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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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näheren Umgebung den Schachergeist von seiner unangenehmen Seite kennengelernt und besaß als einseitiger Geistesarbeiter eine so verkehrte Aussassung vom Handel, in seiner pekuniären Sorglosigkeit eine so tiefe Verachtung gegen Geldverdienen, ' daß er den Erwerbssinn, den kaufmännischen Geist, den er ausschließlich oder vorzugsweise bei Juden ausgebildet wähnte, geringschätzte, ja beschimpfte. Und ferner: er hatte sich durch eifriges Streben und unablässiges Arbeiten eine deutsche Bildung, modernes Wesen angeeignet; ihm war es unangenehm zu beobachten,' daß viele Juden — man muß dabei bedenken, daß Börnes Entwicklungszeit, ja, fast seine ganze Blüteepoche fast ein Jahrhundert hinter uns zurückliegt — noch in alten Anschauungen besangen waren, die deutsche Sprache keineswegs vollkommen beherrschten pnd sich infolge ihrer Abgeschlossenheit, ihres Verkehrs untereinander durchaus nicht in einer vollkommen modernen deutschen Weise benahmen. Aber ein anderes ist diese Persönliche Abneigung gegen viele Juden, die ihn dann, was ihm höchst peinlich war, mit. dem Namen Baruch, den er abgelegt hatte, anredeten und ostentativ zu den ihrigen rechneten, ein anderes seine.Stellung zu den Juden und zum Judentum überhaupt. Betrachtet man diese, so muß man sagen, daß Börne ein gottgläubiger und ein, was nicht zu leugnen ist, von der Lehre des Ehristentums überzeugter Mann, niemals gegen das Judentum als solches aufgetreten ist. Vor allem aber^ muß man daran festhalten, daß er, sooft sich die Gelegenheit bot, für die Juden seine Stimme erhob. Wie er 1816, freilich zu einer Zeit, da er noch äußerlich dem Judentum angehörte, auf Wunsch seines Vaters gegen die geplante neue.Frankfurter Judenordnung eiferte, so hat er 1819 (nach seiner Taufe) eine ganze Anzahl Abhandlungen: „Für die Juden" geschrieben. Ja, er erklärte sich in den folgenden Jahren bereit, für die Lübecker, württembergische und bayerische Judenschaft als Schutzredner aufzutreten, freilich gegen Entgelt, was man aber dem mittellosen, von seinem Vater allzu knapp gehaltenen Schriftsteller gewiß nicht verargen wird. Des Geldes wegen allein wollte er es niemals tun, denn in seinem ganzen Leben hat er keine Zeile Wider seine Ueberzeugung geschrieben. In den angeführten Fällen kam es freilich nicht dazu, daß seine Dienste gebraucht wurden, aber die Schuld lag nicht an ihm. Fünf Jahre nach seiner Taufe erschien die Erzählung „Der Roman", ein künstlerisch nicht eben vollendetes Werk, aber eine schöne Verklärung des Judenschmerzes, die laute Klage eines ehrlichen Mannes darüber, daß ein Jude, der während des großen Krieges durch seine Tapferkeit hohe militärische Ehren errang, seines Glaubens wegen die Geliebte seines Herzens ausgeben muß. Und auch später, wo sich nur ein Anlaß fand, blieb Börne ein Anwalt der Juden. Er verfolgte genau die Ständeverhandlungen im Anfang der dreißiger Jahre und jubelte den Abgeordneten zu, die für Gleichstellung der Juden 'das Wort ergriffen. Er erfreute sich der Mannhaftigkeit Gabriel Rießers, für den er besonders. eingenommen war, da Rießer Börnes literarische Verteidigung gegen einzelne Hamburger Schriftsteller freiwillig führte, obgleich Börne es lieber gesehen hätte, wenn Rießers Schriften sich weniger an die Juden, als an die Deutschen insgesamt richteten (eine etwas seltsame Beurteilung, die Rießers Streben und Tendenzen nicht gerecht wird). Vor allem aber soll es Börne unvergessen bleiben, daß seine schriftstellerische Tätigkeit zugunsten der Juden mit den Worten begann: „Für die Juden. Für Recht