Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bauern im Dorfe anwesend, die bei dem Anblick eines so hohen Herrn zaghaft sich zusammendrängten, scheue Blicke ihm zuwerfend, der von ihrer Anwesenheit gar keine Notiz zu nehmen schien. Mehr und mehr Muschiks kamen, deren sich eine große Aufregung bemächtigt hatte. Was mag der hohe Herr nur wollen? Was soll denn wieder -geschehen? Sicherlich wieder eine neue Steuer, eine neue Last, noch mehr Arbeit, noch mehr Frondienst!-Es muß doch gewiß etwas Großes und Schweres sein, sonst hätte es ja jjder Inspektor wie immer, mit der Peitsche in der Hand, selbst besorgen können.- Wer weiß, was wieder bevorsteht, da ein solcher Herr direkt aus Petersburg herkommt! Jeder sah ängstlich den andern an, um zu erforschen, ob er die eigene Befürchtung in den Mienen des anderen bestätigt findet. Der Wirt, von den anderen gedrängt, wagte es endlich näherzutreten und nach vielem Räuspern und Husten mit leiser Stimme zu melden: „Exzellenz, Hochwohlgeboren, wir sind alle zur Stelle." Klotz erhob sich gemächlich, schlug den Mantel zurück, so daß all die blitzenden und funkelnden Ordenssterne und Kreuze auf seiner breiten Brust sichtbar wurden, warf einen stolzen Blick auf die Anwesenden, nahm das „Dokument" aus der Tasche, entfaltete es mit großer Feierlichkeit, lüftete seine Militärmütze, küßte, ehrerbietig das große rote Siegel und begann laut und langsam: „Im Namen des Kaisers!" Er machte eine kleine Kunstpause, um den Eindruck dieser Worte zu beobachten. Der Erfolg war großartig; seine herrliche Baßstimme schien in die Spalten der Erde einzudringen, um mit verdoppeltem Wohlklang von dort zurückzuvibrieren, so daß die Zuhörer von einem inneren Schauer ergriffen wurden und bis zur Erde sich verneigten. Ihr Zittern nahm merklich zu. „Im Namen des Kaisers!" wiederholte er. „In unserer großen Güte und allumfassenden Gnade bestimmen wir hiermit nachstehenden Gnadenerlaß, um das Gedeihen und Wohlergehen aller unserer Untertanen in allen unseren Landen zu fördern: Es soll fortan ein feststehendes, unabänderliches Gesetz für alle Zeiten und für alle Geschlechter bleiben, daß die Leibeigenschaft unserer geliebten Landeskinder mit dem heutigen Tage gänzlich aufhört, daß jeder rechtgläubige Russe der Eigentümer seines Körpers, seines Ackers und all dessen sei und bleibe, was ihm gehört; daß es keinem Gutsbesitzer, Pächter oder Verwalter gestattet sei, den Dorfinsassen Abgaben, Zehnten und sonstige Gebühren abzufordern; daß die Kraft der Sehnen und Muskeln nicht mehr zum Frondienst der Herrschenden und Besitzenden verwendet werden darf, sondern jeder soll einheimsen und genießen, was ihm durch seine Händearbeit zufällt. Dieses alles aber soll Gesetzeskraft haben, so weit unser Szepter reicht, so weit unsere Macht sich erstreckt. Unser Beauftragter und Abgesandter soll diesen Kaiserlichen Gnadenakt in alle Provinzen und Gouvernements verkünden. Ferner aber bestimmen wir, falls jemand fortan in seinen Freiheiten und Rechten bedrückt, beschränkt und belästigt werden sollte, daß es diesem gestattet sei, mit Macht und Gewalt, ja sogar durch Waffengewalt, sich dagegen zu schützen. Ferner bestimmen wir, daß jedes Familienhaupt und alle männlichen Untertanen über zwanzig Jahre für diesen Gnadenerlaß eine Gebühr von einem halben Rubel für jede Person zu zahlen haben, der durch -unseren Botschafter eingezogen und an unsere Staatskasse abgeliefert werden soll. Zum Zeichen unseres Kaiserlichen Willens haben wir