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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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281 vertrauten Laien auch nicht unbekannt, daß derselbe Rabbi Abraham «ibn Esra, dessen shnagogale Poesie heute noch in allen orthodoxen Gotteshäusern gesungen wird, in seinem berühmten Bibelkommentare, den Grundstein zu den modernen bibelkritischen Lehren vom „Nachmosaischen im Pentateuch" gelegt hat. Wenn daher die separatistischen Fanatiker gerade die Anerkennung der bibelkritischen Methode seitens ihrer liberalgesinnten Brüder als Argument sür die Verbannung derselben aus dem Judentum ins Feld führen, so wird ein in der jüdischen Vergangenheit sich heimisch fühlender Laie darüber herzlich lachen. Wenn er aber noch fernerweiß, daß der große Maimonides diesen die moderne christliche Bibelekritik begründenden Jbn-Esra-Kommentar als den „besten und augenerleuchtenden" bezeichnet und seinem Sohne Abraham Maimon lediglich das Studium dieses Bibelkvmmentars allein anempfohlen hat, dann wird er das geistige Niveau der tausendköpsigen Versammlungen, in denen die Resolutionen zur Verdammung des liberalen Judentums einstimmig und mit großer Begeisterung angenommen werden, nicht sehr hoch einschätzen können. Und wie ist es nun mit Maimonides selbst? Können alle die in den Chorus der separatistischen Ketzergerichte einstimmenden Laien von diesem ersten und größten Schöpfer des Schulchan-Aruch auch nur ein annäherndrichtiges Bild besitzen? Wer da weiß, daß der „More Nebuchim" nicht das.Erstlingswerk, sondern die letzte, am reiflichsten geprüfte Arbeit jenes größten Geistesführers der ganzen nachtalmudischen Zeit ist, weshalb dieses Buch als sein Testament zu gelten hat, dem ist es auch klar, daß der Mann, auf dessen Schultern das ganze Schulchan-Aruch- Judentum steht, betreffs der jüdischen Religion Anschauungen vertreten hat, aus denen die tausendfach verdammten „Richtlinien" nur die konsequenten Folgen sind, wobei die Frage, warum Maimon selbst in seinem Jad-Hachsaka nicht die Konsequenzen seiner Lehren gezogen hat, in erster Linie von den Bekämpfern der „Richtlinien", nicht von ihren Schöpfern zu beantworten ist. Dir Woche. Berlin, den 13. Mai 1913. ' m 16. Mai finden die W a h l m ä n n e r w a h l e n zum preußischen Abgeordnetenhause statt. Bei diesem Anlaß ist es gut, die Stellung der Juden in dieser Wahl zu präzisieren. Das geschieht in einem Artikel der „Mitteilungen des Abwehrvereins", in dem es folgendermaßen heißt: Die Parteien haben längst ihre Kandidaten ausgestellt und sind zum Kampfe gerüstet. Aber auch für den jüdischen Bürger ist die Wahl vom Standpunkte der Wahrnehmung der Gleichberechtigung von großer Bedeutung. Ganz davon abgesehen, daß Preußen auch den Ton im Reiche angibt, ist die Sache schon darum sehr wichtig, weil das Uebel häufig nicht in der Gesetzgebung, sondern in der Verwaltung ruht. Manchmal erscheint eine schlechte Gesetzgebung mit einer guten Verwaltung besser als ein vortreffliches Gesetz mit einer schlechten Verwaltung. Für die Verwaltung aber, für die eigentliche Ausübung des Gesetzes, kann die Landtagswahl von eminenter Tragweite werden. Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, wie sehr der jüdische Bürger in Preußen darunter leidet, daß die Verwaltung fast ausschließlich in nicht vorurteilsfreien konservativen Händen liegt. Darauf Einfluß zu gewinnen und hier Wandel zu schaffen, muß das Ziel einer gesunden praktischen Politik im Geiste der Gerechtigkeit sein. Daß der jüdische Bürger neben seiner politischen Weltanschauung auch als Jude bei der Wahl interessiert ist, das zeigt uns den ungesunden Zustand, in dem wir leben. In normalen Verhältnissen würde der Jude in Preußen wohl in der Synagoge, aber nicht in der Politik an sein Judentum denken müssen. Es ist der Fluch der antisemitischen Wühlarbeit, daß sie verwirrend wirkte und alle Begriffe auf den Kopf stellte. Wir ahnen fast nicht mehr, wie absurd diese Zustände sind, daß der Jude bei jedem Schritt daran erinnert wird, daß er Jude ist und daß er so zu einer freien Entfaltung seiner Kräfte im politischen und sozialen Leben gar nicht gelangen kann. Aber die Juden