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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 menge am Fundort der Leiche versammelt, so das; der Platz abgesperrt mevden mußtet Bei der gerichtlichen Leichenschau wurden keinerlei Verletzungen wahrgenommen, dieauf ein Verbrechen schließen ließen. Trotzdem verdächtigte ein Teil der fanatischen Bevölkerung die Juden, so daß es am 2. .und 3. Mai zu Kundgebungen kam, bei denen mehreren jüdischen Bürgern die Fenster eingeworfen wurden -und sogar -der Bürgermeister, mit Steinen bedroht wurde. Ferner wurden . die Häuser von vier jüdischen Einwohnern mit Blut bespritzt. Ein herbeigeholter Polizeihund vermochte. weder in bezug aus den Tod des Kindes noch.hinsichtlich der Bespritzung der Häuser eine Spur aufzunehmen. Die Erregung gegen die Juden wuchs immer mehr, und immer lauter wurde behauptet, daß hier ein Ritualmord Vorlage. Die' polnische Presse begünstigte diese unsinnigen Gerüchte «und -behauptete, die Leiche sei bei ihrer Ausfindung noch ganz frisch gewesen und ikönne höchstens zwei Tage im Wasser gelegen haben. Außerdem habe' sie eine Schnittwunde am Halse gehabt und die Hände seien verbrüht gewesen. Zur Beruhigung der Bevölkerung hat nunmehr, der Zuständige Erste Staatsanwalt beim Landgericht Schneidemühl in der „Ostdeutschen Rundschau" folgende Etliche, Aufklärung gegeben: „Die Untersuchung der im Torflöch bei Lobsens aufgesundenen Leiche'der sechsjährigen Agnes Kador hat unzweifelhaft ergeben, daß die Leiche längere Zeit, mindestens mehrere Wochen im Wasser gelegen hat, also sehr wohl schon seit dem Tage des Verschwindens des Kindes, daß sie. fernerkeinerlei irgendwie in Betracht kommende Verletzungen aufwies, die eine Blutentziehung überhaupt nur zugelassen haben könnten, insbesondere keinerlei Schnittwunden am Halse. Auch von einer Verbrühung der Hände kann keine Rede sein. Dahingehende Gerüchte sind völlig haltlos und entbehren jeder tatsächlichen Unterlage. Die ganz geringfügigen und oberflächlichen kleinen Hautverletzungen im Gesicht der Leiche sind ohne weiteres dadurch zu erklären, daß das Kind beim Sturz ins Wasser vom harten Schilfrohr leicht gekratzt Wörden sein kann, sind jedenfalls für die Todesursache ohne jede Bedeutung. Die Möglichkeit der Annahme eines Ritualmordes wird durch den Leichenfund jedenfalls völlig zweifelsfrei widerlegt." . * Aus Wie n wird uns geschrieben: - Wie das tschechische Blatt „Pravo Lidu" meldet, fand am 11. d. M. in Kolin eine Sitzung des Bezirksschulrates statt, in der fast ausschließlich über die Affäre des bekannten antisemitischen Pfarrers Hrachowsky diskutiert wurde. Bor der Sitzung war eine umfassende Untersuchung des Falles durch die Organe des Bezirksschulrates durchgeführt worden und auf Grund der Ergebnisse dieser Untersuchung wurde" -in der Sitzung eine Reihe von Fragen betreffend die Schuld des Paters Hrachowsky zur Diskussion gestellt. Es wurde festgestellt, daß der genannte katholische Geistliche und Religionsprofessor, der in Kolin und Umgebung eine Ritualmordhetze gegen die Juden 'inszenierte, ein Liebesverhältnis mit der Lehrerin K. unterhalten, daß er ferner das Dienstmädchen Pavlik, das freiwillig in den Tod ging, öfters zu sich geladen und ihr einen Drohbrief geschrieben habe, der das unglückliche Mädchen veranlaßte, Hand an sich zu legen. Es wurde ferner untersucht, ob dieser saubere Pater gegen die Juden und Protestanten gehetzt, ob er die. Bevölkerung Kolms der Unsittlichkeit beschuldigt, ob er das Ritualmordmärchen verbreitet und - zu diesem Behuf eine vertrauliche Versammlung ohne Bewilligung einberulfen hatte. Alle diese Fragen wurden mit allen Stimmen bejaht. Auch der Dechant Pater Sinta beantwortete diese Fragen bejahend, wobei er hinzufügte, Pater Hrachowsky sei e i n e S ch m a ch f ü r d i e k a t h o li s ch e G e i st l i ch k e i t. Hierauf wurde über die Strafe entschieden. Es wurde beschlossen, daß Pater Hrachowsky entweder sofort strafweise suspendiert oder vom I.Juli strafweise versetzt werde. Diese zwei Eventualitäten wurden dem k. k. Landesschulrate in Prag zur Genehmigung vorgelegt. So sehen die Verbreiter des Ritualmordmürchens. in Böhmen aus. Jedenfalls ist es als