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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 Rabbiner in Eisenstadt, verpflanzt worden. Auch gegenwärtig tobt ein häßlicher Kampf betreffs des Separatismus innerhalb des vor ungefähr einem Jahre ins Leben gerufenen orthodoxen Weltverbandes (Agudas Israel), und auch in diesem internationalen Verbände, dem die jüdische Orthodoxie aller Weltteile gehört, wird für die unheimliche und haarsträubende Forderung, welche den nicht zu Separatgemeinden sich zählenden Orthodoxen das Passive Wahlrecht rauben will, lediglich unter der Fahne Breuers gekämpft, während die osteuropäische Orthodoxie dieser Idee ganz fremd gegenübersteht. Wie soll man sich nun diese Erscheinung erklären? Ist etwa gerade der deutsche Jude so sehr intolerant veranlagt? Die tägliche Beobachtung lehrt das Gegentenil. Der intime gesellschaftliche Verkehr des orthodoxen deutschen Juden mit seinem liberalgesinnten Bruder sucht in der gesamten osteuropäischen Judenheit seinesgleichen. Oder ist es vielleicht anderseits denkbar, daß dieselben Geistesführer der russisch-jüdischen Orthodoxie, welche, wie oben erwähnt, mit dem Regiment Pobodonoszews sich verbinden, um ihre nach moderner Kultur strebenden Brüder zu vergewaltigen, der Idee eines Schismas wirklich so unzugänglich seien? Meiner Ueberzeugung nach, welche auf einer vieljährigen Erfahrung innerhalb der osteuropäischen wie der deutschen Judenheit basiert, kann der Grund für diese rätselhafte Erscheinung nur im folgenden Momente liegen. Es ist in der .Natur der Sache begründet, daß solche extravagante Bestrebungen, wie die Zerreißung des Judentums, viel eher in den Köpfen fanatischer, mit dem Volke wenig in Berührung kommender Großstadtrabbinen als in den. im öffentlichen Leben stehender Laien, auch der äußersten orthodoxen Observanz entspringen. Dem Laien, den tausend Fäden des geschäftlichen und gesellschaftlichen Verkehrs mit seinen andersdenkenden Brüdern verknüpfen, wird eine solch harte Forderung, seinen Bruder wegen seiner abweichenden Ueberzeugung mit beiden Händen aus dem Judentum zu stoßen, stets einen Stich ins Herz bedeuten. Dazu kommt aber noch das psychologische Moment, daß der Rabbiner, als Gelehrter, mit seinem religiösen System, in dem er ganz aufgeht, innerlich so verwachsen wird, daß er dasselbe um jeden Preis, selbst auf Kosten des Friedens, der Einigkeit und der Wohlfahrt seines Volkes verteidigen zu müssen glaubt, wobei er anderen Ueberzeugungen ganz verständnislos gegenübersteht. Daraus folgt notwendig, daß jeder orthodoxe Rabbiner, der ein unduldsames Wesen an den Tag legt, einerlei, ob in Ost- oder in Westeuropa, stets bereit ist, den freiheitlich gesinnten Teil seiner Stammes- Henossen aus dem Judentum zu verbannen. Wenn daher der separatistische Gedanke der osteuropäischen Judenheit bisweilen noch fremd ist, so ist das nicht jenen Rabbinern, sondern dem Volke, von dem die ersteren wohl wissen, daß solche Ideen in seiner Mitte keinen festen Fuß fassen werden, ganz allein zu verdanken. Nun entsteht natürlich die Frage: warum der osteuropäische Laie den separatistischen Bestrebungen weniger zugänglich ist als der deutsche. Daraus antworten wir erfahrungsgemäß folgendes: Daß eine religiöse Richtung, in der jeder hochgestellte Priester eine uneingeschränkte Autorisation besitzt, mit der Zeit auch einen sehr elastischen Gesetzeskodex erhalten muß, istallgemein bekannt. Wer hierfür Beispiele aus der jüngsten Zeit wünscht, den verweisen wir auf die am verflossenen Sabbat-Schuwo gehaltene Programmpredigt Breuers, in der er, im krassesten Widerspruch zum Talmud, nach welchem der Jude am himmlischen Gericht vor allem nach seinem moralischen Lebenswandel befragt wird, im Namen des S. R. Hirsch mit Bestimmtheit erklärt hat, daß von nun ab vielmehr die erste Frage nach der Zugehörigkeit zur Separatgemeinde sein wird. Was bleibt nun dem armen deutschen