haben diese Verhältnisse nicht geschaffen, und sie müssen mit den gegebenen realen Faktoren rechnen. Politisch sein heißt ja, die Konsequenzen der Tatsachen ziehen und der Wirklichkeit gerecht werden. Wie die Verhältnisse nun einmal liegen ,ist der Jude in Preußen auch als Jude an der Gestaltung des Landtages sehr interessiert. Diese Tatsache leugnen, hieße Vogel-Strauß-Politik treiben. Es ist sehr bedauerlich, daß auch in den jüdischen Reihen selbst häufig Unklarheit erzeugt wird und daß das Ziel immer mehr mil Nebel umhüllt wird. Ist es nicht im Grunde komisch, wenn in jüdischen Blättern die Frage aufgeworfen wird, welche Partei die Unterstützung der jüdischen Wähler am meisten verdient? Das Judentum schreibt ebensowenig wie das Christentum irgendwelche Parteirichtung vor. Es ist töricht, die Juden, wie es in den antisemitischen Blättern geschieht, als die geborenen Schildträger des Liberalismus zu bezeichnen. Sie können als Juden allen Parteien angehören. In England findet man jüdische Abgeordnete sowohl in den konservativen wie in den liberalen Reihen. Allerdings ist der englische Konservativismus ebenso frei von antisemitischer Engherzigkeit wie der Liberalismus. Es ist gar kein Zweifel, daß wir in Deutschland genau dasselbe Bild haben würden, wenn nicht überall die antisemitische Hetze die normale Entwicklung stören würde. Das sage ich nicht zur Entschuldigung. Ich bekenne mich zur liberalen Weltanschauung wie viele meiner Glaubensgenossen. Das, tue ich aber nicht als Jude, sondern als moderner Mensch. Als Jude kann man zu jeder Partei gehören, die die Gleichberechtigung der Staatsbürger auf ihre Fahne geschrieben hat und sie auch ernstlich zu verwirklichen sucht. Wenn ich nicht irre, gab es bis vor einigen Jahren in Süddeutschland auch jüdische Mitglieder des Zentrums. Das Judentum macht hier keine Vorschriften und kein jüdischer Wähler holt sich politischen Rat von seinem Rabbiner. Wenn aber ein orthodoxer Rabbiner in der „Kölnischen Volkszeitung" die Juden gewissermaßen verpflichten will, für das Zentrum einzutreten, so geht das sicherlich viel zu weit und es zeigt uns nur, daß nicht viel Gutes dabei herauskommt, wenn die Theologen Politik treiben. Es soll gar nicht bestritten werden, daß die Zentrumspartei häufig in der Frage der jüdischen Gleichberechtigung gerecht und konsequent war. Jeder Jude wird dankbaren Herzens an Männer wie Dr. Windthorst und Dr. Lieber denken. Die Zentrumspartei hat freilich wie jede andere, manche Wandlung durchgemacht, und man findet heute in ihren Reihen auch Männer, die nicht ganz frei von antisemitischen Einflüssen sind. Das soll aber der Partei nicht zum Vorwurf gemacht werden. Man wird auch gern eingestehen, daß die „Kölnische Volkszeitung "stets vornehm und gerecht den Juden gegenüber war. Man wird aber auch daran denken müssen, daß Zeitungen wie die „Germania" und die kleinen Zentrumsblütter in Süddeutschland, wie zum Beispiel die „Augsburger Postzeitung" sehr viel in Antisemitismus machen und schon oft viel Unheil angestiftet haben. Die Zentrumspartei als solche verdient wie jede andere anständige Partei unsere Achtung, und es wird keinem vernünftigen Juden einfallen, diese Partei zu bekämpfen. Aber — ebenso ungerecht und unsinnig ist es, zu behaupten, daß den Juden seine religiöse Pflicht zwingen müsse, sür den Kandidaten des Zentrums einzutreten. Am besten ist es, wenn man als Jude gar keine Politik treibt. Es gibt nur eine Politik sür die Juden Deutschlands, die ihnen ihr Selbsterhaltungstrieb und ihr Ehrgefühl diktiert: alles Reaktionäre und Antisemitische mit den Waffen der Wahrheit und Gerechtigkeit zu bekämpfen. I*’ Die folgenden Schriftstücke sind uns von dem Rabbinerverband in Deutschland zur Veröffentlichung zugesandt worden: Der Minister der geistlichen und Unterrichts- Angelegenheiten. U II 302 Nr. 1 u. 2. Berlin W 8, den 6. März 1913.' Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland ist dahin vorstellig geworden, daß bei den schriftlichen Prüfungen an den höheren Lehranstalten auf diejenigen jüdischen Schüler Rücksicht genommen werden möge, die während ihrer Schulzeit an den Sonnabenden nicht

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