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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-09 · Heft 19 (9.5.1913) · page 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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spendete. Als Freund des Hauses und der Familie hielt sodann Herr Rabbiner Dr. Stier in seinem wie im Namen der Gemeinde dem Verstorbenen einen warm empfundenen Nachruf, worauf nach abermaligem Gesang die Beisetzung unter den üblichen Gebeten erfolgte. Er ruhe in Frieden! - - L2 Brandenburg a. H., 5. Mai. Der Seniorchef des hiesigen Bankhauses W.. G u m P e r t ü. Sohn, Geheimer Kommerzienrat Louis Gumpert, konnte gestern in geistiger und körperlicher Frische die Feier seines 90. Geburtstages begehen. Aus dem Kabinett des Kaisers traf folgende Depesche ein: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen in freundlicher Erinnerung an die dortige Hohenzollernseier im vorigen Jahre Ew. Hochwohlgeboren zur heutigen Vollendung Ihres 90.' Lebensjahres Glück und Gottes Segen wünschen." Dem Jubilar wurde der Rote dldlerorden dritter Klasse mit der Schleife verliehen. Auf Veranlassung des Magistrats, der Handelskammer und mehrerer Vereine fand am Nachmittag im Altstädtischen Nathause zu Brandenburg ein Festessen statt. 22 Allenstein, 2. Mai. Der V e r b a n d d e r S Y n a g o g e n -- l gemeinden Ostp reuß en s versendet soeben den Bericht über das Geschäftsjahr vom 1. April 1912 bis 31. März 1913. Wie aus dem reichhaltigen Inhalt des Berichts ersichtlich ist, betrachtete die Leitung des Verbandes auch im abgelaufeney Geschäftsjahr äls wichtigste Aufgabe die Förderung des Religionsunterrichts in den ostpreußischen Gemeinden. Nicht nur die bestimmte gesetzliche Vorschrift, sondern auch das eigenste Interesse unserer jüdischen Religion macht es dem Verband zur Pflicht, vor allem für einen geeigneten und ausreichenden Religionsunterricht unserer jüdischen Jugend Sorge zu tragen. Durch den andauernden Rückgang vieler Gemeinden in der Zahl ihrer Mitglieder und darum auch hinsichtlich ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit wird es für immer' mehr Gemeinden notwendig, sich 'zur Beschaffung des Religionsunterrichts miteinander zu verbinden und gemeinsam einen Lehrer anzustellen. Der Verband läßt es sich besonders angelegen sein, solche Schulverbände kleinerer Gemeinden zu bilden. Wo das zurzeit nicht.durchzuführen ist, sucht er geeignete Lehrer aus größeren Gemeinden äls Wanderlehrer für die benachbarten kleinen Gemeinden ohne eigenen Religionslehrer zu gewinnen. Im vergangenen Jahre ist ein neuer Schulverband Zwischen den Gemeinden Nordenburg-Gerdauen und Friedland gebildet worden. Eine andere Verbindung: Zinten-Mehlsack, darf, bereits als gesichert angesehen werden. — Wanderunterricht ist durch den Verband neu eingerichtet worden in Prostken und Wartenburg. Vorübergehend, während eingetretener Vakanzen, hat Wanderunterricht stattgesunden in Nordenburg und Marggrabowa, er findet während der zeitigen Vakanz noch statt in Zinten. — Im ganzen ist der Religionsunterricht durch Schulverbände oder.Wanderlehrer bis jetzt in 21 ostpreußischen Ortschaften eingerichtet worden. Neben dem Religionsunterricht' ist der Verband überall zugleich für die Möglichkeit eines Gottesdienstes in der Gemeinde nach Lage der Verhältnisse und für die Sicherung einer regelmäßigen Schechita am Orte bedacht. Wo der Bezirkslehrer nicht zugleich Schächter ist, sucht der Verband entsprechend den Schulverbänden Schechitaverbände zu bilden oder Wanderschächter aus Nachbarorten zu beschaffen. In einzelnen Fällen ist er im Interesse der Schechita bei der Königlichen Negierung für Zulassung von russischen Schächtern für kleine, abseitsliegende Gemeinden eingetreten. Dem Verbände galt es als Ehrenpflicht, auch nach Kräften für die Verbesserung der Verhältnisse der Gemeindebeamten in Ostpreußen einzutreten. Seine Bestrebungen aus Verbindung von kleinen Gemeinden zu Schul- und Schechitaverbänden und für Einrichtung von Wanderunterricht und Wanderschechita erweisen sich auch für die Gehaltsverhältnisse der Beamten vorteilhast. Verbundene Gemeinden vermögen stets ein höheres Gehalt für ihren gemeinsamen Beamten auszubringen äls kleine alleinstehende Ge- * meinden. Und für die Wanderlehrer und Wanderschächter aus größeren Gemeinden bilden die Nebeneinnahmen aus dieser Tätigkeit eine wesentliche Erhöhung ihres Amtseinkommens. Folgende Stelle des Berichtes sei hier wörtlich wiedergegeben: Mt besonderer Befriedigung können wir in Ostpreußen aus die Gestaltung der Pensionsverhältnisse unserer jüdischen Beamten blicken. Die Grundlage dafür haben wir durch die von uns vor zwölf Jahren begründete Pensionskasse für die jüdischen Religionslehrer und Kultusbeamten in Ostpreußen geschaffen. Diese Kasse, der bald alle unsere Gemeinden, die ihren