Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Man würde es als ein Zeichen der Einkehr und den Anfang einer besseren Einsicht betrachten, daß im verflossenen Jahre zum erstenmalin einem Gesetz über die Förderung der nationalen Industrie, die Fiktion, daß die Juden Fremde seien, fallen gelassen wurde. (Art. 21, al. b.) Dieses Gesetz statuiert ausdrücklich, daß „Arbeiter, die nicht unter ausländischem Schutze stehen, auch Israeliten, in bezug auf die nationale Arbeit nicht als Ausländer zu betrachten sind". Wie man uns berichtet, kommt hier zum erstenmal seit 30 Jahren in einem parlamentarischen Gesetze für Juden die Bezeichnung „pamintoni" (eingeboren) vor. König C a r o l I. soll eigenhändig zu einer Petition der bereits genannten rumänischjüdischen Union die Bemerkung gemacht haben: „Die Eingabe wird der ernsten Aufmerksamkeit -des Ministers des Innern und des Handels empfohlen, da sie mir gerechtfertigt erscheint. Eine so starke Bevölkerungsklasse, die seit Jahrhunderten im Lande heimisch ist, muß die Möglichkeit haben, durch ihre Arbeit zu existieren." Leider hat man aber aus keinem anderen Gebiete, außer diesem vereinzelten Gewerbegesetz, gesehen, daß die humane Anschauung des Königs bei den Ministern und legislativen Körperschaften Würdigung und Beachtung gefunden hätte. Anläßlich eines Kongresses der „Union" in Bukarest Ende Dezember v. I., schrieb das „liberale" Blatt „Biitorul" mit Bezug aus die in großen Versammlungen geltend gemachte Forderung der Juden, daß ihnen endlich die bürgerlichen Rechte gewährt werden: es sei nicht der richtige Moment seitens der Juden für ihre Proteste und Forderungen gewählt worden. In Anbetracht des drohenden Krieges sollten die Juden ganz uneigennützig den Beweis ihrer Ergebenheit an das Vaterland erbringen und keinerlei Forderungen in bezug aus ihre bürgerlichen Rechte stellen. Die rumänischen Politiker behielten sich offenbar vor, nach voller Ausnützung des stets bewährten Patriotismus der jüdischen Bevölkerung über deren Rechte in ruhiger Zeit wieder zur Tagesordnung überzugehen. Genaue Angaben über die Wirksamkeit aus dem Gebiete der Emigrantenfürsorge, über die Hilfsaktion für die Juden in Fez (Marokko), für die der Balkanländer sowie der Kassenbericht bilden den Abschluß der diesjährgen Mitteilungen der Wiener Allianz, die als ein würdiges Glied im Gesamtkörper der jüdischen Hilfsorganisation bezeichnet zu werden verdient. A. K. Lin neues Luch über die „Lsllrnmerkmsle der Juden". nachdem die Frage nach den raffenhaften Eigentümlich-- leiten der Juden durch das schon in drei Auflagen verbveitete Buch von Ignaz Zollschan „Das Rassenproblem", durch die eingehende Behandlung desselben Themas in Werner Sombarts Werk: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" sowie durch zahllose Aufsätze in Zeitschriften und Dorträge in Vereinen in den Mittelpunkt des Interesses der beteiligten und auch der fernerstehenden Kreise gerückt ist, tritt der New Uorker Arzt Dr. Maurice Fishberg jetzt mit einem Werk „Die Rassenmerkmale der Juden, eine Einführung in die Anthropologie"*), auf den Plan. Während die beiden obengenannten Werke das Problem mehr referierend und theoretisierend in Angriff nahmen, tritt ihm Dr. Fishberg auf Grund eigener Beobachtungen und gestützt auf die Untersuchungen anthropologisch geschulter Forscher — ich nenne in erster Linie den Arzt Dr. S. Weißenberg in Elisabethgrad — mit einem reichen statistischen Material näher. Ein besonderer Vorzug seines Buches sind die zahlreichen Illustrationen, die uns auf 42 Tafeln eine große Anzahl jüdischer Typen aus allen Weltteilen vor Augen führen. Auf diese Weise werden des Verfassers Ausführungen durch zumeist gut ausgewähltes und vorzüglich reproduziertes Anschauungsmaterial bestärkt. Das Buch ist eine Umarbeitung des vor zwei Jahren erschienenen englischen Werkes desselben Verfassers: „The Jews: *) München, Verlag Ernst Reichardt. 