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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
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Trotz der feierlichen Erklärung der berufenen theologischen Führer fast der gesamten deutschen I u d e n h e i t beharren jedoch dieliberalen V o r stä n d c der Großgemeinden (Berlin, Frankfurt a. M. u. a.) darauf, das „Judentum" der Richtlinien, das mit der überlieferten jüdischen Religion wenig mehr gemein hat, als gleichberechtigtes Gemeindejudentum anzuerkennen und aufrecht zu erhalten. Auch innerhalb eines freiwilligen Verbandes, wie des „Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes", dem von 2500 deutschen Gemeinden nur etwa 1000 angehören, haben die religiösen Gegensätze Zwischen Klein- und Großgemeinden in den letzten Jahren zu erbitterten Kämpfen geführt, obgleich sich eine große Reihe entschieden orthodoxer Gemeinden dem Bunde von vornherein gundsätzlich sernhält, der Einfluß der Orthodoxie also dort sehr gering ist. Daß ein derartiges Verfahren der Gesamtheit der deutschen Juden zum Schaden gereichen muß, übersehen die Fanatiker, und sie vergessen oder wollen vergessen, daß ein Schaden, der der Gesamtheit zugesügt wird, auch sie trifft. Es wird keinen Juden geben, der ein solches Verhalten nicht aufs schärfste verurteilte, da es klar ergibt, daß die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" nur ein Ziel kennt: die Zerreißung des deutschen Judentums! Berlin im Mai 1913. „Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland". Lur Lrinnrrung an h. Stemthal Unter diesen Umständen kann von einem aus Gewissensfreiheit ausgebauten Staatswesen keine Rede davon sein, die in ihrer ungeheuren Mehrheit religiös-konservativen kleineren Gemeinden durch das Mittel finanzieller Interesse mit den liberalen Großgemeinden zu einheitlichen Rechtsgebilden zu vereinigen, deren Voraussetzung die hier völlig fehlende Gleichheit der religiösen Ueberzeugüng sein müßte. Was durch freiwillige Beiträge von Gerneinden im einzelnen geschehen kann, um die schwierige Lage der kleinen Gemeinden zu erleichtern, wird seit Jahrzehnten seitens unserer Vereinigung sowohl als des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" geleistet. Allein, diese Leistungen reichen keineswegs hin, um dem immer dringenderen Bedürfnis zu entsprechen, und es rechtfertigt sich somit unsere Bitte, den Antrag Cassel- Dr. v. Campe nicht an unerfüllbare Vorbedingungen zu knüpfen, sondern ihn alsbald zum Beschluß zu erheben mit der Maßgabe, daß die Verteilung seitens der staatlichen Behörden unmittelbar an die einzelnen Synagogengemeinden erfolge. Wir verharren eines Hohen Hauses ehrfurchtsvoll ergebener Vorstand der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums". Rabbiner Dr. S. Breuer, Vorsitzender. Die Petition ist ohne Einfluß geblieben , da die Angelegenheit bei der dritten Lesung schließlich nicht mehr zur Sprache kommen konnte. Wir aber halten uns für verpflichtet, ohne zurzeit auf seinen Inhalt näher einzugehen, dieses Dokument eines religiösen Fanatismus niedriger zu hängen. Endlich einmal war Aussicht vorhanden, für die Juden einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit gegen widerstrebende Einflüsse durchzusetzen. Da greift die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" (Sitz Frankfurt a. M.) hemmend ein. Offenbar nimmt sie an, daß eine ihr günstige politische Konstellation vorliegt. Diese nutzt sie aus, um die einer anderen religiösen Richtung Angehörigen herabzusetzen, während dort eine Benachteiligung der orthodoxen Gemeinden bei den staatlichen Zuwendungen ganz ausgeschlossen war, und ohne Rücksicht darauf, ob durch ihr Vorgehen das für alle preußischen Juden erhoffte Werk vernichtet wird. Deutsche Juden! Oeffnet euch dieses Vorgehen nicht die Augen?! Wer ist es, der die Einigkeit des Judentums zerstört und die Religion für seine Sonderzwecke mißbraucht? Wer hat ohne jeden Grund Angehörige seines Glaubens, nur weil sie einer anderen Richtung ängehören, vor. Andersgläubigen bloßgestellt? Wer war es, der zum Schaden der Allgemeinheit die Staatsbehörden für sich aufgerufen hat? Professor Steinthal. (geb. den 16. Mai 1823, gest. den 14. März 1899) den Denker und Forscher, der das Leben und die Schöpfungen der Völker Psychologisch-Historisch betrachten lehrte, den Ethiker, der, was er lehrte, lebte, den feinsinnigen Interpreten der Bibel, der auf deren ästhetische Erfassung drang, den von Idealismus getragenen Deutschen jüdischen Glaubens, der seine Volks- und seine Glaubensgenossen liebte, mahnte, warnte. M. Holzman. Nsbbiner Dr. Ioleph Stier geb. am 28. April 1843. oseph Stier ist zu Reustadtl a. d. H Waag, einer Stätte jüdischer Gelehrsamkeit, geboren. Er besuchte in Preßburg das Gymnasium und die Talmudschule, wo Ketab-Sofer sein Lehrer war. Dann bezog er die Universitäten Wien und Breslau und war in der letztgenannten Stadt Hörer am jüdisch-theologischen Seminar. Das Rabbinat bekleidete er seit 1871, in Berlin wirkt er nun im 23. Jahre. Unter seinen gelehrten Arbeiten sind folgende hervorzuheben: Denkschrift zur Einweihung der Synagoge in Steina- .nanger; Priester und Propheten; Theologie und Naturwissenschaft; die Ehre in der Bibel und die Ehre im Talmud. Die erste Hälfte der letztgenannten Arbeit erschien im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1912, ihre Fortsetzung wird im Jahrgang 1914 veröffentlicht. Eine Anzahl größerer Aussätze wurde von dem Verfasser in dem von M. Rahmer heraiusgegebenen Literaturblatt und in unserer Zeitung veröffentlicht. Auch einzelne Predigten und manche kleine Aufsätze sind in den verschiedenen Zeitungen gedruckt worden. Ueber die Feier, die am 28. April in der alten Synagoge stattfand, vergleiche den Bericht im Gemeindoboten, 77. Jahvg., Nr. 19. Görne. Von LudwigGeiger. I. nach jahrelangen Vorbereitungen und nach Besiegung vieler Schwierigkeiten ist der Anfang einer neuen Ausgabe der Schriften Ludwig Börnes erschienen^, sechs von zwölf Bänden. i) Börnes Werke. Historisch-kritische.Ausgabe in zwölf Bänden. Herausgegeben von Ludwig Geiger in Verbindung mit Jules Dresch, Rudolf Fürst, Erwin Kalischer, Alfred Klaar, Alfred Stern und Leon Zeitlin. Berlin-Leipzig-Wien-Stuttgart. Deutsches Verlagshaus Bong & Co. Erschienen sind Band 1, 2, 3, 6, 7, 9.

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