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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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288 behandelt wird, die zahlreichen Fälle, in denen Damen jüdischer Geburt, besonders aus Deutschland und Oesterreich, durch Ehen mit italienischen Katholiken zu Adelstiteln gelangt sind, nicht berücksichtigt. Sind sie und ihre Nachkommen -doch ohne weiteres für das Judentum verloren! Drr General von Chammrrvw. Purimhumoreske von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Schluß.) aum, um des Himmels Barmherzigkeit willen," flüsterte er diesem zu, „laß die Pferde laufen, was sie nur laufen können, damit wir bald fortkommen". Jetzt, nachdem der Strerch gelungen, da kam ihm erst die Größe der Gefahr zum vollen Bewußtsein. Er glaubte, daß das Herz ihm aus dem Leibe gefallen und das Blut in seinen Adern zu Eisklumpen erstarrt wäre. Er hatte den Fuß gerade auf die Wagendeichsel gesetzt, als ein lautes Schreien und Rusen entstand. Mit wahnsinniger Angst kam ein Mann hergelaufen, der mit den Händen in der Luft herumfuchtelte und fortwährend auf den Wagen deutete. Klotz und Baum waren einer Ohnmacht nahe, beide waren sie leichenblaß und nicht fähig, sich von der Stelle zu bewegen. „Gnade! Barmherzigkeit! Exzellenz! Hochwohlgeboren!" winsele und keuchte der Mann, als er nähergekommen war. „Habt doch Erbarmen und geht nicht fort, ohne auch meinen Namen einzutragen. Ich war gestern lange hiergeblieben und habe deshalb heute lange geschlafen, bis mein Bruder zu mir kam, um mir von dem großen Glück zu berichten. Ach, um aller Heiligen willen, nehmet auch meinen Namen mit auf, damit ich nicht allein in«der Sklaverei bleiben muß, während die anderen den ganzen Tag in der Schenke bleiben können." Klotz mußte noch einige Augenblicke warten, bis sein eigener Atem etwas ruhiger ging, bis er feiner eigenen Stimme trauen durfte, während der Mufchik mit Händen und Füßen zappelte. Dann sprach Klotz streng und barsch: „Wie heißt du?" Einstweilen hätte er überhaupt nicht mehr hervorbringen können. „Iwan Wladimir Skokowsk, Hochwohlgeboren und Exellenz, ich bin hier der Abdecker, Hochwohlgeboren." Klotz hatte sich inzwischen wieder gesammelt. Er behielt die strenge Miene weiter bei und ries: „Iwan, du sollst deine Freiheit haben, so gut wie die andern. Für deine Nachlässigkeit aber mußt du außer der Steuertaxe noch einen Rubel als Strafe zahlen." Gott sei Dank. Endlich war auch dieses überstanden, und unsere Freunde hatten sogar noch einen Rubel extra, auf den sie gar nicht mehr gerechnet. Aber beide stimmten darüber ein, daß dieser schwerer und ängstlicher verdient war, als die andern alle zusammen. Auf diese Weise mochten sie keinen zweiten mehr verdienen.- ~ Als sie bereits eine große Strecke auf dem Heimwege zurückgelegt hatten und die Maskerade unter Stroh und Heu versteckt, zählten sie die Einnahme. Es waren hundertundsiebenundzwanzig Rubel-genau so viel, wie Achaschwerosch Länder besaß-außerdem aber noch vier falsche Münzen, die die Muschiks eingeschmuggelt hatten. Mit scheinbarem Ernst fragte Klotz, ob sie nicht lieber zurückfahren sollten, um den betrügerischen Muschiks für diese Schwindelei eine besondere Lektion zu erteilen.-Doch Baum sträubte sich mit Händen und Füßen, und so unterblieb es. Ihre Freude über die Einnahme war zwar riesengroß, dennoch wollte sich auch nicht eine Spur von einem Lächeln aus ihren Lippen zeigen, und nur erst als sie den Kirchturm von Tomalow erblickten, erst als sie Pferde und Wagen wieder an Ort und Stelle gebracht hatten, erst da fühlten sie einen schweren Mühlstein sich von ihrer Brust wälzen. In der Stadt begegneten sie keinem Menschen; es war gerade um die Mittagszeit und jeder blieb da zu Hause, um die öreizipfeligen Fleischkrapsen nicht kalt werden zu lassen, die am Purim das Nationalgericht für alle jüdischen Kinder bilden. Sie lieferten, die geliehenen Sachen bei Chaskel wieder ab, ohne auf dessen Anzapfungen einen anderen Bescheid zu geben, als den, daß sie die Absicht hatten, heute abend, bei der Sude, ein lustiges Theaterstück aufzuführen, doch bei Rabbi Josseles Verbot es als aussichtslos wieder ausgegeben. Sie begaben sich jetzt zu Schaje Pfeifer. Aus -dem ganzen Wege aber konnte es Baum nicht unterlassen, seinem Kameraden bewundernde Seitenblicke zuzuwerfen, wie etwa ein Sterblicher es tun würde, der eine lange Zeit neben einem Halbgott gewandelt wäre, um es erst später zu erfahren.- Das Mittagsmahl war eben beendet, und alle Meschorerim waren noch anwesend. Schaje hatte sich heute nobel gemacht und seine ganze Garde zum Diner eingeladen. Ungesehen von den anderen zählte jeder jetzt feine Einnahme, um das Ergebnis der Sammlung festzustellen. Die Ernte war nur spärlich ausgefallen. Baums und Klotzs Sündhaftigkeit wirkte noch nach, und mancher Baal-Boes ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, seine Frömmigkeit auf diese Weise zu bekunden. Jeder der Meschorerim hatte kaum zwei Rubel zusammengebracht; Meier Stump allerdings fast drei -- — dafür aber hatte er eine Beule am Kopf und einen blauen Fleck an der Stirn rnit in Kauf nehmen müssen. Wie er zu dem letzteren kam, blieb anfänglich ein Geheimnis; später allerdings erfuhr man, daß er zu einem bettlägerigen Manne in die Bodenkammer hinaufgeklettert war und sich weigerte, von dannen zu weichen, bis er seine Spende bekommen, die er von jedem einzufordern sich für berechtigt hielt. Es war dieses in demselben Hause, wo .Chaskel wohnte, und als dieser den Spektakel hörte, hatte er den Frechling ohne weiteres am Kragen genommen und mit einem derben Fußtritt die Treppen hinunter besorgt. „Aha! Da kommen die Millionäser." spottete Meier, als unsere Freunde das Zimmer betraten. „Habt ihr denn viel eingenommen? Man hat euch doch den ganzen Tag nicht gesehen. Habt ihr etwa auf dem „Guten Ort", zwischen den Leichensteinen gesammmelt?" „Das könnte schon sein", erwiderte Klotz ernst. „Möglich, daß die Toten auch mehr Erbarmen haben als manche Lebende, die ihren Nebenmenschen hinterrücks in eine Grube stoßen und hinterher über sein Mißgeschick noch spotten. Was aber meine Einnahme anbelangt, so höre nur" —er klimperte laut mit dem Gelde in der Tasche-„in jedem Falle habe ich soviel eingenommen, daß ich dir noch ein paar Groschen für ein Pflaster schenken kann." Er warf ihm ein paar Münzen vor die Füße, die aber aufzuheben Meier Stump doch nicht frech genug war. Eine Weile stocherte Klotz in den Ueberresten der Mahlzeit herum, was Meier wieder zu einigen spöttischen Bemerkungen Veranlassung gab. Aber Klotz gab ihm keine Antwort. Was lag daran, ob er ein gutes Mittagbrot aß oder nicht. Es ist ja nicht das erstemal, daß er hungerig ist, und wenn Gott ihn am Leben und gesund läßt, wird es auch nicht das letztemal sein. Er war satt und vollbefriedigt durch das Bewußtsein, daß seine Mutter nicht hungern brauchte und viele gute Tage verleben könnte. Das Abenteuer in Chammerow hatte aber damit noch nicht sein Ende erreicht, sondern hat noch später eigenartige Folgen gezeitigt und zu mannigfacher Verwunderung Anlaß gegeben.

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