Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Was geht nun das alles die Juden an? Sollen sie etwa ihre jetzt noch gut gehenden Geschäfte verkaufen und sich., als Bauern auf dem Lande niederlassen? Nein, das sollen sie gewiß nicht; aber sie dürfen sich der allgemeinen Strömung nicht entziehen rmd wevden Zeinen- Teil ihres Kräfteüberschusses — und nicht etwa den minderwertigsten — der Land-- Wirtschaft zuführen müssen. Denn so viel auch sonst an der Assimilation der Juden in Deutschland fehlt, wirtschaftlich ist sie so fest vollzogen, daß jede — auch die leiseste — Schwankung. die Juden sehr empfindlich trifft. Wenn also das deutsche Volk zur Regeneration seines Bailernstandes schreitet und schreiten muß, so kann und darf der Jude nicht Zurückbleiben. Für den Nationaljuden ist die Frage, ob der Jude Bauer werden kann und soll, schon lange entschieden. Er weiß, daß ein Volk ohne Bauern, einfach kein Volk ist (Nomaden sind noch keine Völker, sondern Horden, und reine Handelsvölker gibt es nicht und hat es nie gegeben). Aber für ihn zählt der jüdische Bauer erst im Lande unserer Väter. Hier muß aber erwähnt werden, daß die Juden in Palästina den Beweis erbracht haben, daß sie auch heute noch die zum Bauern notwendigen Fähigkeiten besitzen, und was dort möglich war, das läßt sich auch in Deutschland durchsetzen, wenn es auch mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft ist. Was uns Juden die Rückkehr aufs Land besonders wichtig macht, das ist die. erschreckende Degeneration, der wir in den Großstädten zum Opfer fallen. Die durch scharfen Wirtschaftskampf und ungesunde Wohnungsverhältnisse hervorgerufene Abnahme der Geburten, die Zunahme von . Mischehen und Taufen, das Schwinden des festen. Zusammenhaltens durch die Scheinfreiheit in den Großstädten sind schwerwiegende Gründe für die Rückkehr auf das Land, in vielleicht härtere und primitivere, aber sicher in jeder Hinsicht gesundere Lebensverhältnisse. Viele werden sagen, daß der Zug aufs Land die Juden, die — wie man oft hört — in der Großstadt sich höchste Kultur angeeignet haben, auf ein tieferes Kulturniveau herabdrückt. Nun, erstens ist wahre Kultur etwas, das sich nur wenige Bevorzugte 'überhaupt aneignen können, und dann ist die Kultur nicht an die Stadt gebunden. Ich erinnere an die auf sehr hoher Stufe stehenden Bauern Dänemarks und an die jüdischen Bauern in Palästina, deren Kultur ich der Dekadenz gewisser sogenannter jüdischer Kreise Berlins entschieden vorziehen möchte. Ueberdies ist ein wichtiges Moment nicht aus dem Auge zu lassen. Ein uraltes Kernwort sagt: „Land adelt!" Das ist heute noch richtig. Nur der Landbesitz gibt wirkliches Heimatrecht. Warum nennen und empfinden uns viele durchaus ehrenwerte Deutsche als „lästige Ausländer" oder betrachten uns bestenfalls als Gäste? Warum gesteht selbst der krasseste Deutschtümler den Polen, Wenden oder Litauern in unserem Vaterlande Heimatrecht zu? Weil diese deutschen Boden in Händen haben und ihn auch bearbeiten, während wir wohl auch — aus dem Umwege über Hypotheken usw. — Grundbesitz genug in Händen halten, ihn aber nicht bearbeiten, sondern ihn meist einfach als Ware oder Vergnügungsobjekt betrachten und benutzen. Daß da von „Schollengefühl" nicht die Rede sein kann, ist wohl ohne weiteres klar. Deshalb hält man uns auch trotz aller Beweise vom Gegenteil immer noch für sehr unsichere Kantonisten. Dann gibt der Landbesitz aber auch größere Rechte und verleiht größere politische Macht. Das ist zwar nicht ganz in der Ordnung, aber es ist nun einmal nicht so leicht zu ändern. Der deutsche Jude muß also, soll er ein wirklicher Vollbürger seines Vaterlandes — soll