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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 unterwarf sie der Aushebung. Die Veränderungen, teilweise verwirklicht, gäben mir viele Soldaten, und zwar sehr tapfere! , Wäre ich auf dem Thron geblieben, so wären die. Juden in großer Zahl gekommen, die französischen Länder zu bewohnen und den Schutz unserer guten Gesetze zu genießen, glücklich, emporgehoben, reich und tätig zu werden. Mein Wunsch' war Begründung allgemeiner Gewissensfreiheit. Ich wollte keine vorherrschende Religion, also Landeskirche, sondern Duldung aller Bekenntnisse, das war mein System. Jeder sollte nach seiner Art denken und alle Menschen, Protestanten, Katholiken, Mohammedaner, Deisten usw., gleich sein. Und zwar durste die Religion keinerlei Einwirkung auf die Verteilung der Negierungsämter haben, weder die Annahme noch Zurückweisung eines Antragstellers beeinflussen. Um. einem Männe eine Stellung zu geben, sollte sein Glauben zu keinerlei Erwägungen berechtigen, wenn er nur im. übrigen tüchtig war. . Ich' erlöste also alles aus der Abhängigkeit von der. Religion. Die Gerichtshöfe, Eheschließungen, ja selbst die Friedhöfe blieben nicht länger zur Verfügung.der Priester, und sie konnten nicht mehr die Bestattung eines Andersgläubigen verbieten. Ohne Rücksicht auf irgendwelche Religion wollte ich alles staatlich machen, was dem Staat und der Verfassung angehörte. Den Priestern beabsichtigte ich keinerlei Einfluß oder Macht aus bürgerliche Angelegenheiten einzuräumen, hingegen sie zur Erfüllung ihrer geistlichen Pflichten anzuhalten, ohne sich um fremde Dinge zu kümmern." Diese Ausführungen Napoleons — objektiver noch als die sonstigen Ergebnisse dieser sehr vertrauenswürdigen Quellen, lesen wir deutschen Juden kaum ohne Wehmut. Das moderne Frankreich hat fast hundert Jahre, nachdem sie ausgesprochen wurden, alle sittlichen und geistigen Kräfte zusammenraffen müssen, ihre Realisierung im wesentlichen durchzusetzen. Daß die französischen Juden dabei tätig mitkämpsen dursten — ich nenne nur den verewigten Großrabbiner Zadok Kahn — ist ein Ehrentitel für sie und wiederum ein Teil jenes Dankes, den sie dem organisatorischen Genius Napoleons schulden. Georg I. Plotke, Madrid. Litersrilche Mitteilungen. D-i e Iüdische Gemeinschaft. Reden und Aufsätze über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes. Herausgegeben von Dr. A r o n E l i a s b e r g. „Begriff und Pogrom einer jüdischen Nationalliteratur" von Moritz Goldstein. Jüdischer Verlag, Berlin. Die neue Schrift von Goldstein ist wohl ziemlich das ödeste und sinnloseste Gerede, das man sich denken kann. Daß der Autor derartigen Nonsens schreibt, ist seine Sache; daß der Herausgeber einer Sammlung eine solche Schrift aufnimmt, ist. unbegreiflich. Unter deutscher Nationalliteratur versteht, jeder Vernünftige die Literatur des deutschen Volkes von Deutschen in deutscher Sprache geschrieben, die sich, wenn auch keineswegs immer, so doch vorzugsweise mit deutschem Stoffen beschäftigt. Jüdische Nationalliteratur müßte daher folgerichtig eine von Juden in jüdischer Sprache über jüdische Stoffe geschriebene sein. Darüber zu reden, ist jedoch der Verfasser in keiner Weise berufen, weil er am Anfang seiner Schrift selbst sagt: „weder bin ich des Hebräischen, noch des jüdisch-deutschen mächtig, noch sind mir die in diesen Sprachen niedergelegten Literaturwerke vertraut, noch auch habe ich dem sonst von Juden in irgendeiner, zum Beispiel in deutscher Sprache geleisteten bisher besondere Studien widmen können." Er setzt dann auseinander, daß das Bibel-Hebräische und Jüdisch-Deutsche, von denen beiden er nach seinem eigenen Bekenntnis nichts versteht, zu einer Literatursprache nicht geeignet seien und folgert daraus, daß der jüdische Dichter in der Spräche schreiben solle, welche er als Muttersprache schreibt. Das also nennt man Nationalliteratur. Bleibt noch der Stosf. Dabei orakelt der Verfasser von Shylock, Nathan, Jüdin von Toledo, ohne zu ahnen — und von. deutscher oder englischer Literatur könnte der Verfasser doch vielleicht etwas verstehen —, daß das gar keine nationalen Stoffe sind, sondern daß sie bedingt sind durch das Zusammenleben mit anderen Nationen. Er empfiehlt dann ferner als Stoff einer Nationalliteratur „das Recht der Juden, die Juden anzugreifen", so wörtlich zu lesen Seite 17. Empfiehlt sodann den jüdischen Humor (wozu wir selbstverständlich erst die Empfehlung des Herrn Goldstein brauchen) und gebraucht einige. Phrasen, die man als höchst unbedeutend bezeichnen muß: „man solle den Juden die Geschichte heroisch machen" und „wir wollen das jüdische Heldenidal". Ferner verdient niedriger gehängt zu werden, daß, bevor der Verfasser von Idee und Inhalt der jüdischen Nationalliteratur spricht — auf ganzen 7^ Seiten —er vier Seiten . dazu brauchtum „die Organisation der jüdischen Produktivität herzustellen", das heißt um Geschäfte zu machen. Und eine solche Prophetie wagt uns ein jüdischer Verlag als Reorganisation der Literatur zu bieten. L. G. * — Geschichte der Weltliteratur. Von Dr. Carl Busse. In zwei Bänden. Zweiter Band: Mit 439 Abbildungen im Text und 25 Einschaltbildern. Bielefeld und Leipzig. 