Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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als solche von Kaüfleuten erster Gilbe und von Juden mit akademischer Bildung auszunehmen. ' Aus zahlreichen Ortschaften in den Gouvernements Poltawa, Tschernigosf, Kiew, Wolhynien, Podolien, wo den Juden der Aufenthalt sonst gestattet war, wurden in letzter Zeit, jüdische Familien massenhaft vertrieben. Die Intervention beim Minister des Innern in Petersburg blieb erfolglos. Als Grund gab man an, daß der Aufenthalt der Juden aus die Bauern eine schädliche Wirkung habe. Wie wenig Wahrheit aber an dieser Beschuldigung ist, zeigte sich besonders dadurch, daß nicht selten die nichtjüdische Bevölkerung an die Behörde, Bittschriften richtete, daß man die Juden nicht behellige. Als Lichtpunkt in dieser fast undurchdringlichen moralischen Finsternis kann es gelten, daß hin und wieder, trotz des von oben ausgeübten Druckes, sich aus der Mitte der russischen Bevölkerung Stimmen zugunsten der Juden erheben, und daß das Schamgefühl über die unmenschliche Hetze zum Durchbruch gelangt. Aus kommerziellen und industriellen Kreisen hat man oft bei der Zentralregierung auf eine Linderung der drakonischen Maßregeln hinzuwirken versucht. Aus Irkutsk in Sibirien haben sich Vertreter der Bürgerschaft mit einem Memorandum an die Regierung gewandt, in welchem nachgewiesen wird, daß die ökonomische Entwicklung Sibiriens die Gewährung eines uneingeschränkten Wohnrechtes für die Juden erheischt. Der Mönch Jliodor, der einer der eifrigsten Hetzapostel gegen die Juden innerhalb der rechtgläubigen Kirche war, wurde im vorigen Jahre von einem Gefühl der Reue ersaßt, und er veröffentlichte einen rührenden Brief, in welchem er die Juden um Verzeihung bat: es sei ihm jetzt ein Licht aufgegangen, und er sähe, wie unrecht er habe: „Volk Israel, vergib mir meine schwere Schuld! Das Blut der kleinen Kinder, welche bei den Pogromen ermordet wurden, - läßt mir keine Ruhe; ich erkenne jetzt, daß Gott die Juden unter den Völkern verbreitet hat, um die ewige Wahrheit zu fördern." Die Folge dieser Veröffentlichung war, daß Jliodor aus der rechtgläubigen Kirche ausgestoßen wurde. Ein besonderes Kapitel bildet der Bericht über den Boykott der Juden in Russisch-Polen und die traurigen Folgen, die er bereits gezeitigt hat. Nur folgende Stelle sei hier wiedergegeben: „Seit dem November des verflossenen Jahres befindet sich ganz Polen in einem Taumel fanatischen Hasses und barbarischer Bekämpfung des schwächeren Bevölkerungsteils durch den stärkeren. Alle politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten sind anscheinend in den Hintergrund getreten vor dem einen beherrschenden Gedanken des Judenboykotts. In Rede und Schrift gibt es nur eine einzige Parole: vernichtet die wirtschaftliche Existenz der Juden, macht sie zu Bettelarmen, drängt sie („in aller Ruhe und ohne Exzesse" heißt es in einzelnen Blättern) konsequent aus dem Lande heraus! Dieser Parole huldigen seit Wochen fast alle polnischen Zeitungen mnd Zeitschriften; in solchem Sinne agitieren unausgesetzt der „Kurj.er Warszawska", „Gazetta Poranna", „Goniec", „Dzien", „Biblioteka Warszawska" und viele andere Organe. Nicht nur konservative, sondern auch solche Organe, die gemeiniglich als fortschrittlich gegolten haben und auch heute für die Freiheit schwärmen, führen eine gefährliche Pogromsprache. Es ist ein einzigartiger Boykott, der sich durch mittelalterlichen Fanatismus und moderne raffinierte Methoden auszeichnet." Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Mitteilungen "über die Bemühungen verschiedener Kreise, die Gleichstellung der Juden in Rumänien mit den anderen Bürgern des Landes zu erlangen. Der aktuelle Bericht lautet: : ' Seitdem die mächtig aufstrebenden Königreiche Bulgarien, Serbien und Griechenland, in welchen die Juden alle bürgerlichen und politischen Rechte genießen, zu größerer internationaler Bedeutung gelangt sind, tritt es um so mehr als europäischer Skandal hervor, daß Rumänien, dessen Unabhängigkeitserklärung seinerzeit ausdrücklich an die.Bedingung der.Gleichstellung der Bürger aller Bekenntnisse von den Großmächten geknüpft wurde, keine Schritte unternimmt, um seinen strikten Verpflichtungen nachzukommen, unddie ruma- ' Nischen Juden die einzige in den Balkanländern unter wirklicher bürgerlicher Entrechtung leidende Bevölkerungsklasse geblieben , sind. Wir haben mit Rücksicht auf die jüngsten Walkanereignisse noch einmal unsere bereits im Jahre 1902 dem Grafen Goluchowski überreichte Denkschrift dem tr u. k. Ministerium des Äeußern mit einem Nachtrag und einem besonderen „Prov memoria“ zukommen lassen, worin wir insbesondere auf die eigentümliche Situtation Hinweisen, welche sich durch die Aspiration Rumäniens auf die Vergrößerung seines Gebietes ergibt. Sollte diesem Staate ein Gebietzuwachs von den -Großmächten zugestanden werden, so würde dies einer Sanktionierung und Gutheißung des vertragswidrigen Verhaltens der rumänischen Regierung und einer Billigung der fortdauernd schweren Bedrückung der Juden gleichkommen. Es würden überdies die jüdischen Bewohner der eventuell abzutretenden bulgarischen Gebiete, die alle bürgerlichen und Politischen Rechte genießen, in einer ganz unerhörten Weise durch die Gebietsabtretung entrechtet werden. Wir finden es begreiflich, daß das Konsistorium der bulgarischen Juden gegen ein derartiges Ansinnen durch öffentliche Kundgebungen und Eingaben an die Botschafter der westeuropäischen Machte Verwahrung eingelegt hat. Der gewesene italienische Ministerpräsident L u i g i L u z z a t t i veröffentlichte am 3. März 1913 im „Corriera de la Sera" einen Appell an die europäische Diplomatie (er wurde seinerzeit auch von uns mitgeteilt. D. Red.), worin er daraus hinweist, daß der bekannte Artikel 44 des Berliner Vertrages, welcher die Gleichberechtigung aller Staatsbürger aller Konfessionen in Rumänien statuiert, nicht zur Durchführung gelangt-ist, daß die Juden, die alle bürgerlichen Lasten tragen und auch zum Militärdienst herangezogen werden, wie heimatlose Vagabunden behandelt werden, und daß die europäischen Mächte dieser „degradazione umana“ ein Ende machen sollten. Auch im englischen Parlamente wurde in einer Interpellation an Minister Sir Edward G r e y aus die flagrante Ungerechtigkeit hingewiesen. In Rumänien selbst hat die wackere „Union des Jsraelites" durch Petitionen an den König und an die Kammern den Kamps für die 'bürgerlichen Rechte fortgesetzt. In einer Eingabe an die Deputiertenkammer heißt es mit Bezug auf die unglückselige Politik, durch welche die eingeborenen Juden offiziell als „Fremde" behandelt werden: „Seit fünfzig Jahren hat eine endlose Reihe administrativer Beschränkungen, welche allgemein gegen die „Fremden" gerichtet sind, nur uns allein und nicht die wirklichen Fremden in Erwerb und Existenz geschädigt. Die wirklichen Ausländer können in ihr Land zurückkehren oder leicht das rumänische Bürgerrecht erwerben, während wir eingeborenen Juden kein anderes Vaterland haben als das rumänische, in dem wir geboren wurden. Und uns wird nicht einmal die Naturalisation gewährt. Um dieses Verhalten zu rechtfertigen, ist behauptet worden, daß das rumänische Volk gegenüber den Juden zu schwach sei. Die Dinge werden so dargestellt, als wenn es Gegensätze zwischen Rumänen und Israeliten gebe. Wir haben gemeinsame Interessen eben aus dem Grunde, weil auch wir Rumänen sind, denen der Wohlstand.'des Vaterlandes am Herzen liegt." Um die Meinung einflußreicher Persönlichkeiten in der Frage der Rechte der Juden kennen zu lernen, hat der genannte Verein auch eine Umfrage unter Schriftstellern, Ministern, Deputierten, Senatoren veranstaltet. Die meisten im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeiten haben sich vorsichtig in Schweigen gehüllt. Einzelne haben jedoch den Mut gehabt, ihre freie Meinung zu sagen, darunter M. Costasoru, ein Publizist, der sich sehr scharf gegen den Mißbrauch der „nationalen" Gesinnung wendet, welche gewisse Patrioten zur Schau tragen, um Haß und Zwietracht unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu verbreiten: „Wenn wir einen Blick werfen auf die zivilisierte Welt, so bemächtigt sich unser ein Gefühl der Schande. Wir sind dahin gelangt, daß wir das einzige Volk in der Welt sind — neben den Russen — welches zwischen Juden und dem übrigen Teil der Bevölkerung eine Barriere ausrechterhält. Wir bezeichnen den Juden als Ausländer, der kein anderes als unser gemeinsames Vaterland besitzt. Die Behandlung lähmt die Tätigkeit und die Fähigkeiten von Tausenden junger Israeliten, so daß in unserem gastfreundlichen Lande der unglaubliche Zustand eingetreten ist, daß die Israeliten nur in der Auswanderung ihr Heil suchen." Ein anderer Publizist, Al. Ciurcu, veröffentlichte am 18. und 19. Juni im „Adeverul" eine freimütige Verurteilung der rumänischen Judenpolitik: „Die Frage der Zuerkennung der bürgerlichen Rechte an die eingeborenen Juden ist nicht bloß eine Frage politischer Weisheit, sondern auch der Billigkeit und Humanität.: Eine große Anzahl von Kindern des Landes als res nullius zu behandeln, ihnen das Vaterland zu rauben, sie für vogelsrei zu erklären, ist ebenso ein Widerspruch mit den modernen Anschauungen wie mit dem edlen rumänischen Charakter." ,