1913. M. 5.—, geb. M. 6.50. a study of Race and Environment". Die deutsche Bearbeitung verfolgt indes wesentlich andere Zwecke wie die englische: das Hauptziel des Verfassers ist hier, sowohl den Nationaljuden wie den antisemitischen Rassefanatikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und nachzuweisen, daß ihre Theorie einer „jüdischen" Rasse den Tatsachen gegenüber nicht bestehen kann. Zu bedauern ist nur, daß er noch von-„indogermanischem" oder „arischem" Typus im Gegensatz zum semitischen spricht. Das wird bei nicht informierten Lesern den Glauben erwecken, als ob es für die ernsthafte Forschung in der Tat einen solchen „arischen" Typus gäbe. Es ist aber nicht der Fall, wie ich — auch in diesem Blatte — schon öfter ausgeführt habe. Wir kennen nur einen indogermanischen (arischen) Sprachstamm, der vielerlei Völker und Rassen, darunter auch die meisten Juden, umfaßt und sich von Indien bis Island, vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean, in der Neuzeit auch über Amerika und Australien durch das Englische, Spanische und Portugiesische ausgedehnt hat*). Weiße und Mischlinge, Neger und Indianer bedienen sich gleicherweise der indogermanischen Sprachen zur Verständigung. Was hat die Sprache, ein konventionelles Mittel, demnach mit der Rasse, die von Vererbungs- und Umgebungseinflüssen bedingt wird, zu tun? Nach einer allgemein orientierenden Einleitung über die Theorie der jüdischen Rasse wird im ersten Abschnitt die Anthropologie der Juden behandelt: Haut-, Haar- und Augenfarbe, Schädelformen, Körpergröße und Nasenform der Juden werden eingehend betrachtet. Resultat: Es gibt dunkle und helle, große und kleine Juden mit geraden und krummen Nasen (letztere sind nach der Statistik des Verfassers die selteneren!). Der zweite Abschnitt behandelt die Physiologie der Juden: Muskelentwicklung, Brustumfang, Wachstum und Fruchtbarkeit. Resultat: die drei ersteren verbessern sich, wo die Lebensbedingungen der Juden besser geworden sind; die letztere nimmt wie bei allen Städtebewohnern (ein internationales Phänomen!) ab und das sind, wenigstens in Westeuropa und in Nordamerika, die allermeisten Juden. Dann werden die Mischehen statistisch beleuchtet und endlich die Fabel zurückgewiesen, daß die Juden die Sprachen ihrer Wirtsvölker nur mit eigenartigem Tonfall (Mauscheln!) und fremder Artikulation erlernen könnten. Ein umfänglicher dritter Abschnitt ist der Pathologie der Juden gewidmet, ihrer angeblichen Disposition zu gewissen Krankheiten (Diabetes, Nervenleiden usw.) und ihrer verhältnismäßigen Immunität gegen andere (Krebs, Tuberkulose usw.). Resultat: auch hier spielen keine Rasseeigentümlichkeiten mit, sondern die besseren hygienischen Verhältnisse selbst bei armen Juden sind die Ursache der geringeren Mortalität. Der nächste vierte Abschnitt beschäftigt sich mit den jüdischen Typen in den verschiedenen Erdteilen: Aschkenasim und Sephardim in Europa, palästinensische und syrische, jemenitische und kaukasische, indische und chinesische Juden in Asien, nordasrikanifche Juden und Falaschas in Afrika usw. Der letzte fünfte Abschnitt befaßt sich mit. dem Einftrömen fremden Blutes in das jüdische Volk und betrachtet das Proselytentum unter den Juden seit der biblischen Zeit bis zum heutigen Tage. Am Ende des Buches stellt der Verfasser seine Schlußfolgerungen zusammen: er glaubt nicht an die Existenz einer jüdischen Rasse; es gibt Nur eine jüdische Religion. Mit dieser Ansicht werden freilich nicht alle Leser des Buches einverstanden sein; denn das Vorhandensein eines jüdischen Typus läßt sich nun einmal nicht in Abrede stellen, mögen wir unter unseren Glaubensgenossen auch noch so viele Individuen finden, die ihn nicht ausweisen, oder — nicht *) Vgl. mein jüngst erschienenes Werk „Kultur, Ausbreitung und Herkunft der Jndogermanen". Berlin, Weidmann, 1913.