1913. Verlag von Velhagen und Klasing. ' " ' - Im allgemeinen liebe ich Geschichten der Weltliteratur nicht, weil sie meist öde Zusammenstellung von Namen, Kompilationen ohne eigenen Geist sind. Das vorliegende Buch ist geeignet, mich von dieser Antipathie zu heilen. Zunächst ist es wundervoll ausgestattet, freilich auch nicht billig, denn der zweite Band allein kostet 20 Mark. Es sind nicht nur die üblichen Illustrationen, die man allerwegen findet, sondern sorgfältig ausgewählte, zum Teil ganz unbekannte oder wenig bekannte Bilder, außerordentlich wichtige Faksimiles von Büchertiteln und Briefen. Sodann legt sich das Buch eine gewisse Beschränkung auf, berücksichtigt zum Beispiel bei dem 16. bis 18. Jahrhundert im wesentlichen nur die Literatur der westlichen europäischen Völker und geht nur im 19. Jahrhundert^ auch auf die nördlichen und östlichen ein. Dann hält es sich fern von bloßen Nomenklatura, hebt dagegen die'Hauptsachen um so entschiedener hervor. Ich bin natürlich nicht imstande, ein Buch von 1800 gedruckten Seiten genau zu lesennoch weniger an dieser Stelle im einzelnen zu besprechen, aber was ich gelesen habe und aus eigener Kenntnis beurteilen kann, hat mir ganz außerordentlich gefallen. Den Abschnitt über Goethe finde ich trefflich geschrieben, ausgezeichnet disponiert. Was mich' aber bestimmt, in diesem Blatte von dem Buche zu reden, das sind die Abschnitte über Berthold Auerbach und Heinrich Heine. Zwei volle Seiten über Auerbach in einem, einen so großen Zeitraum umfassenden Buche sehr viel. Wie schön wird der Werdegang des merkwürdigen Mannes gewürdigt, wie schön wird namentlich sein Deutschtum hervorgehoben. Auch der Abschnitt über Heine verdient alles' Lob. Er ist ein entschiedener Protest gegen antisemitische Verkleinerung, eine enthusiastische Würdigung des Menschen und Dichters, die energisch Verwahrung dagegen einlegt, ihn von seiner Stelle als der des hervorragendsten Lyrikers unter den neueren verdrängen und durch andere, zum Beispiel Mörike, ersetzen zu wollen. Das Buch verdient daher auch in unseven Kreisen die wärmste Empfehlung. L. G. * — Joel Gern. Der Werdegang eines jüdischen M a n n e s. Von Kopi, Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann. 1912. Preis 1.20 Mark. Wenn man den Titel des Buches liest, meint man, man würde bekanntgemacht mit den Problemen der heutigen Entwicklung und den Kämpfen der jetzigen Zeit. In dieser Beziehung enttäuscht das Buch, aber es ist eine nicht übel geschriebene, gut gedachte und verständig durchgeführte Entwicklungsgeschichte eines jüdischen Jünglings aus einen: kleinen Orte, des Sohnes eines gelehrten Vaters und einer vortrefflichen Mutter. Der Junge spürt religiöse Zweifel in sich regen, wird durch den Antisemitismus zum Kämpfer, ohne doch die rechte Kraft dazu zu besitzen, spürt die Liebe zu einer treuen Jugendgenossin, einer Tochter des Talmudlehrers, von der er übrigens bald erkennt, daß diese Empfindung eine Verirrung war, bis er schließlich wieder in sich einig geworden, als schlichter, gelehrter Rabbiner in einer kleinen Gemeinde.friedlich und in sich gefestigt lebt. Das ist ja heutzutage nicht'die gewöhnliche Entwicklung unserer jungen Leute, aber sie wird won dem Verfasser' einigermaßen glaubhaft gemacht. Sowohl die Figur des eigentlichen Helden, als die eines anderen Jünglings aus demselben Städtchen, der einer der ersten Lauen der Gemeinde wird, die ersten Zweifel in der Brust des Jünglings wachruft, schließlich aber wenigstens äußerlich jüdischen Anschauungen wiedergewonnen wird, ist ganz gut durchgeführt. Im allgemeinen wird man sagen müssen: Die Welt malt sich in dem Kopfe des Autors etwas eigenartig, die Zeit pocht hier nicht gebieterisch mit ihren Mahnungen und ihren Forderungen an den Geist der Lebenden, aber es ist ein stillumfriedetes Gebiet, in das der Autor den .Leser lockt und man folgt gern seinen anspruchslosen Schilderungen.

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