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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-16 · Heft 20 (16.5.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77. Jahrgang. Nr. 20 Allgemeine Berlin, 16. Mai 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. vegrün-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 40/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: . Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße *6/*9, zu richien. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tfnftftft Wort an die Separatisten. Bon einem Konservativen. — jjlUJuu. Die Woche. — Erklärung der Vereinigung für das liberale Judentum. — Zur Erinnerung an H. Steinthal. Von M. Holzman. — Rabbiner Dr. Joseph Stier. — Börne I. Von Ludwig Geiger. — Der jüdische Adel Italiens ' Von Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Nom. — Feuilleton: Der General von Chammerow. Purimhumoreske von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Lesesrüchte. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums")'. Berlin, Hamburg, Nürnberg, Bad Kreuznach, Czernowitz, Paris. — Von Nah und Fern. Lin Mort an die Srpgrstiltm. Von einem Konservativen. in rühmlichst bekannter Rabbiner einer der orthodoxesten Gemeinden Litauens erhebt in seiner jüngsten Schrift „Haemuno hatehora wehadath hahamoni“, als deren Autor er, trotz der Anonymität derselben, allgemein bekannt ist, folgende Anklage gegen den in den letzten Jahren in Rußland konstituierten Orthodoxenverband. (Machsike Hadas), dessen Programm seinerzeit auch in der deutschjüdischen Presse ein Gegenstand lebhafter Erörterung war. Dieser Verband, so bemerkt der Verfasser, ist bekanntermaßen ebenso eine indirekte Folge der russischen Pogrome, wie die letzteren eine direkte Schöpfung des russischen Klerus sind. Was hätte nun, fragt der Verfasser, die russisch-jüdische Orthodoxie in Wahrheit aus dieser Katastrophe lernen müssen? Diese Massakers hätten der jüdischen Orthodoxie eine blutige Bestätigung sein müssen, für die alte Erfahrung, für die die Geschichte auf jedem Blatte Beweise liefert, daß nämlich selbst eine Lehre, wie die des Evangeliums, welche, mit der alttestamentlichen Nächstenliebe sich nicht begnügend, auch noch die Feindesliebe 'fordert, in den Händen fanatischer Priester zum Werkzeug des Verderbens und der Vernichtung werden muß. Leider hat die jüdische Orthodoxie in Rußland aus diesem Fluche der Intoleranz nicht nur nicht die richtige Lehre gezogen, sondern sie hat in unglaublicher Weise, dieselbe russische Klerisei, die in entmenschter Weise ihren harmlosen Greisen und Frauen die Leiber ausschlitzen und ihre unschuldigen Kinder zerstückeln ließ, als Ententemacht zur Hilfe angerufen, um mit Unterstützung jenes Kirchenregiments ihre eigenen, nach moderner Kultur und Bildung strebenden Brüder zu kujonieren. Dieses hebräische Schriftchen möchte ich besonders der separatistischen Orthodoxie der deutschen Judenheit sehr warm als Lektüre empfehlen. Denn ihr Treiben ist zweifellos noch erschreckender als das ihrer russischen Gesinnungsgenossin. Wie sie seinerzeit über jenes russisch-jüdische Kirchenregiment laute Jubelgesänge angeftimmt hat, so inszeniert sie seit Monaten, seit dem Erscheinen der „Richtlinien", eine wilde Hetze gegen das liberale Judentum in Deutschland, unaufhörlich schleudert sie die giftigsten Pfeile ihrer religiösen Unduldsamkeit gegen sie, ohne zu bedenken, daß auch sie unter dem harten Drucke religiöser Intoleranz der konservativen Vertreter der Landeskirche so bitter stöhnt. Dasselbe Organ, das seine Spalten ständig mit Klageliedern über den Fanatismus der russischen Kirche füllt, überlegt sich gar nicht, daß die orthodoxe russische Kirche mit den Juden noch rücksichtsvoller verfährt, als sie mit ihren liberaldenkenden Brüdern in Deutschland. Denn der russische Jude gilt für die dortige Kirche nicht als Dissident und religionslos, was das liberale Judentum für die separatistische Orthodoxie ja ist. Oder ist es keine schauderhafte religiöse Unduldsamkeit, wenn, die genannte Orthodoxie das die „Richtlinien" anerkennende Judentum in öffentlichen Resolutionen aus dem Verbände der Judenheit weist und unzweideutig erklärt, daß sie für das liberale . Judentum, von dem sie sich mehr als vom Karäertum geschieden weiß, selbst bei eventueller Anullierung der „Richtlinien", kein Plätzchen innerhalb der Judenheit einräunren werde? Wieso dieselbe Orthodoxie von den christlichen Völkern Toleranz zu fordern den Mut hat, ist nicht gut begreiflich. Die osteuropäische Orthodoxie ist aber auch noch nach einer anderen Seite hin für die gegenwärtige Situation der deutschen Judenheit außerordentlich lehrreich. Es ist jedem Leser bekannt, daß die überaus weite Kluft zwischen Orthodoxie und Liberalismus innerhalb des osteuropäischen Judentums zu der im praktisch religiösen Leben kaum merklichen Differenz zwischen den' religiösen Parteien der deutschen Judenheit in gar keinem Verhältnis steht. Man denke sich den gewaltigen Abstand zwischen einem osteuropäischen Kaftanjuden und seinem liberalen Bruder, der der Religion gar keinen Einfluß aus sein Leben gewährt, und vergleiche ihn mit dem für die tägliche Wahrnehmung ganz undeutlichen Unterschied zwischen, orthodoxen und liberalen Juden in Deutschland. Während zwischen den extremen Parteien der osteuropäischen Judenheit ein religiöser Zusammenhang nur sehr schwer zu konstatieren ist, kommen demgegenüber die religiösen Differenzen zwischen den verschiedenen Richtungen eigentlich nur in den parteipolitischen Kämpfen deutlich zum Ausdruck. Und doch, wie merkwürdig, während der deutsche separatistisch-orthodoxe Rabbiner, der in seinem Auftreten, im gesellschaftlichen Verkehr, auf der Kanzel, wie in seiner seelsorgerischen Tätigkeit von seinem liberalen Kollegen nur in kaum zu beachtenden Momenten abweicht, den letzteren ganz unerbittlich und rücksichtslos aus dem Judentum weist, sind solche Exkommunikationsgedanken in den rabbinischen Kreisen Rußlands, Polens, Galiziens, Rumäniens, sowie der orientalischen Länder noch niemals erörtert worden. Selbst zu der ungarischen Orthodoxie ist der Separationsgedanke seinerzeit von Deutschland, durch Esriel Hildesheimer, damals

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