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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-09 · Heft 19 (9.5.1913) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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225 zu besitzen glauben. Auch die jüdische Nase, die der Verfasser als nicht charakteristisch erweisen will, werden sich die Antisemiten nicht so ohne weiteres eskamotieren lassen. Eine Lösung des vevwickelten Problems der jüdischen Nasse ist nur in der Weise zu finden, daß man bei einem so viel umhergeworfenen Volk, das sich trotz aller internen und externen Ehehindernisse stets mit Naturnotwendigkeit mit seinen Gastvölkern vermischen mußte, überhaupt keine .Rassereinheit, viel weniger eine unvermischte Ueberlieserung der rassenhaften Komponenten .aus alter Zeit (Semiten, Hetiter, Arier?) voraussetzen darf. Anders wie jetzt wird es in früheren Jahrhunderten auch nicht gewesen sein; immer werden sich jüdische Männer und andersgläubige Frauen und umgekehrt gesunden haben. Um ein Beispiel zu geben: Unter den 40 Knaben des Reichenheimschen Waisenhauses in Berlin, das unter meiner Leitung steht, befinden sich gegenwärtig 5 Mischlinge, und wenn ich die Aszendenz der übrigen verfolgen wollte, würde ich noch mehr unjüdisches Blut entdecken. Aus diesen Mischungen stammen vermutlich die unter den heutigen Juden vorhandenen Typen, die mit denen ihrer Wirtsvölker durchaus übereinstimmen. Neben vielen indifferenten Typen finden wir aber auch eine beträchtliche Anzahl der uralten Komponenten des jüdischen Volkes, des semitischen und armenoiden Elements, vertreten. Indes sind alle diese Typen nicht etwa speziell jüdisch; wir treffen sie auch bei anderen Völkern in Europa oder in Vorderasien. Wie erklärt sich aber der unstreitig vorhandene besondere jüdische Typus? Er ist eben wie der deutsche, französische, englische usw. Typus ein Kulturprodukt, das sich durch die Lebensgemeinschaft der Religion und Sitte usw., durch unbewußte Uebertragung weiter sortpflanzt, solange die Juden nicht ganz in der übrigen Bevölkerung ausgenommen sind. Wo das bis zu einem gewissen Grad der Fall ist, also speziell in Westeuropa und Amerika, löst er sich auf. Diese vom' Verfasser ganz richtig beobachtete Tatsache, die man aber nicht verallgemeinern darf, mag ihn zu seinem irrigen Schluß geführt haben, so daß er die Existenz eines jüdischen Typus überhaupt bestreitet. Doch dieser Einwand tut der Zuverlässigkeit und dem Wert der sorgfältigen Arbeit keinen Abbruch. Das Werk kann unbedenklich zur Orientierung über die Fragen, die ich in den vorstehenden Zeilen skizziert habe, empfohlen werden. Kein Leser wird es ohne Gewinn aus der Hand legen. Sigmund Fei st. Rabbiner Dr. Iolrph Kodak l. U. Von Professor Dr. Majer Balaban. meinem Lehrer gelten diese Worte, meinem teuren väterlichen Freunde, der satt an Jahren, aber auch gesättigt mit allen Leiden dieser Welt aus fremdem Lager im Spitalzimmer der jüdischen Gemeinde am 7. Februar heimgegangen ist. Für die wissenschaftliche Welt war Dr. Kobak seit mehr denn 36 Jahren tot, sein letzter literarischer Aufsatz erschien zwar noch im Jahre 1895 (T a l p i j ö t h S. 86—89 — red. von Zawilinski, Berditschew), aber er bildete nur einen schwachen Abglanz einer einst mächtigen Sonne. Kobak war damals halb Seelsorger und halb Privatlehrer.in Innsbruck, und nur dank der zufälligen Bekanntschaft mit dem damals noch sehr jungen hebräischen Schriftsteller S. A. Horodetzki schrieb er den oben angeführten Aufsatz. In Innsbruck hielt es ihn nicht lange, und er kam wieder in seine Vaterstadt Lemberg zurück, wo er als Vereinsprediger (im Tikwath Zion) allwöchentlich seine geistreichen Vorträge hielt. Den ganzen Tag über bis in die späte Nacht saß er im ersten Zimmer der jüdischen Gemeindebibliothek