dieses ihm wirklich Heimat sein — deutschen Boden im Schweiße seines Angesichtes beackern. Hier mag gleich auf einen Punkt eingegangen werden, den wir ja leider nicht aus den Augen lassen können, wenn wir über unser Schicksal sprechen. Viele Freunde des Ackerbaues unter uns erwarten, daß, wenn wir jüdische Bauern, haben, der Antisemitismus schwinden werde. Diese schöne Hoffnung kann ich nicht teilen. Die Antisemiten werden wie noch immer, wenn wir einen Schritt vorwärts getan haben, uns mit Schmutz zu bewerfen versuchen. Aber wir sind ja! zum Glück so weit, daß wir diese Sorte Menschen nicht um j ihre Mmnung zu fragen brauchen, wenn wir unsere eigenen I Angelegenheiten ordnen, wie es. uns paßt. Wir nehmen aber einem wichtigen Argument unserer Feinde selbst den Schein der Berechtigung. Niemand wird es wagen, von einem tüchtigen jüdischen Bauern zu sagen, er könne oder wolle nicht arbeiten. Sie werden uns die Erfolge, die wir sicher auch auf diesem Gebiete erringen werden, nicht gönnen; aber Mißgunst hat uns noch nie viel geschadet. Darauf können wir's getrost ankommen lassen. Einfach ist nun aber die Sache in ihrer Durchführung keineswegs, im Gegenteil. Es ist ebenso schwierig, junge Juden zu Bauern heranzubilden, als sie später beim Beruf zu halten und sie endlich selbständig zu machen. Doch mit diesen Fragen und mit anderen, die damit Zusammenhängen, ivill ich mich in weiteren Artikeln eingehender auseinandersetzen. Die Woche. Berlin, den 20. Mai 1913. ie W a h l m ä n n e r w a h l e n z u m - p r e u ß i s ch e n Landtage haben stattgefunden. Die jüdischen Wähler haben hoffentlich in der Richtung, die wir ihnen empfahlen, ihre Pflicht getan. Man hat sich von verschiedenen Seiten um sie bemüht; selbst konservative Generäle, die sonst Berührungen mit Juden nicht gerade aufsuchen, sind auf jüdischen Stimmenfang ausgegangen. Das Resultat der Wahl, soweit es sich bis jetzt, bei der ungeheuren Zahl der nötigen Stichwahlen übersehen läßt, ist das erwartete. Ein Sieg des Freisinns, auf den man nicht hoffen konnte, ist nicht erfolgt. Die Parteien werden ungefähr ihren Besitzstand behalten. Die Antisemiten haben bisher kein Mandat erhalten; sie kommen nur ein einziges Mal in Stichwahl. * „Der deutsche Jude in der Armee. Ein Wort für Rechtsgleichheit gegen Vorurteil und Unrecht" lautete das Thema, worüber Reichstagsabgeordneter Dr. L ud w i g Haas am letzten Sonnabend abend im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach. Freilich kann diese so. oft und eingehend von den verschiedensten Rednern behandelte. Frage kaum mehr neue Gesichtspunkte bieten, aber man muß sagen, daß der Vortragende in seiner temperamentvollen Art es verstand, seine Zuhörer dadurch zu fesseln, daß er ihnen die rechtliche oder — richtiger —die unrechtliche Seite der Sache in packenden Beispielen vor Augen führte. Der Redner führte aus: Die Verfassung aller deutschen Bundesstaaten hat den Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz proklamiert und festgestellt, das; das Religionsbekenntnis bei der Erlangung offizieller Aemter kein Hindernis sein darf. Das sind alles gute und schöne Grundsätze, schlimm ist nur die Tatsache, daß sie nicht voll -in die Praxis umgesetzt wurden. Leit mehr >als dreißig Jahren werde kein Jude Offizier oder Reserveoffizier im preußischen Kontingent. Um das zu erreichen, hat man verschiedene Methoden angewendet. In manchen Regimentern hat man jüdische Einjährige von vornherein nicht zum Ofsiziersunterricht zugelassen. Das war wenigstens eine ehrliche, offene Methode. Es war das freie Bekenntnis, daß man die Verfassung nicht respektieren wolle. Tausenden jüdischen Einjährigen aber ist