Antrag des Stadtrats und Stadtältesten Wiener-Kattowitz, zwei Wanderrabbiner mit dem Sitze in Kreuzburg und Rhbnik anzustellen/mußte aus Mangel an Mitteln abgelehnt werden. Einen bedeutsamen Träger jüdisch-religiösen Lebens fügte der Verband in seinen Bau ein, als er die Vereinigung der jüdischen Lehrer Oberschlesiens in den Bereich seiner Wirksamkeit zog. Das weitaus größte und ehrendste Denkmal hat sich der Gemeindeverband in der Gründung des israelitischen Waisenhauses in Rybnik gesetzt, dessen Leitung in die Hände des Direktors Katz, eines geschickten, umsichtigen Pädagogen, gelegt ist. Der Bericht des Waisenhauses, welcher der erwähnten Festschrift angegliedert ist, gibt nicht nur ein klares Bild von der Verwaltung, dem Vermögensbestande und den baulichen Verhältnissen der Anstalt, sondern gewährt auch einen'tiefen Einblick in ihren inneren Betrieb. Die Erfüllung der modernsten hygienischen Forderungen, eine religiös-sittliche Leitung, eine straffe Haus- und Arbeitsordnung sind Bürgschaft dafür, daß aus der Anstalt gesunde, brauchbare und tüchtige Staatsbürger hervorgehen. Von Verband, Gemeinden, Sammlungen und Einzelstistungen wird das Waisenhaus dauernd unterstützt und gefördert. Die Festschrift enthält schließlich noch einen Bericht über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Oberschlesien. Mit großer Sachkenntnis hat Dr. Ezechiel Zivier, fürstlicher Archivar in Pleß, dem dargebotenen Bilde einen würdigen Rahmen verliehen. Der Bedeutung des Jubiläums entsprach die Feier, die am 4. Mai dieses Jahres in Gleiwitz abgehalten wurde. Der Festgottesdienst begann mit Psalm 100: „Jauchzet dem Herrn, alle Welt, dienet ihm mit Freude." Der Vortrag des Oberkantors Weiß und des Ehors, begleitet von den Klängen des Harmoniums, machte einen herzerhebenden Eindruck. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Münz-Gleiwitz. Noch unter dem Eindruck des Passahfestes knüpfte er an das 3. Kapitel des Hohen Liedesan: Wie 60 kriegsgeübte Helden Israels die mit vielen Kleinodien gezierte Sänfte Salomos umgaben und mit gezückten Schwertern beschützten, also sollen auch heute die Geisteshelden und Streitbaren unter den Israeliten das Banner ihrer Religion schützen, das mit kostbaren Kleinodien ausgestattet ist; mit Wahrheit, Gerechtigkeit,- Treue, Friedfertigkeit usw. Der Shnagogenseier folgten die Verhandlungen im Theater- und Konzerthause, nachdem die jüdischen Damen der Stadt den Festteilnehmern ein opulentes Frühstück verabreicht hatten. Nach Erledigung der üblichen Verwaltungsgeschäfte durch den Vorsitzenden, Justizrat Berger, berrchteten der Verbandsrabbiner Nischkowski über den Erfolg seiner bisherigen Tätigkeit, Justizrat Berger über die Fortschritte der Einrichtungen des Verbandes, insbesondere über das' Waisenhaus, Dr. Zivier über die Entwicklung der Ortschaften in Oberschlesien und den beständigen Wechsel der Gemeinden und ihrer Namen. Justizrat Schüller sprach über den Verfall der jüdischen Bevölkerung in Oberschlesien trotz des Aufblühens der Industrie, hielt Rückschau über den bisher zurückgelegten Weg