und studierte. Er wurde fast zu einem Bestandteil dieser Bibliothek und alle Besucher — jung und alt — begegneten dem greisen Manne mit der langen Pfeife mit Ehre und Wohlwollen. Trotz seiner schlechten, ja oft dürftigen Kleidung, trug man dem Verblichenen die größte Achtung entgegen, und für manches aufstrebende Talent war er Berater, Leiter und Lenker. Sein immenses Wissen, sein frisches Gedächtnis, brachten alle in Staunen und oft gab er über Dinge Aufschluß, die niemand zu lösen imstande war. Manchmal war sein Arbeitstisch unbesetzt. „Wo ist der Doktor?" frugen die regelmäßigen Besucher der Bibliothek. Kobak war im Spital; während des schweren, ostgalizischen Winters fand er dort oft gastliche. Unterkunft. Die Herren von der Spitalverwaltung räumten ihm ein separates Zimmer ein, wo er Licht, Luft und gute Kost hatte. Gestärkt kehrte er nach einigen Wochen an „seinen" Bibliothektisch zurück, um nach einigen Monaten wieder ins Spital zu wandern. So ging es in die Runde! Die Herren von der Gemeindestube sahen ein, daß der greise Gelehrte eine fixe Ruhestätte haben müsse, und da ihm nicht anders zu helfen war, boten sie ihm einen Platz im Altersversorgungsheim an; er nahm ihn bereitwilligst an, und um seine Erhaltungsspesen zu decken, trug er den Pfründnern täglich Bibel und Talmud vor. Er „lernte" im Siechenhaus und kam immer seltener in die Bibliothek. Endlich fühlte er sich schwach und kam wieder ins Spital; hier besuchten ihn seine Freunde, und er erklärte ihnen, er gehe seinem Ende entgegen. Von Tag zu Tag nahm die Altersschwäche zu, trotzdem „sprach er Thora" und erklärte wohl manchen heiklen Satz aus der Schrift oder aus dem Talmud. Am 7. Februar übermannte ihn die Todesschwäche, er lispelte das letzte Bußgebet und verschied . . . auf fremdem Bette, als Pfründner der israelitischen Gemeinde, ein Gaon in Israel, ein Held der Thora . . . aber ein Opfer eines unglücklichen Familienlebens, dem nicht zu. raten und nicht zu helfen war. < vi Rabbiner Dr. Joseph Kobak ist um das Jahr 1832 in Lemberg geboren. „Dreimal bin ich geboren," — schreibt er in seiner Autobiographie im T a l p i j o t h 1895 — „im Gebetbuche meines Vaters (Mose Elieser Kobak) stand mein Geburtsdatum 15. El ul 5595 (1835) vorgemerkt, im Gemeindebuche der Stadt Lemberg lautete es: 25. September 1829, in einem anderen Buche 1830 und im Matrikelbuche der jüdischen Gemeinde: 28. September 1828." Scheinbar wurden die offiziellen Vormerkungen zielbewußt gefälscht, damit der junge Mann im jüngeren Alter vor der Militärkommission erscheine.. In der Jugend erhielt Kobak eine gute jüdische Erziehung, er machte alle Stufen des CH eders durch, mit dem sechsten Jahre begann er T a l m u d zu lernen und mit dem siebenten lernte er schon „H «a l a ch a, T o s a f o t h" und wurde oftmals am Sabbat von dem berühmten Rabbiner Jakob Ornstein geprüft und belobt. Dieser Umstand erschwert uns die Feststellung des Geburtsdatums Dr. Kobaks; Rabbiner Ornstein starb im Jahre 1839, somit müßte Kobak, der nach seiner eigenen Angabe erst im siebenten oder achten Jahre von Ornstein „verhört" wurde, im Jahre 1831 oder 1832 zur Welt gekommen sein. — In späteren Jahren kam er zu erstklassigen Talmudlehrern und galt bald als ausgezeichneter Kenner dieses Gegenstandes wie auch anderer jüdischer Disziplinen. Er war aber groß gewachsen und nun fürchteten seine Eltern und Verwandten, daß er den Militärdienst mitmachen müßte, daher beschloß der Familienrat, ihn ins Gymnasium zu übergeben, da Absolventen dieser Schule laut damaligen Gesetzen militärfrei waren. Man schoß das nötige Geld zusammen, und so kam Kobak ins Lemberger Staatsgymnasium. Während seiner Schulzeit fand er täglich einige freie Stunden zum Besuch

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