Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 durch allerlei Schikanen und Einwände ihr Recht verweigert worden. Es wird im Ernst nicht behauptet werden können, daß unter ihnen allen kein einziger war, der sich nicht, zum Offizier qualifiziert hätte. Die deutschen Juden haben Stolz, genug, um sich dort ferne zu halten, iuo man sie aus irgendwelchen Gründen, und wären es die nichtigsten, nicht will. Ich weiß,, es gibt auch . Ausnahmen; aber für diese Ausnahmen lehnen wir die Verantwortung ab. Unser Protest richtet sich nicht dagegen, daß in dm seltenen Fällen, in denen man einen Juden bis zur Wahl kommen läßt, das Neserdeoffizierkorps ihn ablehnt. Wir Protestieren vielmehr dagegen, daß vorher die aktiven Vorgesetzten, die die Verfassung zu achten haben, bewußt einen zum Offizier qualifizierten Menschen von der Osfizierslanfbähn ausschließen. Haben mir -auch nur erreicht, daß die jüdischen Einjährigen gerecht behandelt werden und daß sie in größerer Zahl bis zur Wahl kommen, dann wollen wir ruhig abwarten, wie die Entscheidung der einzelnen Reserveoffizierkorps ausfällt. Ich fetze dabei voraus, daß die Bezirkskommandenre keinen Einfluß auf die Wähl ausüben. Ich habe die Ueberzeugung, daß es genug Reserveoffizierkorps in Deutschland gibt, die nicht von antisemitischem Geiste erfüllt sind, und die einen Persönlich und militärisch gut qualifizierten Juden gern als Kameraden annehmen. Der Fehler liegt nicht in der Wahl, sondern in dem mannigfaltigen Unrecht, das bewußt im Vorverfahren begangen wird. Redner besprach dann die Gründe dieses ungerechten Verhaltens. Die jüdische Religion sei es nicht; der Staat fei nicht so fromm, daß er das Glaubensbekenntnis einer Minderheit nicht erträgt. Die Rasse sei es auch nicht; man akzeptiert doch die getauften Juden als Rsserveoffiziere. Es ist -in Deutschland auch besonders gefährlich, mit Rassetheorien zu operieren: denn die größte Zahl der Deutschen, und zumal die Angehörigen der in Deutschland herrschenden Schicht, sind mit Herrmann, dem Cherusker, nicht blutsverwandt. Die Erfahrungen, die man mit den jüdischen Soldaten im Kriege gemacht hat, widerlegen das Vorurteil von der körperlichen Minderwertigkeit. In der Haltung der Behörden gegenüber den Juden kommt lediglich zum Ausdruck das Vorurteil der herrschenden Schicht. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden hat sich grundlegend Bahn gebrochen, und die herrschende Schicht, die auch in anderen Dingen die wirtschaftlichen Änderungen nicht sehen will, will sie auch hier nicht sehen. Dazu wachsende Industrialisierung, ein gewisses Unbehagen gegen die n-eite Zeit. Redner besprach das System bei den Ofsiziersernennungen und sagte: Die Tatsache, daß mail den getauften Juden zum Reserveoffizier macht, ist der Bankerott dieses Systems. Es ist eine Prgmie des Staats auf die Charakterlosigkeit. Die Juden haben im Kriege und im Frieden ihre Schuldigkeit dem Vaterlande gegenüber erfüllt. Wir loollen keine jüdischen Kvnzessionsleutnants; tvir kämpfen lediglich um unser gutes Recht. Daß dieses Recht dauernd verletzt wird, ist schädlich für den Staat, und wir vertrauen aus den gesunden Sinn des deutschen Volkes, der schließlich doch stärker ist als die Vorurteile einzelner. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, der hierauf nach herzlichen Dankesäußerungen an den Redner in einem längeren Nachwort an die tausendköpsige Versammlung einen warmen Appell richtete, treu zur Fahne des Zentralvereins zu halten und eifrig seine- Bestrebungen zu fördern, brachte zum Schluß nachstehende Resolution zur Verlesung, die auch, einstimmig angenommen wurde: „Die am 17. Mai 1913 im Lehrervereinshaus in Berlin von über 1000 Personen besuchte Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens legt Verwahrung ein gegen die Zurücksetzung der Juden in dem Heere und gegen die der Wahrheit und der -geschichtlichen Entwicklung widersprechende Unterstellung, daß die jüdischen Deutschen ein Fremdkörper im Vaterland seien." # Wir erhalten mit der Bitte um Veröffentlichung die folgende Zuschrift: „Gegenüber einer in Nr. 17 des „Israelitischen Familienblatts", Hamburg, vom 24. April erschienenen Mitteilung der „Israelitischen Union" über deren Ziele und Arbeitsprogramm usw., die auch in anderen jüdischen Zeitungen Aufnahme gesunden hat, -und in der ausdrücklich betont wird, daß die „Israelitische Union" kein Lokalverein sein soll, möchte das deutsche Bureau der Alliance Jsraälite Universelle in Berlin nicht verfehlen, die Mitglieder der A. I. U. in Berlin sowohl als auch auswärts