und Freiheit sollte ich sagen; aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Nöt, und es bedürfte der Rede nicht." Es soll ihm ewig gedankt werden, daß er in einem schönen Briefe in der letzten Zeit seines Lebens das unvergängliche Wort brauchte: „Die Juden sollen sich wehren." Und 'jeder Jude soll, wenn er den Namen Börne erwähnt, seiner Worte gedenken, die leider heute, noch fast hundert Jahre seitdem sie geschrieben sind, ebensolche Geltung besitzen wie damals. Sie lauten: „Es wird mit der schamlosesten Heuchelei gegen die Juden zu Werke gegangen, es werden -lügnerische Behauptungen mit solcher Keckheit geführt,-daß selbst Gutgesinnte dadurch getäuscht werden, weil sie nicht glauben können, daß man sie so plump betrügen wolle. Darum will ich die Toren entlarven und den Bösewichtern ins Angesicht leuchten. . Sie werden lärmen und schwirren wie die aufgeschreckten Nachteulen. Die hochweisen regierenden Knechte werden sagen, man solle die Gemüter nicht aufreizen durch Reden. Sie meinen, wenn alles hübsch dunkel bliebe, dann sähen-sich die Feinde nicht, und sie müßten Ruhe halten. Aber besser isbs, daß die Fackel der Wahrheit als die der Mordbrennerei die Nacht erhelle. Die Wahrheit reizt, ja; denn sie ist reizend, aber sie erbittert nicht. Das Gefühl der Beschämung schmerzt, aber es führt die Schuldigen zur Neue, nicht zur Wiederholung des Verbrechens. Das aufgeklärte Volk wird einsehen lernen, daß es das Schlechte nicht einmal zu seinem eigenen Vorteile beging, sondern daß es das unredlich Erworbene einigen unersättlichen Aristokraten überlassen muß. Es wird ' begreifen lernen, daß man es zum Mißbrauche der Freiheit verleitete, um sagen zu können, daß es keiner Freiheit würdig sei, und daß man es zum Gefängniswärter der.Juden bestellt, weil die Gefängniswärter wie die Gefangenen den Kerker nicht verlassen dürfen." Die neue Ausgabe der Schriften,, die ich hier empfehlend anzeige, -erhalten einen besonderen Reiz durch den ersten vollständigen Druck, der Briese Börnes an Jeanette Wohl. Sie werden in der neuen Ausgabe mehr als drei Bände füllen. Sie sind bisher nur einmal veröffentlicht worden (in den nachgelassenen Schriften 1844 bis 1847), stehen entweder gar nicht oder nur bruchstückweise in allen erschienenen Ausgaben Börnes-. Sie werden in der neuen Ausgabe fast um die Hälite vermehrt, Jeanette Wohl, die seit 1817 mit Börne freundschaftlich verbunden., war, blieb zeitlebens — sie ist hochbetagt erst am Anfang der sechziger Jahre gestorben — eine treue Jüdin. Sie heiratete Börne nicht, obwohl dieser die Ehe sehnsüchtig begehrte, zwar auch aus mancherlei anderen Gründen, aber besonders auch deshalb, weil sie durch.einen Uebertritt zum Christentum ihre alte orthodoxe Mutter nicht kränken wollte. Sie vermählte sich 1832 mit einem jüdischen Kaufmann Salomon Strauß. (Schluß folgt.) Drr Milche Mel Italiens. Von Prof. Dr. E r m a n n o L o e v i n s o n, Rom. nach den Gebieten, welche zum ehemaligen Königreich Polen gehört haben, ist wohl Italien dasjenige Land Europas, welches im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl die meisten Adligen zählt. Schon seit der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal um die Wende des 15. Jahrhunderts, welche eine nicht geringe Anzahl derselben nach Her Apenninenhalbinsel führte, sind , dort einzelne Israeliten, zu finden, welche aus adligen Ursprung Anspruch erheben. Doch wollen wir uns hier nur mit den modernen Verhältnissen beschäftigen. Unter den ungefähr 45 000 Juden, welche Italien zählt, sind alle sozialen Abstufungen vertreten: Während die große Masse von ihnen dem kleinen Bürgerstande angehört und ein,

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