unser großes Staatssiegel hier beigedruckt." Gegeben in unserer Haupt- und Residenzstadt Petersburg, Palais Ehassidim-Stübel, am dritten Tage nach Esther-Taanis. Gegengezeichnet Herzog v. Klotz, Fürst v. Baum, Regierungs-Meschorerim. Mit dem Rufe: „Lang lebe unser Kaiser!" schloß Klotz die Vorlesung der Proklamation, die er mit gleicher Feierlichkeit und Umständlichkeit zusammensaltete und in die Brusttasche schob. Eine ganze Weile lag das Staunen und Verwundern zentnerschwer aus den Sprachorganen der Muschiks. Stumm und verlegen drehten sie die Köpfe nach allen Seiten, ohne eigentlich zu wissen, was sie mit dem Gehörten ansangen sollten. Bald aber entstand eine kleine Bewegung, ein unterdrücktes Flüstern, wie das Rauschen der Bäume vor dem Ausbruch eines Gewittersturmes. Aber Klotz sah es gar nicht gern, daß ihre innere Erregung durch einen lauten Ausspruch etwa einen Abfluß finden sollte. Ihm war es viel lieber, wenn ihre Gedanken unter dem Banne des Erstaunens erstickt blieben, darum ließ er wieder seinen Baß spielen und herrschte die Bauern barsch an: „Ruhe! Kein Wort gesprochen! Du, Wirt, aber, schaffe sofort Papier und Schreibzeug herbei, da ich meine Schreibmappe in der Equipage gelassen. Ich muß jetzt gleich alle Namen derer niederschreiben, die fortan von der Leibeigenschaft befreit sein sollen. Es muß alles gehörig registriert und im Staatsarchiv aufbewahrt werden, als Urkunde für die Beteiligten, für ihre Kinder und Kindeskinder, bis ins tausendste Geschlecht. Also, vorwärts, und keiner vergesse die Steuertaxe." Jetzt entstand ein mächtiges Drängen und Stoßen nach dem Tische hin, wo Klotz mit der Feder in der Hand in seiner ganzen imponierenden Erhabenheit sich niedergelassen. Jeder wollte natürlich zuerst in der Freiheitsliste eingetragen werden, jeder gab willig seinen halben Rubel her; die aber kein Geld bei sich hatten, borgten es sich von dem Nachbar, oder auch vom Wirt, dem sie Pfeifen, Tabaksbeutel usw. als Unterpfand übergaben. Keiner wollte sich vom Flecke entfernen, ehe nicht sein Namen eingetragen war; denn, wer weiß, was inzwischen geschehen könnte.-Endlich war sie ja gekommen die Stunde der goldenen Freiheit, der sie schon so lange entgegengesehen, entgegengeseufzt, von der ein verworrenes, undeutliches Gerücht zu ihnen gedrungen war. Endlich werden auch sie wissen, was Leben ist. Nun können sie doch die eine Hälfte des Tages faulenzen und die andere Hälfte in der Schenke liegen, während ihre Weiber das Kartoffelfeld bestellen und das Schwein sütterrn. Hei! Das wird ein Leben werden! Großartig, wundervoll! Freilich die Freiheitstaxe. Ein halber Rubel ist ja viel Geld, dafür könnte man sich schon eine Menge Wodki kaufen und eine ganze Woche täglich ein kleines Räuschchen sich anfchaffen.-Aber etwas ist die Freiheit doch schließlich auch wert, und dann-wann wäre denn ein Negierungserlaß gekommen, zum Guten oder zum Bösenwo sie nicht eine Abgabe zu zahlen hatten?! Und so schrieb und malte Klotz den Namen und Beruf jedes einzelnen der Reihe nach nieder, während Baum mit dem Einkassieren des Geldes vollauf beschäftigt war. Seine Finger zitterten ein wenig-sicherlich von der Kälte, oder weil die Bauern so fürchterlich drängten und stießen. Er war kaum imstande, das viele Geld in seinen Taschen unterzubringen. Endlich, endlich war das Werk vollbracht, und auch der letzte Muschik war seinen halben Rubel losgeworden. Klotz richtete sich jetzt zu seiner vollen stattlichen Höhe auf und sprach leutselig: