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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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Drittel sogar Unterstützungen aus den.von altersher bestehenden jüdischen Wohltätigteitsanstalten erhält, ist seit der napoleönischen Zeit, also seit etwa einem Jahrhundert, eine Aristokratie des Geldes und des Geistes in der Bildung begriffen, die seit der völligen Gleichstellung der Israeliten mit ihren christlichen Mitbürgern im neuen Königreich Italien, also seit einem halben Jahrhundert, noch mehr an Zahl und Bedeutung zugenommen hätte, als es tatsächlich der Fall ist, wenn nicht gerade sie eine Vorstufe für die sogenannte Assimilation, in Wirklichkeit Absorbierung des jüdischen Elements durch das katholische, bilden würde. Um es deutlicher auszudrücken: Mischehen mit Sproßlingen dieser jüdischen Geistes- und Geldesaristokratie werden von katholischer Seite sehr gern eingegangen;' ja man erleichtert sie sogar von seiten der herrschenden Kirche in liberalster Weise. Ist man doch sicher, die Erzeugnisse solcher Mischehen werden der alleinseligmachenden Kirche angehören! Wie bei jeder Aristokratie des Geldes ist auch bei der jüdischen Italiens die Tendenz vorhanden, ihren Besitz für alle Zukunft zu befestigen. Da aber aus der Apenninenhalbinsel Majorate und Primogenituren, soweit wirtschaftliche Verhältnisse in Betracht kommen, zum Segen der Menschheit längst abgeschasst sind, so sucht man wenigstens durch Erlangung erblicher Adelstitel etwas Dauerndes in die Familie hineinzubringen. Man meint, sollte selbst einmal ein Zweig derselben in eine schwierige ökonomische Lage geraten, so wäre eine Auffrischung des Wappenschildes durch eine „gute Partie" unschwer zu erlangen. Außerdem erleichtert ein Adelstitel, wenn er auch im demokratischen Italien zur Erlangung von Aemtern, Würden und Pfründen im Staatsdienste nichts nutzt, ooch den Eintritt in die höchsten Kreise der Gesellschaft. So erklärt sich denn wohl die verhältnismäßig große Zahl israelitischer Familien, welche feit dem Jahre 1860 vonden Königen Italiens das Recht erlangt haben, sich mit Adelstiteln zu schmücken; meist nach Aufwendung bedeutender Mittel für gemeinnützige Zwecke. Als verhältnismäßig groß ist die Zahl der jüdischen Adelsfamilien Italiens zu bezeichnen, wenn man in Betracht zieht, daß die etwa 20 Familien bei einer jüdischen Bevölkerung von nur 45 000 Seelen mehr als 60 jüdischen Adelsfamilien allein in Groß-Berlin entsprechen würden! Wie würden die preußischen Junker und Antisemiten sich empören, wenn der germanische Adel in dieser Weile „verunreinigt" würde! Zur Ehre des italienischen Königshauses und der italienischen Regierung muß noch bemerkt werden, daß die Verleihung solcher Adelsprädikate niemals von der Aenderung der Religion oder des Namens abhängig gemacht worden ist. Umgekehrt: Um, sozusagen, gar keinen Zweifel über die jüdische Abkunft dieser Familien aufkommen zu lassen, ist in den offiziellen Adelsregistern, welche vom italienischen Heroldsamt herausgegeben werden, und auf welche sich unsere Abhandlung hauptsächlich stützt, P a l ä st i n a als ihr Heimütsland angegeben. Also eine unbewußte Anerkennung der zionistischen Auffassung! Und nicht weniger als vier von den zwanzig geadelten Familien tragen noch heute ihren ursprünglichen Namen Levi. Instruktiv ist eine Betrachtung der Verteilung dieses modernen jüdischen Adels auf die einzelnen Landesteile, wobei wir als Heimat der Familien diejenige Landschaft betrachten, in der sie wohnten, als sie den Titel emstsingen. Es zeigt sich nämlich, daß das ehemalige Königreich Neapel, der ehemalige Kirchenstaat, sowie die Insel Sardinien frei von solchen Familien sind; was sich daraus erklärt, daß in diesen Landschaften bis vor zwei Menschenaltern Juden gar nicht oder nur in überaus gedrückter Stellung wohnen durften, also auch keine großen Kapitalsbildungen, eines der Elemente zur Erlangung des Adelstitels, stattfinden konnten. Gerade die schon seit längerer Zeit vorhandenen Kapitalsbildungen sind dagegen > wohl die Ursache, daß sich der genannte Adel vorwiegend in Piemont, dem Venezianischen und in Toskana vorfindet. Und zwar ist er nirgends so zahlreich als in der zuerst genannten Landschaft, wozu auch persönliche Beziehungen zum herrschenden Königshause, welches derselben Landschaft entstammt, beigetragen haben. Nicht weniger als acht israelitische Familien schmücken sich dort mit Ädelskronen, und eine unter ihnen, die der Ottolenghi aus Acqui (nicht zu verwechseln mit der -des verstorbenen Kriegsministers, welcher stets bürgerlich geblieben ist), hat es sogar zum Grafentitel gebracht, während sich im allgemeinen die Familien desselben Ursprungs mit dem Baronstitel zu begnügen haben. Allerdings sind die Verdienste, welche sich die genannten Ottolenghi, jetzt Erbgrafen von Vallepiana, seit Jahrzehnten um öffentliche Wohlfahrtseinri l tungen erworben haben, ganz außerordentliche; unter an: ercur schenkte der im Jahre 1904 verstorbene Graf Leonetto der Stadt Asti das Haus des Dichters Vittorio Alsieri zur Errichtung eines Museums. Eine der wenigen israelitischen Familien, welche außer den Ottolenghiin Italien noch zum Grafentitel gelangten, sind di :Sacerdoti in Venedig. Beider Grafendiplom geht auf den vorigen König Humbert zurück; er hat sich in der Verleihung von. Adelstiteln an Juden ganz besonders freigiebig gezeigt. Hoch geachtet sind in Venezien auch die Barone Treves dei Bonsili, während in Toskana der bekannteste Judenadel wohl der der Barone Franchetti, welche aus Livorno stammen, ist. Der ihr angehörige Senator Leopoldo Franchetti, eine Autorität auf dem Gebiete des Kolonialwefens, ist mit den Hallgarten in Frankfurt verschwägert; sein Bruder hat sich als Komponist einen Namen gemacht. Allerdings sind, manche Mitglieder dieser Familie bereits dem Judentume verloren gegangen, ebenso wie von der des Orientalisten Baron Giacomo Lumbroso, und wie schon der Vater des ehemaligen italienischen Premierministers Baron Sonnino. Er stammte aus Livorno, hieß mit Vornamen Jsacco, nahm aber den Beiname:! Sidney an und wurde Protestant. Treu dagegen halten an 'cm Traditionen ihrer Vorfahren, auch in bezug auf Betätigung an gemeinnützigen Werken, die aus Venedig stammenden, in Florenz ansässigen Barone Levi, deren Haupt gegenwärtig Baron Giorgio ist. Man darf sie nicht verwechseln mit den Levi aus dem im Modenesischen gelegenen Reggio. Diese sind die einzigen Israeliten, welche den Titel von Patriziern ihrer Vaterstadt führen. Der bekannteste von ihnen ist der gewöhnlich ungenau „Baron" genannte Ulderico. Die richtige Bezeichnung ist Nobile Edler. Er hat sich in den Freiheitskämpfen Italiens als tapferer Reiteroffizier hervorgetan; und es erregte in den aristokratischen Kreisen des päpstlichen Rom, einige Jahre vor 1870, nicht geringes Aussehen, als er von einigen liberal gesinnten Adligen'in ihren Salons festlich empfangen und als wackerer Kämpfer für die Einheit Italiens gefeiert wurde. Früher jahrelang Deputierter, gehört er seit 1898 dem italienischen Senate an. Mit den etwa 20 Familien, die den Königen Italiens ihren Adelstitel verdankenist die Zahl der adligen Israeliten, welche auf der Halbinsel ihren Wohnsitz haben, nicht erschöpft: Nicht nur solche, die ausländische Untertanen sind, finden sich, sondern auch einige Inländer, deren Titel aber von ausländischen Souveränen verliehen wurde; dies ist der Fall bei dem Baron Elio Morsturgo, Präsident der Handelskammer von Udine, seit Jahren Deputierter und als solcher bereits Zweimal Unterstaatssekretär: Einem seiner Vorfahren wurde der Baronstitel zuteil. In offiziellen Schriftstücken dürfen die von auswärtigen Souveränen Geadelten allerdings nur dann von dem Titel Gebrauch machen, wenn er durch das italienische Heroldsamt anerkannt ist. Natürlich haben wir bei unserem kurzen Ueberblick, in dem ein kulturhistorisch interessanter Gegenstand zum erstenmal

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