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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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Ich zeige sie hier selbst an, obwohl ich es sonst vermeide, die von mir herrührenden Publikationen, selbst wenn sie sich auf jüdische Dinge beziehen, in diesem Blatte zu erwähnen oder gar zu empfehlen. Aber bei dieser neuen Erscheinung liegt die Sache anders. Ich verteidige nicht meine Sache, sondern die eines verkannten Schriftstellers. Ich möchte meinen Lesern zu Gemüte führen, daß sie ein Anrecht auf Börne besitzen und daher die Pflicht haben, ihn zu lesen, und das können sie am besten tun, wenn sie diese neue Ausgabe sich aneignen, in der zum erstenmal der ganze Börne erscheint, nicht nur das in den früheren Ausgaben und an vielen zerstreuten Orten Gedruckte, sondern auch wirklich zum erstenmal alles das, was bisher von chm selbst oder von seinen Herausgebern unterdrückt worden war, und das nun aus seinen eigenen Handschriften mitgeteilt wird, die von den Herausgebern der neuen Ausgabe benutzt werden konnten. Als ich vor einigen Jahren Subskriptionen für diese neue Ausgabe sammelte, blieb der schriftliche Weg fast völlig erfolglos. Außer einigen persönlichen Bekannten, befreundeten Rabbinern und Vorständen der Literaturvereine zeigten sich die Juden, an die ich mich wandte, vollkommen teilnahmslos; die Sendung der Prospekte an die Logen und deren Mitglieder, besonders in Oesterreich, wo, wie man mir sagt, Börne noch ein größeres Publikum besitzen soll als im Deutschen Reich, versagte ganz. Ein Appell an die Großloge wurde mit einem ablehnenden Bescheide beantwortet. Diese Ablehnung, deren Wortlaut mir nicht mehr erinnerlich ist, wurde etwa damit begründet, daß eine neue Ausgabe Börnes nicht unterstützt werden könne, weil Börne sich habe taufen lassen. Da eine solche Auffassung nun ziemlich verbreitet zu sein scheint und gerade der Umstand, daß Börne zum Christentum übergegangen ist, ihn vielen Juden entfremdet hat, so muß ich folgende Ausführungen machen. Ich bemerke gleich zu Anfang, daß ich es als Verleumdung erklären muß, wenn etwa auf Grund der folgenden Ausführungen jemand sich zu behaupten erdreistet, ich hätte die Taufe verteidigt. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß für den gläubigen Juden derjenige, der die Glaubensgemeinschaft verläßt, als ein nicht mehr Zugehöriger zu betrachten ist. Aber so wenig Band 1, 2, 3 enthalten Jugendschriften, die dramaturgischen Blätter, die vermischten Aussätze, Erzählungen und Reisen, Band 4 und 5 werden die französischen Skizzen, Rezensionen und Aphorismen, auch das berühmte „Tagebuch", Band 6 und 7 die Briese aus Paris und „Menzel der Franzo.sensresser", Band 8 die französischen Schriften und kleine Arbeiten der Jahre 1833 ff., Band 9, 10, 11 und ein Teil von 12 die Briefe an Jeanette Wohl-Strauß enthalten. Der letzte Band soll außerdem die Briefe Börnes an Henriette Herz und die Episteln an Verschiedene von 1806 bis 1836 bringen, endlich Börnes Uebersetzung von Lamennais „Paroles d'un croyant“ sowie Nachträge und Berichtigungen. die Taufe gerechtfertigt oder auch nur entschuldigt werden soll, so sind doch mancherlei Arten von Getauften zu unterscheiden: 1. Solche, die für ihren neuen Glauben eifervoll auftreten, ohne sich zu Schmähungen der ehemaligen Glaubensverwandten hinreißen zu lassen, 2. solche, die, sobald sie den Uebergang vollzogen, mit Verachtung auf ihren Ursprung sehen und sich soweit erniedrigen, Schmähungen gegen das Judentum auszustoßen, durch niedrige Denunziation sich die Gunst ihrer nunmehrigen Genossen, denen sie immer etwas verdächtig erscheinen, zu verschaffen, ' 3. solche, die, in Glaubenssachen indifferent, eine große Wirksamkeit auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens, in Handel und Gewerbe oder als Schriftsteller sich erwerben, von manchen Seiten Neid oder Ingrimm erregen, und die nun gerade von christlichen Gegnern als Vertreter des Judentums, trotz ihrer Taufe angegriffen und verlästert werden, deren Fehler den Juden als jüdische Fehler in die Schuhe geschoben werden, 4. solche, die, solange sie Juden waren, für ihre Glaubensgenossen lebhaft eintraten, obgleich sie keine Glaubenswärme verspürten, keine innerliche Verbindung mit ihnen hatten, und die später, nachdem sie aus äußeren Rücksichten das Christentum angenommen hatten, in dem löblichen Kampfe für die Unterdrückten und Verfolgten nicht er- . müden und sich so, trotz ihrer äußerlichen Trennung, gewissermaßen als Juden.bekennen. Die zweite Klasse müssen wir verachten, die dritte bedauern, die erste und vierte können und dürfen uns nicht gleichgültig sein. Ich begreife zwar nicht einen Mann wie den berühmten Kirchenhistoriker Neander, der aus einem frommen Juden (Mendel) ein frömmerer Christ wurde, aber es wäre ungerecht, diesen ehrlichen Bekenner, diesen gläubigen Christen, zu verachten oder ihn gar zum Heuchler' stempeln zu wollen. Und auch über die verhältnismäßig wenigen Mitglieder der vierten Klasse darf man nicht einfach aburteilen. Ich wiederhole: ich billige den Glaubensübertritt in keiner Weise, aber Börne und Heinedenn sie gehören zu dieser Klasse, einfach aus unseren Reihen zu streichen, obgleich sie überall und immer als Juden denunziert werden, geht nicht an, denn es wäre höchst verkehrt, sich ihrer zu schämen. Denn eingetreten sind sie für das Judentum zu jeder Zeit, Börne noch mehr als Heine. Dem letzteren hat der verstorbene Herausgeber dieses Blattes, Gustav Karpeles, seine Lebensarbeit geweiht, und niemand hat ihm dies verdacht. Woher denn auf einmal der Groll gegen Börne? Die Antwort muß einfach sein: die Juden, die Börne nicht gelten lassen wollen, kennen ihn nicht, haben ihn nicht gelesen. Ich. gebe zu: Börne war in gewissem Sinne ein Judenfeind. Darunter ist zweierlei zu verstehen: er hatte in Frankfurt zunächst in seiner Familieaber namentlich in seiner Rabbiner Dr.^I. Stier.

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