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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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Zunächst wunderte sich der lahme GumPel, Schaje Pfeifers Leibkutscher, daß er den Schlüssel zum Pserdestall nicht an dem gewohnten Platze unter Schajes Kopfkissen gefunden, der erst nach vielem Suchen unter Meier Stumps Strohsack zum Vorschein kam. Seine Verwunderung nahm aber noch zu, als er den Stall betrat und die Pferde keuchend, in Schweiß gebadet und kurzatmig stehen sah. Sollte etwa Haman eins davon genommen haben, um Mordechai durch alle Gassen in Schuschan reiten zu lassen, wie das schöne Bild in der Megille es zeigt. Ja, dann wäre es doch ejn heiliges Pferd geworden und dürfte nicht mehr in einem gewöhnlichen Stall stehen. Kein Wunder, daß es so abgejagt war, denn der Weg nach Schuschan war weit. Aber Haman brauchte doch nicht zwei Pferde. — — Die Sache schien nicht ganz richtig. Am nächsten Tage wieder mußte sich Meier Stump wundern, daß er an der Stelle seiner „Kabolo", wo früher das schöne rote Siegel prangte, jetzt ein funkelnagelneuer Fünsrubelschein mit einer Stecknadel befestigt war. So viel hätte er als Schochet in drei Monaten nicht verdienen können.- Wer mag das getan haben? Wirklich rätselhaft. Am folgenden Sabbat wiederum wunderte sich die ganze Khille, was es zu bedeuten habe, daß Baum sich „ausrufen" ließ, wobei er den Segen für Errettung aus großer Gefahr verrichtete und fünf Rubel für die Armen spendete. Aus welcher Gefahr wurde er errettet, und woher hatte er das viele Geld genommen. Dahinter scheint ein Geheimnis zu stecken. Zu gleicher Zeit aber mußte sich die ganze Umgegend wundern, welcher böse Geist wohl in die sonst so ruhige und friedfertige Bevölkerung Chammerows gefahren, daß alle Bauern sich plötzlich weigerten, die übliche, seit undenklichen Zeiten eingeführte Fronarbeit zu verrichten, die fortwährend von einem Kaiserlichen General und Freiheitsurkunden faselten und sogar mit Heugabeln und Sensen sich bewaffneten, als der Inspektor sie mit der Peitsche zur Arbeit zwingen wollte, bis aus Minsk das Militär geholt wurde und die Hauptschreier eingesperrt I wurden. Was soll das nur bedeuten. Gewiß böse Zeiten, da die! Bauern rebellisch werden. Am meisten jedoch mußte Klotz selbst sich wundern, daß die Tränen und die Gebete einer armen Witwe im Himmel so hoch ausgenommen werden, um einen Engel zu bewegen, zur Erde niederzusteigen und einem Meschorer bei einem lustigen Streich beizustehen, den Rabbi Jossele sicherlich nicht gebilligt haben würde, der aber doch durch die Not geboten war; durch die Not, die ja erfinderisch macht, die neben einem „Hauptmann von Köpenick" auch noch einen „General von Chammerow" zur Welt gebracht. Lelkkrüchtr. Uns einer alten Zeitschrift. „Nürnberger Blätter für öffentliches Leben, Literatur und Kunst", 1830, herausgegeben von R. O. Spazier (von diesem Jahrgang hat nur nur Nummer 1, Juli und August, Vorgelegen.) 1831 erschien die Zeitung unter dem Titel „Nürnberger Blätter, Literarische Zeitschrift aus und für Süddeutschland". Der Jahrgang 1830 wurde nur bis November fortgesetzt, weil Spazier aus Nürnberg ausgewiesen wurde; der Jahrgang 1831 wird von der Verlagshandlung geleitet, obgleich Spazier als Hauptmitarbeiter weiter tätig ist. Mit dem Ende 1831 hört die Zeitschrift auf. Im Jahrgänge 1831, Nummer 87—89, stehen drei Aufsätze von Niber, „Die Juden aus dem polnischen und hessischen Landtage", in dem besonders auseinandergesetzt wird, daß der Hausierhandel nur denen überlassen werden sollte, die den Besitz von 10 000 Talern Nachweisen; alle anderen Juden müßten zu einem Gewerbe oder Handwerk veranlaßt werden, ein methodischer Religionsunterricht muß eingeführt werden. Biel wichtiger als dieser Aussatz ist ein anderer in derselben Zeitschrift 1830, Nummer 10, 4. August 1830. „lieber die Beschwerden einiger Landräte über die Juden in Bayern". ' In diesem wird stark über den Hausierhandel und den Wucher der Juden geklagt. Einmal heißt es: „unwillkürlich fallen lins bei solchen Beschwerden Ludwig Börnes teilweis wahre Witzworte ein: die Juden würden von den Christen nur darum gehaßt, weil sie mehr Profit zu machen verständen." In dem Aufsatz werden zwei jetzt