Beamten nicht selbst eine Versorgung boten, mit erheblichen Beiträgen beitraten, sicherte unseren Beamten vom Beginne ihrer Tätigkeit an ohne die Bedingung einer Wartezeit eine Alters- und Jnvalidenpension von 600 Mark und eine Hinterbliebenenpeusion von 300 Mark. Die Kasse hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits zehn Pensionen an jüdische Beamte bzw. deren Familien aus Ostpreußen bewilligt und dabei noch einen Fonds von 110 000 Mark für weitere Versorgungszwecke unserer Beamten angesammelt. — Der diesjährige Verbandstäg fand gestern unter reger Teilnahme der Verbandsgemeinden in Lötzen statt. W. Posen, 2. Mai. Eine Ausschreitung, die auf die Boykottb e w'e g u n g zurückzusühren ist, führte den Arbeiter Franz Salewski von Hier auf die Anklagebank. Im März d. I. wollten zwei polnische Landfrauen bei dem Kaufmann Samuel Ascher in der Judenstraße hier Schuhe kaufen. Das Geschäft war fast zustande gekommen, als plötzlich jemand in den Laden ries: „Hier wohnt ein Jude; wißt ihr nicht, daß es euch verboten ist, bei Inden zu kaufen? Ihr begeht eine große Sünde dadurch. Da (auf ein anderes Haus hinweisend)' wohnt ein polnischer Kaufmann." Aus Furcht nahmen nun die Frauen von dem Kauf Abstand. Der Rufer — der Angeklagte — wurde daraus von einem hinzugerufenen Schutzmann festgenomnien. Dem Schutzmann gegenüber bediente er sich zunächst eines falschen Namens. Als Herr Kaufmann A scher nun riet, den Mann zur Feststellung seines richtigen Namens aufs Polizeirevier zu bringen, beleidigte der Angeklagte ihn durch die Worte: „Sie verdammter Jude; gehen Sie fort, sonst haue ich Ihnen eine runter." .Salewski wurde wegen öffentlicher Beleidigung in zwei Fällen zu zwei Monaten. Gefängnis verurteilt. Dem Beleidigten wurde vom Schöffengericht die Pnblikationsbefugnis außerdem Zuerkannt. — Hoffentlich wird dieser Vorfall so manchen Hitzkopf vor ähnlichen Ausschreitungen gegen Juden zurückhalten. Unsere Glaubensgenossen in der Provinz sind im geschäftlichen und sozialen Leben nicht zu beneiden. W. Lobsens, 2 Mai. Am 31. März verschwand hier spurlos die elf Jahre alte Schülerin Agnes Kador und alsbald tauchten allerlei geheimnisvolle Gerüchte auf, welche die Behörden veranlaßten, den Kriminalschutzmann Wiesenhütter aus Posen mit den diesbezüglichen Ermittelungen zu betrauen. Bei diesem meldeten sich Zeugen, die das Mädchen angeblich zuletzt in Begleitung eines jüdi-, schen Mannes bemerkt hatten, der die Agnes Karussell fahren ließ und sie alsdann heimlich mitnahm. Bald erschienen Plakate, die auf ein fahrendes Auto hinwiesen, dessen Insassen unverkennbar Juden waren. Diese Hinweise, die auf einen Ritualmord hindeuten sollten, versetzten weite Kreise der Bevölkerung in eine gewisse Erregung. Jedoch gelang es den unausgesetzten Bemühungen des Posener Beamten, der jede ihm mitgeteilte Spur gewissenhaft verfolgte, die Gemüter zu beruhigen und Ausschreitungen gegen die Juden zu verhindern. Wiederholt wurden die Gewässer abgeleitet, und jetzt endlich ist es dem Kriminalbeamten gelungen, die Leiche in einem besonders schlammigen T o r s l o ch zu entdecken. Die vorgenommene Obduktion der Leiche ergab, daß dem Kinde keinerlei Verletzungen beigebracht worden waren. — Da auch die Holzpantoffeln fehlen, ist anzunehmen, daß es bei unvorsichtigem Lause verunglückt ist. Der erwähnte Kriminalschutzmann hat auch den Verfasser des Plakats ermittelt. Y. Breslau, 2. Mai. Die unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal stehende Religionsunterrichtsanstalt I erstattet soeben den Jahresbericht über das Schuljahr 1912/13. ' Die Zahl der Schüler und Schülerinnen betrug am 1. Februar dieses Jahres 330, und zwar 203 Knaben und 127 Mädchen. Unter diesen befinden sich jetzt nur sehr wenige Volksschüler und Volksschülerinnen. Die Frequenz des ganzen Jahres war 411. .Die bereits früher angekündigte Aufhebung der Parallelklassen in der Knabenabteilung wurde vollzogen, nur die Teilung der vier Knabenklassen mußte wegen der hohen Schülerzahl unterbleiben. Aber die Beseitigung auch dieser Parallelklasse steht für. das nächste Jahr bevor. — Mit dem Schlüsse des vorigen Berichtsjahres, schied Herr Dr. Gelles von der Anstalt, und mit Beginn des Sommersemesters traten die Damen Margarete Cohn und Gertrud Brann als Hilsslehrerinnen in das Kollegium ein. Die Anstalt beklagt den Tod Zweier Lehrkräfte. Am 10. Juli des Jahres wurde der Anstalt durch deü Tod in des Lebens Blüte die Lehrerin Fräulein Else Brann entrissen, und in den ersten Tagen dieses Jahres starb Herr Dr. Immanuel Deutsch, der .stellvertretende Gemeinderabbiner, und Leiter der Anstalt, nach zwölsjähiger segensreicher Tätigkeit an derselben. 20 Neiße (Schlesien), 2. Mai. Der Mitbegründer und langjährige frühere Seniorchef der Neißer Eisengießerei und Maschinen-

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