auffolgende Tatsachen hinzuweisen: „Die „Israelitische Union", die in ihren Drucksachen ein dem Allianceemblem' ähnliches Zeichen führt, steht mit der Alliance Jsraölite Universelle in -keinem irgendwie gearteten Zusammenhang. Die „Israelitische Union" ist -von einem Angestellten des früheren „Landeskomitees" der A. I. U. gegründet worden, der die in feiner Obhut befindlichen Mitgliederlisten der Alliance zu dieser „Neugründung" verwendet hat, ein Verfahren, das sich von selbst als Vertrauensbruch seitens des betreffenden Angestellten charakterisiert. Das Lokalkomitoe Berlin der Alliance Jsrae-lite Universelle mußte bei Aussendung der diesjährigen Quittungskarten die Erfahrung machen, daß eine sehr große Anzahl Berliner Mitglieder ihren Beitrag irrtümlich an die „Israelitische Union" gezahlt hat, wofür diese Mitglieder mit ihrer bei der Alliance eingetragenen Mitgliedsnuminer versehene' Quittungskartender „Israelitischen Union" erhielten. Die „Israelitische Union" hat selbstverständlich einen großen Teil der durch ihr auf Täuschung beruhendes Vorgehen eingezogenen Gelder zurückzahlen müssen. Da die neueste Notiz der „Israelitischen Union", in der ausdrücklich daraus hin gewiesen wird, daß dieser Verein kein Lokalverein sein soll, Befürchtung nahelegt, daß gleich der Berliner Mitgliederliste jetzt auch die - Mitgliederlisten der Alliance in ganz Deutschland für die Zwecke dieser „Israelitischen Union" verwendet werden dürften, seien hiermit die Mitglieder der -Alliance, besonders deren Vertreter und Lokalkomitees, in ganz Deutschland auf die aus dem Vorgehen des genannten Vereins sich ergebende Gefahr der Verwechselung ausdrücklich hingewiesen." * Unter dem Titel „Die B e st i e N a t i o n a l i s m u §" bringt „Der Weg" beherzigenswerte Bemerkungen. Nachdem er über die bekannten Vorgänge in Nancy, die Beschimpfung Deutscher durch französischen Pöbel gesprochen, schreibt erfolgendes: Sehen wir uns doch diesen Nationalismus im Hinblick aus die Vorgänge in Nancy auch einmal von einer anderen Seite an. Was da geschehen ist, wie oft ist -es in Deutschland selbst passiert: nicht gegen Franzosen oder Engländer oder Russen, aber -gegen Angehörige des deutschen Volkes selbst, gegen deutsche Staatsbürger, nur von einem anderen Glauben und von einer anderen Abstammung, -nämlich gegen I n -d e n! Wie lange ist es -her, daß -in Deutschland noch Juden den schmählichsten und niederträchtigsten Angriffen, Verunglimpfungen, Uebersällen grundlos ausgesetzt waren, man braucht wohl -nur die Orte Könitz und Neustettin als Beispiele zu nennen. Ja, es geschieht auch heute fast an allen Orten und allerwegen, daß friedfertig des Weges gehende Juden, nur da sie als solche von einem rohen Antisemitenpöbel erkannt sind, mit unflätigen Worten beleidigt und angerempelt werden. Wenn das heute doch seltener vorkommt, als noch vor ein paar Jahrzehnten, so ist das nur dem guten erzieherischen Einfluß der Sozialdemokratie zu verdanken. Der Gesittung unserer Junker und des übrigen antisemitischen Pöbels und einem klerikalen Einfluß sicher nicht! Ist die grundlose Anrempelung, Beleidigung, körperliche Gefährdung von Staatsangehörigen etwa eine geringere Pöbelei als der einmalige Vorgang der Belästigung von Deutschen und Franzosen in Frankreich, und zeugen diese antisemitischen Pöbeleien von einer höheren Gesittung des deutschen Volkes gegenüber jener einmaligen Entgleisung in Frankreich? * Zu den Ungeheuerlichkeiten, zu denen sich auch noch in Deutschland die Menge verleiten läßt, gehört das immer wieder anftauchende R i t u a l m o r d m ä r ch e n. Darüber schreibt die „Kölnische Zeitung" unter dem Titel „Erhitzte Phantasie": Wie leicht Ritual m o r d m ä r ch e n entstehen und welche bedauerlichen Folgen sie haben können, lehrt folgender Vorfall. Am Abend des 3L März d. I. war das sechsjährige Töchterchen des polnischen Arbeiters Kador. in Lobsens spurlos verschwunden, nachdem es kurz vorher am Karussell gesehen worden war. Man wollte beobachtet haben, wie ein Mann von jüdischem Aeußern das Kind mehrmals Karussell fahren ließ. Dann habe er gesagt, wenn es nochmals fahren wolle, müsse es erst mit ihm nach einem benachbarten Gartenlokal gehen, wo er Geld wechseln wolle. Das -Mädchen -ging -mit und ist -seitdem nicht wieder gesehen worden. Am 20. April nun fanden zwei Arbeiter unweit der Chaussee bei Lobsens di-e Leiche des Kindes mit dem Kopf nach unten in -einem Torfloch. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde durch das Städtchen, uird in wenigen Minuten war. eine gewaltige Menschen-