Orthodoxen, dem kein Opfer für seine Religion zu schwer ist, noch übrig, als sich für diese wichtigste Frage, die Gott einst an ihn richten wird, entsprechend vorzubereiten. Hier ist der kritische Punkt, da zeigt sich der Unterschied zwischen dem osteuropäischen orthodoxen Laien, welcher mit einem ansehnlichen Maß jüdischer Religionswissenschaft ausgerüstet ins Leben tritt, und dem deutschen Laien, der seinem Rabbiner alles von den Lippen ablefen muß. Es ist selbstverständlich, daß auch osteuropäische Rabbiner ab und zu Spezialberichte vom Himmel über die neuesten Pläne Gottes erhalten. So hat z. B. vor Jahren ein russischer Rabbiner die überraschende Mitteilung gemacht, daß die Judenmassakers eine Strase sür die wortgetreue Bibelerklärung seien. In den paränetischen Partien des Pentateuchs, so führte der Betreffende aus, sind Strafen angedroht, die weit schrecklicher sind als die russischen Judenverfolgungen. Aber, solange die russischen Juden die Bibel nicht exegetisch erklärt haben, da hat Gott auch jene Strasreden nicht wörtlich genommen; seitdem aber die Bibel jüdischerseits nach dem Wortsinn und nicht homiletisch gedeutet wird, da läßt Gott auch jene Drohungen im buchstäblichen Sinne in Erfüllung gehen. Jener russische Fanatiker hat hier auch nur seine Ueberzeugung wiedergegeben, seine Wirkung jedoch wie die seinesgleichen blieb sicherlich nur auf die ignoranten Massen beschränkt, wogegen die religionswissenschaftlich Gebildeten trotz ihrer orthodoxen Gesinnung über eine solche einfältige Schwärmerei mit einem überhebenden Lächeln zur Tagesordnung übergehen. Das ist des Rätsels Lösung. Der mit dem jüdisch-wissenschaftlichen Quellenmaterial vertraute Laie, er mag den orthodoxesten Anschauungen huldigen und den liberalen Ueberzeugungen noch so fremd gegenüberstehen, er wird, insofern er Laie ist und stets mit Andersdenkenden in enge Berührung kommt, zu einer Exkommunikation seines liberalen Stammesgenvssen sich niemals hinreißen lassen, weil er wohl weiß, daß selbst die liberalsten Anschauungen bereits unter den erleuchtetsten Geistern der talmudischen und mittelalterlichen Zeit ihre eifrigsten Vertreter gehabt haben. Der orthodoxe Kenner der altjüdischen Literatur wird über seinen liberalgesinnten Bruder niemals den Bann verhängen, weil es ihm bekannt ist, daß es z. B. schon in der alten Zeit einen berühmten Tanaiten Hillel II. gegeben hat, der den Messiasglauben, welcher einen der integrierendsten Bestandteile des jüdischen Glaubens ausmacht, einfach in Abrede gestellt hatte, ohne daß derselbe Tanaite dadurch seine Bedeutung irgendwie eingebüßt hätte. Es ist ihm ferner bekannt, daß kein geringerer als R. Josef Bechor Schorr, ein berühmter Schüler des Raschi, in seinem Bibelkommentar historisch- und textkritische Anschauungen vertritt, die wir erst im 19. Jahrhundert bei den christlichen Bibelkritikern wiederfinden. Ferner ist ihm bekannt, daß der große Tosafist und Talmudkommentator, Raschbam, der Enkel Raschis, in seinem Bibelkommentar strenge Exegese treibt, die homiletische Bibelauslegung, die in der gegenwärtigen Orthodoxie die Alleinherrschaft übt, energisch bekämpft, und in seinem Protestieren gegen die Vergewaltigung des Textwortes zum Zwecke der mündlichen Ueberlieferung soweit geht, daß er das Tefilingebot als im Pentateuch nicht enthalten bezeichnet. Auch ist ihm nicht unbekannt, daß dieser Kommentar des Raschbam, für den ein heutiger Gelehrter, wenn er ihn schreiben würde, sich die maßloseste Verketzerung von seiten der Orthodoxie gefallen lassen müßte, gleichsam vom Herzen Raschis gesprochen ist; da letzterer für diesen Kommentar, besonders für die rein historische Methode desselben, sich so sehr begeisterte, daß er den leider nicht zur Ausführung gelangten Vorsatz gefaßt hatte, ebenfalls einell solchen Kommentar zu schreiben. Eß ist ferner dem mit der jüdischen Literatur

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