Fortschritt zu begrüßen, daß der Bezirksschulrat in Kolin, der ausschließlich aus Christen (Katholiken) und Tschechen besteht, in diesem Falle unparteiisch vorging und den Schuldigen unnachsichtlich der gerechten Strafe zug-üfü'hrt hat. Wenn alle Behörden so Vorgehen, dürfte bald jenem unsinnigen Märchen der Boden entzogen sein. # Die „B. Z. am Mittag" schreibt: Ein Telegramm aus Rom meldet, daß der erste Bürgermeister Ernesto Nathan die Absicht geäußert hat, sein Amt niederzulegen. Nach dem „'Giornale d'Jtalia" gibt er als Grund für feinen Entschluß Gesundheitsrücksichten an. Seine Gegner jedoch behaupten, er wolle für das-Abgeordnetenhaus kandidieren. Der Rücktritt Nathans wird in.der Stadtverwaltung eine große Krise Hervorrufen, da niemals ein Bürgermeister von Rom in dem Maße wie er persönliche Initiative entwickelt und für das Gemeinwohl sich eingesetzt hat. Zum Amt kam er als Vertrauensmann der konstitutionellen Linken und der Radikalen. Der Zorn der klerikalen Gegner über die Wahl des Juden Nathan war um so größer,, als er lange Jahre Großmeister der italienischen Freimaurer gewesen war. Die Reformen, die er durch-, gesetzt hat,- steuerten der Wohnungsnot, dem Monopolwucher und der Nahrungsinittelfälschung. Ernesto -Nathan, der bis 1887 englischer Untertan war, steht jetzt im 65. Lebensjahre. * Airs Rußland kommen verschiedene Nachrichten (ich entnehme sie dem „Berl. Tagebl.", der „Voss. Ztg." und der „Franks. Ztg."), von denen höchstens die erste erfreulich ist. Kiew, 15. Mai. (W. T.B.) Der ehemalige Chef der Kiewer Geheiinpolizei Mischtschuk und zwei Geheimagenten sind'wegen ihres Verhaltens, in der Angelegenheit des ermordeten Knaben Juschtschinsky zu einem Jahre Zuchthaus verurteilt worden. Sie hatten die angebliche Auffindung der Sachen des ermordeten Knaben in Szene gesetzt. Petersburg, 7. Mai. Vor einem Jahr erließ der Senat auf Wunsch des Justizministers eine' Interpretation, wonach Rechtskandidaten nichtchristlichen Glaubens, die nach Ablegung der Staatsprüfung mit Zustimmung der Advokatenkammer die Berechtigung eines Rechtsanwaltsgehilfen erlangen wollen, dazu die Genehmigung des Ministers bedürfen. Seither wurde kein einziger jüdischer Kandidat bestätigt. Der Kommandant des Wilnaer Militärbezirks Rennenkampf hat den Offizieren jeden Verkehr mit Juden verboten, da Juden seiner. Ansicht nach des Umgangs mit Offizieren unwürdig sind. Das 25jshrise Jubiläum des Verbandes der Milchen Gemeinden Oberlchleüens. Bericht von Mittelschullehrer I. Jacob-Loslau. ünfundzwanzig Jahre! EineSproße Spanne Zeit im Leben des einzelnen, eine recht kleine im Leben einer . großen Gemeinschaft. Wird doch in einem Jahrhundert selten eine große Idee geboren, und gibt es in einem solchen Zeitraum nur sehr wenige hervorragende Männer, welche die Idee zur Verwirklichung bringen oder zum Gemeingut einer großen Gesamtheit erheben. Fünfundzwanzig Jahre besteht der Verband der jüdischen Gemeinden Oberschlesiens, für ihn ein kurzer Zeitraum — und wie fest ist dieser Bau gefügt, wie segensreich schon feine Wirksamkeit im Innern und nach außen hin gewesen. Wahrlich, man sieht ihm die Kinderjahre nicht mehr an, er äst über diese weit hinausgediehen. : Die erste Ursache dieser gedeihlichen Entwicklung ist die großzügige Anlage, die weitschauende Tätigkeit zweier Männer, die als die Väter des Verbandes zu bezeichnen sind, des Stadtrats a. D. Huldschinfki in Gleiwitz und des Justizrats Berger in Königshütte. Die vorliegende Festschrift des Verbandes gibt uns in einem instruktiven Artikel von Lehrer Golds ch m i d t - Tarnowitz „Zur Geschichte des Synagogen-Gemeinden-Verbandes des Regierungsbezirks Oppeln" ein lebendiges Bild von den Verhandlungen, die seine Gründung hervorgerufen und ihn bis zu seinem heutigen Stande gefördert haben. ' Nicht von außen kam der Anlaß zur Gründung, die Not trieb die Gemeinden zur Selbsthilfe: hier zeigte die harte Schule des Lebens, daß Einigkeit stark macht. Gemeinden mit stark pulsierendem Leben bestanden dicht neben ganz kleinen, kaum noch lebensfähigen; dazu lebten hier und dort zerstreut einzelne Familien ohne jeden Zusammenhang miteinander

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