verschollene Schriften genannt. Die eine führt den Titel „gründliche Darstellung über das Erziehungswesen der Juden", Darmstadt 1829 (von einem hessischen Juden); die zweite heißt: „Graser, das Judentum und seine Reformen", Bayreuth 1828. In der letzteren Schrift werden folgende Vorschläge gemacht: erstens, ein jüdisches Oberkonsistorium müsse eingerichtet werden, zweitens, „eine jüdisch-theologische Fakultät aus den Universitäten, deren vorzügliches Geschäft Kritik und Sichtung der Talmudlehrsätze wären", drittens zweckmäßige Einrichtungen in den Talmudschulen viertens eine vollständige Uebersetzung des Talmud, fünftens ein verständrger Auszug aus dem Talmud, sechstens ein jüdischer Landkatechismus. Im einzelnen soll natürlich hier nicht über diese merkwürdigen, zum Teil seltsamen Forderungen gehandelt werden, sehr bemerkenswert ist nur, daß in diesem, offenbar von einem Christen herrührenden Aufsatze eine jüdisch-theologische Fakultät beantragt, also eine Forderung erhoben wird, die von jüdischer Seite, und zwar von Ludwig Philippson und Abraham Geiger, öffentlich erst 8 Jahre später, im Jahre 1838, geltend gemacht wurde. % Der Roman, über den ich in Nummer 7 eine Notiz brachte, führt den Titel „Charlotte Sampson oder Geschichte eines jüdischen Hausvaters, der mit seiner Familie dem Glauben seiner Väter entsagte. Eine Geschichte der neuesten Zeit. Berlin bei Joh. Friedr. Unger 1800." 240 S. Auf eineni besonderen Blatte steht dann die Widmung: „Den jüdischen Sendschreibern voll Hochachtung geweihet von dem Verfasser." Der Roman ist ein höchst trauriges Machwerk. Ein christlicher Kaufmann verliebt sich in ein jüdisches Mädchen, die Tochter des Herrn Sampson, der das bekannte Sendschreiben David Friedländers an den Probst Teller unterschrieben hatte. Der Kaufmann flüchtet mit seiner Braut zu einem Prediger Wartenfels in der Nähe Berlins. Durch dm Pfarrer benachrichtigt, kommen die Eltern | Sampson nebst einem Rabbiner Mareus und seiner Tochter Sophie I gleichfalls in das Dorf, in dem der Pfarrer amtiert. Der wesentliche Teil des Romans besteht nun in Unterredungen über das Sendschreiben, in denen trotz mancher' Lobpreisung für die „ehrwürdigen" Verfasser jenes Schriftstückes die Unmöglichkeit dargetan werden soll, einer Vernunstreligion ohne die Taufe sich anzuschließen. Die Folge dieser Unterredung ist, daß der alte Sampson mit seiner Tochter, auch der Rabbiner mit der seinigen sich taufen läßt; das flüchtige Brautpaar wird getraut und auch Sophie und der Pfarrer werden ein glückliches Paar. Der Roman ist ein höchst jämmerliches Werk,. auf das näher einzugehen sich nicht lohnt. Man wird jedenfalls gut tun, die kulturhistorische Bedeutung jenes ernstgemeinten Sendschreibens nicht nach diesem verständnislosen Kommentar zu beurteilen. L. G. . * In dem Memoirenwerk „Napoelon1 dans 1’exiT, das seit einiger Zeit in wohlfeilen Ausgaben wieder viel in Frankreich gelesen wird, läßt OM eari, der Leibarzt des Kaisers, den Gefangenen auf die Frage, warum er die Juden beschützt habe, folgende Antwort erteilen, die ich übersetzt wiedergebe: „Die vielen Juden der von mir beherrschten Länder hoffte ich dadurch, daß ich ihnen die Freiheit und dieselben Rechte wie Katholiken und Protestanten schenkte, vom Wucher und den Fehlern, die sie entehren, zu entfernen. Ich habe, glaube ich, Erfolg gehabt. Ich hatte überlegt, daß ich durch menschenwürdige Behandlung ihre üblichen Anlagen abschwäch'en konnte; denn ihre Rabbiner verbieten ihnen den Wucher gegenüber der israelitischen Gemeinschaft, obwohl er erlaubt und selbst eine Pflicht gegenüber den christlichen Bekenntnissen ist, und zwar, weil diese sie unterdrücken. Folgendes also beabsichtigte ich: Ich gab ihnen beispielsweise die bürgerliche Gleichberechtigung mit meinen übrigen Untertanen; demgemäß hielten sie mich wohl für einen ihrer Wohltäter, für einen Salomon. Die Uebertragung der bürgerlichen Gleichberechtigung mußte sie dazu bringen, die Franzosen als Brüder anzusehen. Weder jene, noch mich hätten sie folglich weiterhin auswuchern wollen, und das war ein bedeut- * sames Ergebnis, das ich erst nach langen Jahren erhoffte. Ich ließ sie dieselben Steuern wie die übrigen Untertanen bezahlen, und ich

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